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Steckt der dapd in der Wachstumsfalle?

Die vergangenen Tage waren für die Macher des dapd höchst bewegend. Erst feierten sie mit hochrangigen Gästen ihre neue Agentur und gaben - nach dem Launch eines üppigen Videoangebots - Vorbereitungen für ein eigenes Sportressort bekannt. Dann jedoch erreichte den News-Dienstleister das Grauen: Ein höchst peinlicher Fehler führte dazu, dass der dapd ein ganzes "Thema des Tages" zurückziehen musste. All das wirft die Frage auf: Wächst der neue Player auf dem Markt vielleicht zu schnell?

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Die vergangenen Tage waren für die Macher des dapd höchst bewegend. Erst feierten sie mit hochrangigen Gästen ihre neue Agentur und gaben – nach dem Launch eines üppigen Videoangebots – Vorbereitungen für ein eigenes Sportressort bekannt. Dann jedoch erreichte den News-Dienstleister  das Grauen: Ein höchst peinlicher Fehler führte dazu, dass der dapd ein ganzes "Thema des Tages" zurückziehen musste. All das wirft die Frage auf: Wächst der neue Player auf dem Markt vielleicht zu schnell?
Freitagmorgen. Der dapd meldet "Würth-Gruppe verlegt Konzernsitz in die Schweiz". In der Meldung selbst heißt es: "Die Würth-Gruppe aus dem baden-württembergischen Künzelsau wird künftig von der Schweiz aus gesteuert. Im November soll in Rorschach mit dem Bau des neuen Konzernsitzes begonnen werden, wie eine Unternehmenssprecherin der Nachrichtenagentur dapd sagte." Eine Meldung also, die nach Exklusivität riecht. Und bei 59.000 Mitarbeitern im Unternehmen nach einer großen Story. Da wundert es nicht, dass der dapd kurze Zeit später im Dienst für seine Kunden in der Vorschau des Wirtschafts-Ressorts ankündigt:

THEMA DES TAGES:
Würth-Gruppe verlegt Konzernsitz in die Schweiz
– Meldung, bereits gesendet
– Nachrichtenfeature bis 1400
– Porträt Würth bis 1500
– Zusammenfassung mit Reaktionen bis 1500

