Der Deutsche Fernsehpreis ist tot

... er muss nur noch begraben werden. Mit einer unvergleichlich erfolglosen Reform des Preises haben die vier großen Sender ARD, ZDF, RTL und Sat.1 so ungefähr alle gegen sich aufgebracht, die etwas mit der TV-Branche zu tun haben, oder sich zumindest für die Geschehnisse rund um die Verleihung der Awards interessieren. Regisseure, Drehbuch-Autoren, Schauspieler, Journalisten, Fotografen, Publikum - alle sind unzufrieden mit der Reform. Ein Kommentar von MEEDIA-Autor Jens Schröder.

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Schon in den vergangenen Jahren wurde immer wieder an der Fernsehpreis-Verleihung herumgebastelt. Nie waren die Stifter von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 so richtig zufrieden. Mal war die Show zu lang, dann waren die Kategorien zu öffentlich-rechtlich, Skandale wie der um Marcel Reich-Ranicki taten ihr Übriges, um den Preis zu beschädigen. Doch mit der kaum nachvollziehbaren Reform des Jahres 2010 haben die Stifter der Verleihung nun aus eigenen Dingen so schwer geschadet, dass eine Wiederbelebung viel Kraft kostet. Sie haben sich mit vielen angelegt:

Mit den wahren Fernsehmachern, den Regisseuren, Drehbuchautoren, etc: Durch die Reform wurden zahlreiche Kategorien, in denen die Menschen hinter den Kulissen, die die Filme, Shows und Serien erst möglich machen, ausgezeichnet wurden, gestrichen. Die besten Regisseure, die besten Drehbuchautoren, der beste Schnitt, die beste Kamera, die beste Musik, die beste Ausstattung – all diese Preise wurden 2010 nicht mehr vergeben – ein Schlag ins Gesicht der wahren Fernsehmacher. Gerade die geehrten Menschen hinter den Kulissen waren oftmals das Salz in der Fernsehpreis-Suppe. Folge der Reform: Die Filmmusik-Komponisten werden im November erstmals ihren eigenen Preis vergeben, Regisseure, Autoren, Schauspieler und andere denken über einen Gegen-Fernsehpreis nach.

Mit dem Rest der TV-Branche: Der Ehrenpreis des Jahres 2010 ist ein Schlag ins Gesicht aller Fernsehmacher. Der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft die wichtigste Auszeichnung des Jahres zu verleihen ist an Sinnlosigkeit kaum zu toppen. Natürlich hat sie bei der WM in Südafrika eine neue Rekord-Einschaltquote erzielt. Aber muss man ihr deswegen einen Fernsehpreis verleihen? Bekommt demnächst der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin einen Preis, weil die Wahl-Berichterstattung so spannend war? Der Ehrenpreis wurde durch diese Entscheidung vollkommen entwertet und zu Recht gab es zum wohl ersten Mal keine Standing Ovations für den Preis-Abholer Oliver Bierhoff.

Mit den Fotografen und Journalisten: Eine weitere Änderung bei der Verleihung war der Ersatz der After-Show-Party mit lockerem Buffet durch ein festliches Gala-Dinner mit festen Plätzen und ohne Freiheiten. Nicht nur die Fernsehpreis-Gäste selbst bemängelten diese Innovation, sondern vor allem auch die akkreditierten Journalisten und Fotografen. Sie wurden in einem umzäunten Bereich des Coloneums festgehalten, durften nicht zu den Schauspielern, Geschäftsführern, Fernsehmachern, sondern mussten warten, dass ab und zu mal jemand zu ihnen kam (siehe dazu den Bericht des DWDL-Kollegen Thomas Lückerath). Die After-Show-Party war in der Vergangenheit eins der Highlights des Fernsehpreises – ein Branchentreff, bei dem es spannende Gespräche gab. Ich habe bei meinen drei oder vier Fernsehpreis-Besuchen nie erlebt, dass ein Senderchef, ein Schauspieler oder Moderator sich über die Journalisten beschwert hätte, die mit ihnen auf der Party feierten und gefordert hätte, sei wegzusperren. Auch dieses Branchentreff haben die Stifter des Preises nun zum Teil zerstört.

Mit dem TV-Publikum: Auch die Ausstrahlung der Verleihung stand bei den Änderungen im Mittelpunkt. Das Streichen vieler Kategorien sollte die Veranstaltung straffen, die Quote nach dem Tiefpunkt 2009 wieder steigen lassen. Dass das teilweise gelungen ist – weniger Zuschauer als in den meisten Vorjahren hatte die Show dennoch – lag wohl vor allem an Jan-Josef Liefers und Axel Prahl. Ihr "Tatort" lockte mehr als 10 Mio. Fans, klar, dass danach noch ein paar Millionen für den Fernsehpreis übrig blieben. Dennoch zeigt auch die Ausstrahlung, wie wichtig der Preis den Senderchefs noch ist. Erstmals wurde die Verleihung erst um 21.45 Uhr gezeigt – und das auch noch 26 Stunden nach der Veranstaltung in Köln. Dass man den Medien dann auch noch eine 26-Stunden-Sperrfrist für die Verkündung der Sieger auferlegt, ist albern. In der Branche hatte sich auch bei den Leuten, die nicht in Köln waren, längst herumgesprochen, wer gewonnen hatte – und Medien wie die Bild am Sonntag hielten sich ohnehin nicht an die Sperrfrist und verrieten z.B. die beiden Schauspieler-Preisträger. Dem Publikum ist eine 26-Stunden-Pause zwischen Verleihung und Ausstrahlung daher nur schwer vermittelbar.

Die Zukunft? Wie kann nun also eine Lösung aussehen, den Preis nach dem Katastrophenjahr 2010 wiederzubeleben? Dafür müssten die vier Stifter einen riesigen Sprung über ihren Schatten machen. Nur, wenn sie ihre Innovationen noch einmal überdenken, kann der Preis vor dem Rutsch in die komplette Belanglosigkeit gerettet werden. Vielleicht muss aber auch ein völlig neuer Fernsehpreis erfunden werden, der den bisherigen ersetzt. Schon die Tatsache, dass er von den vier großen Sendern ausgerichtet wird, ist ein Problem. So gibt es in der Jury unterschwellig immer einen Druck, allen vier Sendern auch Preise zukommen zu lassen, kleinere Sender haben es meist schwer. Die Idee einiger Fernsehschaffender, nach Vorbild von Oscar und Emmy eine Art Akademie zu gründen, in der Schauspieler, Regisseure, Autoren & Co. über die Preise abstimmen, ist daher gut und unterstützenswert. Die 12 Monate bis zum Deutschen Fernsehpreis 2011 dürften auf jeden Fall eine spannende Zeit werden – mit hoffentlich vielen Gesprächen und Diskussionen über die Zukunft der Veranstaltung.

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