dpa, dapd, AP und Sport: Wer blickt noch durch?

Sportredakteure, die sich mit dem Dopingfall des Alberto Contador befassen, können beim Sichten der Agenturen auf ganz besondere Phänomene stoßen. Es mischt nämlich nicht nur der neue Basisdienst von dapd bei diesem Thema mit, obwohl ihm ein dezidierter Sportdienst fehlt. Noch viel auffälliger ist, dass sich die dpa bei ihren Berichten auf AP-Material stützt, während der dapd damit wirbt, AP-Inhalte lizenziert zu haben. Durchblick gefällig? Bitteschön!

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Sportredakteure, die sich mit dem Dopingfall des Alberto Contador befassen, können beim Sichten der Agenturen auf ganz besondere Phänomene stoßen. Es mischt nämlich nicht nur der neue Basisdienst von dapd bei diesem Thema mit, obwohl ihm ein dezidierter Sportdienst fehlt. Noch viel auffälliger ist, dass sich die dpa bei ihren Berichten auf AP-Material stützt, während der dapd damit wirbt, AP-Inhalte lizenziert zu haben. Durchblick gefällig? Bitteschön!
Als wäre die Geschichte um den spanischen Profiradsportler nicht an sich schon undurchsichtig genug – nur einen Tag bevor sein positiver Doping-Befund die Öffentlichkeit erreichte, verbreitete die dpa immerhin noch die Meldung "Radstar Contador: ‚Dopingfälle sind Vergangenheit’", ein Zitat aus einem Magazininterview, das sich prompt überholt hatte. Den Kunden von Nachrichtenagenturen bietet sich hierzulande allerdings mitunter noch ein ganz anderes, skurriles Verwirrspiel.
Bemerkenswert ist zum einen, dass sich der neue Basisdienst des dapd, der sich Anfang September aus AP-Deutschland und dem ddp gebildet hatte, auch breit in die Berichterstattung einklinkte. Getreu der Vorgabe des Chefredakteurs und Geschäftsführers Cord Dreyer, dapd spiele bei Sportberichten mit, soweit sie Titelfähig sind ("Das sind Sport-Geschichten, die es auf die Seite Eins von Zeitungen schaffen, also etwa Doping, Wettbetrug und die Planung von Sportevents, also Themen, die bei AP-Deutschland schon immer stattgefunden haben"). Ein Modell, das schon der hiesige Dienst der US-Agentur Associated Press (AP) fuhr, dem ein eigenes explizites Sportangebot fehlte, wie nun auch dem dapd.
So greift auch der dapd vor allem auf das englischsprachige Weltmaterial der AP zurück, für Kunden meist daran zu erkennen, dass in der Fußzeile der Meldung nicht nur Buchstabenkürzel, sondern auch Zahlen vorkommen – sie verweisen auf die Meldungsnummern in den Weltdiensten, aus denen der dapd fleißig in das eigene Angebot übersetzt. Etwa das inhaltlich starke Stück "(dapd Feature) Der Radsport kämpft um seine Glaubwürdigkeit" vom 30. September, 14 Uhr. Hier lautete die Fußzeile "dapd/281,294/rt/ah".
Dass es sich hier weitgehend um die Übernahme des lizenzierten Materials aus den USA handelte, war bei dieser Geschichte aber ohnehin noch viel einfacher zu erkennen, denn das Feature war verfasst von Reporter John Leicester. Und weil der nicht bei dapd unter Vertrag steht, hieß es am Ende des Materials: "John Leicester ist Korrespondent der AP".
So weit, so klar. Verwirren konnte nun aber etwa die Meldung "Contador-Sprecher bestreitet Bluttransfusion" vom 1. Oktober, 17.45 Uhr. Darin hieß es: "Sein Sprecher sagte der Nachrichtenagentur AP, der dreimalige Tour-de-France-Sieger ‚bestreitet kategorisch, eine Bluttransfusion erhalten zu haben‘." Das Besondere daran: Die Meldung, die sich auf AP stützt, stammt von der dpa und nicht vom dapd, der damit wirbt, sich mit der Übernahme der hiesigen Redaktion von AP-Deutschland auch das Recht gesichert zu haben, das Angebot der US-Agentur für den deutschen Markt auswerten zu können. Der dapd bezeichnet sich seitdem selbst sogar als "deutscher Partner der weltgrößten Nachrichtenagentur Associated Press".
dapd entgeht Exklusivität
Warum nun stützt sich mit der dpa ausgerechnet der größte Mitbewerber auf das Material, das der dapd zweifellos für viel Geld lizenziert hat? Ganz einfach: Unabhängig von diesem Deal hält die dpa schon seit Jahren eine Lizenz für die Nutzung des AP-Angebotes. Eine Vereinbarung, die jedoch auf Sportereignisse außerhalb Deutschlands begrenzt ist. Die dpa kann deshalb bei Bedarf nicht nur auf Sportmeldungen von AP aus den USA, sondern auch aus anderen Teilen der Welt zugreifen – so wie es dapd mit dem gesamten Angebot macht. Dem dapd entgeht so bisher ein gutes Stück an Exklusivität auf dem deutschen Markt.
Noch Ärgerlicher für den dapd: Solange er hierzulande nicht selbst ein Sportangebot aufgebaut hat – was ökonomisch ohnehin höchst zweifelhaft wäre, da sich neben der dpa mit der AFP-Tochter SID noch ein weiterer Wettbewerber etabliert hat – dürfte die AP-Zentrale in New York zudem auch noch ein hohes Interesse daran haben, die Vereinbarung mit der dpa zu halten: Die Heimat- und Weltdienste der AP werten für das Geschehen in der wichtigen Sportnation Deutschland umgekehrt das Angebot der dpa aus.
Ungewöhnlich ist das alles nicht: Der SID tauscht sich sogar gleich mit zwei Weltagenturen aus, neben dem Mutterkonzern AFP auch noch mit dem internationalen Angebot von Reuters. Der Sport ist damit das Feld, auf dem die Trennschärfe der Agenturmarken am schwächsten ist. Ein Phänomen, das nicht zuletzt auch belegt, wie sehr Agenturen zuweilen auf starke Kooperationen untereinander angewiesen sind. Gerade auf dem deutschen Markt.
Fragen zum Agenturmarkt? Ungewöhnliche Beobachtungen? Einschätzungen im Off? Bitte an: daniel.bouhs@meedia.de

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