Mit Kritik der IG Metall läuft prompt die erste Reaktion ein, die Quelle: Ebenfalls eine Anfrage von dapd, das Material zunächst also exklusiv, in dem die regionale Geschäftsführerin der Gewerkschaft angibt, es vorzuziehen, "wenn der Konzernsitz am Traditionsstandort bleiben würde". Am späten Vormittag folgt ein "dapd Feature" mit dem Titel "Den ‚Schraubenkönig‘ zieht es in die Schweiz – Würth-Gruppe aus Künzelsau verlegt Konzernsitz nach Rorschach". Dazu sendet die Redaktion auch noch ein "dapd Stichwort" über den Weltkonzern für Schrauben und Dübel an ihre Kunden. Sender wie der SWR-Hörfunk vermelden hastig "Würth verlegt Konzernsitz in die Schweiz", Welt-Online setzt über das Material gar die Headline "Schraubenkönig kehrt deutschem Fiskus den Rücken".
Nach der Mittagspause aber wird rasch klar: Hier läuft gewaltig etwas schief. Am frühen Mittag meldet beispielsweise bereits die dpa: "Die Würth-Gruppe hat Berichte zurückgewiesen, wonach ein Umzug der baden-württembergischen Firma in die Schweiz bevorsteht." Eine Sprecherin des Unternehmens habe angegeben, "entsprechende Meldungen seien falsch". Das ist so etwas wie der größte anzunehmende PR-Schaden in der Branche: Eine Nachrichtenagentur korrigiert die andere – wenn auch indirekt, ohne in diesem Fall dapd namentlich zu brandmarken.
Später informiert schließlich auch der dapd seine Kunden über den Vorfall. In einer Korrektur-Meldung heißt es: "Hiermit wird die gesamte heutige Berichterstattung der Nachrichtenagentur dapd über die Würth-Gruppe zurückgezogen. Die Aussage, dass Würth seinen Konzernsitz verlegt, ist in dieser Absolutheit nicht zutreffend. Sie erhalten in Kürze berichtigte Neufassungen." Zu dieser Zeit hatte die Würth-Gruppe bereits eine Pressemitteilung mit dem Titel "Meldung Nachrichtenagentur dapd zum Konzernsitz ist falsch" verschickt. Auch das: ein Imageschaden für den dapd, der später in einer berichtigten Neufassung seiner Meldung nur noch titelte "Würth-Gruppe baut Konzernsitz in der Schweiz aus". Am Ende der Korrektur erfuhren die Kunden zudem: "Diese Meldung ersetzt die heutige Berichterstattung über die Würth-Gruppe. Damit wird klargestellt, dass die Würth-Gruppe nicht ihren Konzernsitz in die Schweiz verlegt und von dort aus auch nicht das Unternehmen steuert."
Die große Frage ist nun, was da passiert ist. Die Kunden von dapd haben das bisher jedenfalls nicht von ihrer Agentur erfahren. Erklärende Worte im Dienst, wie sie etwa dpa-Chef Wolfgang Büchner bei Fehlern im eigenen Angebot zu pflegen weiß, blieben aus. dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt sagte auf Anfrage von MEEDIA jedoch: "Wir wollen das, was da vorgefallen ist, nicht beschönigen. Das hätte nicht passieren dürfen." Die Chefredaktion um Cord Dreyer habe sich zudem bei Würth persönlich entschuldigt.
dapd-Sprecher Wolfgang Zehrt sagte MEEDIA wie dem Spiegel, der am Montag ebenfalls mit einer Meldung über den Vorfall berichten wird, eine freie Mitarbeiterin habe den E-Mail-Verkehr mit dem Konzern "falsch interpretiert". Weil das Material in sich plausibel gewesen sei, habe auch das Vier-Augen-Prinzip beim Herausgeben der Texte nichts verhindert. Von der freien Mitarbeiterin habe sich der dapd nach Zehrts angaben zudem "umgehend" getrennt. Am Sonntagabend nahm schließlich Cord Dreyer intern Stellung, mehr zu seiner überraschend ehrlichen und ausführlichen Selbstkritik hier.
Diskutieren lässt sich zudem, ob der dapd abseits seines bisherigen Kerngeschäfts nicht vielleicht zu schnell wächst und deshalb inhaltlich an seine Grenzen stößt. Während der Basisdienst aus dem In- und Ausland noch damit beschäftigt ist, sich zu sammeln und deshalb beim Amoklauf in Lörrach Mitte September etwa lediglich mit einem Drittel des Angebots an seine Kunden herantrat, das dpa auffuhr, rüstet er in anderen Segmenten auf: Da ist der neue Videodienst, der mit 40 täglichen Filmberichten aus aller Welt und 15 eigenen Videojournalisten sowie zehn Redakteuren in der Leipziger Video-Zentrale allein für das angekündigte Web-Angebot arg überdimensioniert wirkt. Und da ist die Ankündigung der Eigentümer, im Frühjahr des nächsten Jahres ein eigenes Sportangebot zu starten.
Will sich der dapd als vollständige Alternative zum Marktführer, der Deutschen Presse-Agentur (dpa), positionieren, fehlt ihm freilich ein Sportpaket. Bisher sind Kunden, die ganz auf die dpa-Dienste verzichten wollen, nicht aber auf eine Versorgung aus dem Sport, auf ein Abo des Sport-Informations-Dienstes (SID) angewiesen. Deshalb gilt laut dapd-Chef Cord Dreyer für die Lieferpreise derzeit auch die Faustformel: dpa-Abopreis minus SID-Abopreis minus 25 Prozent. Das Problem an der Sache ist jedoch, dass der SID zwar eine 100-prozentige Tochter des hiesigen Ablegers der Agence France-Presse (AFP) ist. Er ist allerdings nicht als Teil einer Rabattstaffel zu haben. Anders als etwa beim dpa-Sport, der als Modul günstiger daherkommt, wenn Redaktionen weitere Ressorts der dpa buchen. Auch aus dieser Preisfalle will sich der dapd nun offensichtlich befreien.
Das Beraterteam um Dreyer, das sich aktuell mit dem Aufbau einer eigenen Sportberichterstattung befasst, muss sich indes unter anderem mit dieser Frage befassen: Wie realistisch ist es, binnen kurzer Zeit ein Netz an Reportern mit Insider-Kontakten zu knüpfen? Der SID und der dpa-Sport leben im Wesentlichen davon, dass sie in Sportvereine und -verbände hervorragend vernetzt sind. Eine Garantie für Geschwindigkeit, vor allem aber für Exklusivität im Angebot. Ohne Abwerbungen im großen Stil dürfte es dem dapd schwerfallen, hier auch nur ansatzweise anzugreifen.
Setzt er hingegen lediglich auf eine absolute Grundversorgung, könnte das klappen. Geld für die Einstellung neuer Leute scheint derzeit zum Beispiel kein gewaltiges Problem zu sein: Die Privatinvestoren Peter Löw und Martin Vorderwülbecke schieben mit ihren Investments ein Großprojekt nach dem anderen an – und erwarten nach öffentlichem Bekunden allenfalls in fünf bis sechs Jahren das Erreichen der Gewinnzone. Von einem "Return of Investment" war bisher sogar gar nicht die Rede. Genau das ist die große Gefahr für die anderen Spieler am Markt, die ihre Investitionen zu großen Teilen erst selbst erwirtschaften müssen – und das in einer Zeit, in der ihre Kundschaft und Gesellschafter nicht vor Gewinnen strotzen.
In der Szene munkeln sie übrigens bereits, die frühe und selbstbewusste Ankündigung eines dapd-Sportangebots könnte auch eine Aufforderung in Richtung Paris sein. dapd-Eigner Vorderwülbecke war immerhin bei seinen Versuchen, mit den AFP-Konzernchefs über deren deutsche Aktivitäten zu sprechen, abgeblitzt. So kam es bisher nie zu offiziellen Gesprächen, in denen beispielsweise ein Verkauf des profitablen SID oder zumindest eine Kooperation wie eine Belieferung von dapd-Kunden Thema sein konnten. In Paris werden sie die Signale aus Berlin zweifellos vernommen haben. Doch gegen ein Aufweichen der Fronten spricht: Nach längerer Pause verbündet sich die AFP derzeit mehr und mehr mit der dpa. Kooperationen auf Text- und Fotoebene sind längst angelaufen. Außerdem fehlt der dapd in der internationalen Sport-Berichterstattung bisher Exklusivität: Ausgerechnet der Hauptkonkurrent, die dpa, wertet die Sportmeldungen des dapd-Lieferanten AP aus (siehe Bericht).
Als am Freitagabend die deutsche Nationalmannschaft in Berlin der Türkei zusetzte, beobachteten übrigens auch Reporter des dapd das Spiel. Nach dem Abpfiff vermeldeten sie: "Klose und Özil treffen beim 3:0-Heimerfolg gegen die Türkei". Was folgte, war eine klassische Sportmeldung mit zwei Absätzen. Mehr ist bisher jedenfalls nicht drin, von bunten Geschichten rund um das Spiel natürlich abgesehen. Neben der mäßigen Spielkunst auf dem Platz dürfte den dapd-Kollegen aber auch ein prominenter Werbe-Kunde aufgefallen sein: Neben anderen Marken prangte während des Spiels auch das Logo des Konzerns "Würth" leuchtend am Platzrand.
Aktualisierung 10. Oktober, 12 Uhr: Das Stück wurde um einige Angaben zur Schuldfrage ergänzt. 11. Oktober, 17.40 Uhr: Das Stück wurde nach Äußerungen Cord Dreyers zum Thema im Mittelteil aktualisiert.

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