Kachelmann & das Elend der Gerichtsreporter

Je länger der Prozess dauert, desto komplizierter erscheint er: Das Vergewaltigungsverfahren gegen Jörg Kachelmann ist ein zähes Ringen um Terminierungen, Zeugen und Expertisen zahlreicher Gutachter. Wechselseitige Befangenheitsanträge machen die Wahrheitssuche noch verwirrender. Ein Urteil, das mal für Ende Oktober geplant war, wird es in diesem Jahr vielleicht nicht geben. Das Landgericht Mannheim ist Schauplatz eines Sitzungsmarathons, dessen erste Verlierer feststehen: die Gerichtsreporter.

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Je länger der Prozess dauert, desto komplizierter erscheint er: Das Vergewaltigungsverfahren gegen Jörg Kachelmann ist ein zähes Ringen um Terminierungen, Zeugen und Expertisen zahlreicher Gutachter. Wechselseitige Befangenheitsanträge machen die Wahrheitssuche noch verwirrender. Ein Urteil, das mal für Ende Oktober geplant war, wird es in diesem Jahr vielleicht nicht geben. Das Landgericht Mannheim ist Schauplatz eines Sitzungsmarathons, dessen erste Verlierer feststehen: die Gerichtsreporter.

Erster Grund dafür ist, dass der gesamte Fall schon im Vorfeld des ersten Verhandlungstages durch zahlreiche investigative Veröffentlichungen aufgerollt und bundesweit bekannt gemacht worden war. Praktisch alles, was Eingang in die Ermittlungsakten gefunden hatte, war publik geworden: von intimen Details der langjährigen Beziehungspartner, gutachterlichen Einschätzungen sowie polizeilichen Protokollen. Ob diese Details auch von allen Journalisten sauber abgebildet und richtig eingeordnet worden waren, ist eine andere Frage. Die Spiegel-Gerichtsikone Gisela Friedrichsen hatte in einem Fernsehinterview an einem der ersten Verhandlungstage abfällig von „dem ganzen Müll“ gesprochen, der vor dem Prozess von Zeitungen und Magazinen veröffentlicht worden war.

Da mag sie mit ihrer unbestrittenen Rechtskenntnis nicht ganz falsch liegen. Allerdings gehören auch die vor der Verhandlung von ihr selbst geschriebenen Artikel zu den umstrittensten Publikationen in Sachen Kachelmann. Gerade Qualitätsmedien wie Der Spiegel oder Die Zeit haben eine Debatte darüber ausgelöst, ob eine redaktionelle Schuldig- oder Freisprechung eines Angeklagten journalistisch vertretbar ist. Die teilweise suggestiven Berichte, die in den genannten Medien im Unterton deutliche Zweifel an der Plausibilität der Tatvorwürfe transportierten, riefen am Ende die Feministin Alice Schwarzer auf den Plan, die – nicht ungeschickt – via Bildzeitung und Bild.de im Prozess ein Gegengewicht aufbaut.

Frau Schwarzer ist auch deswegen in Mannheim vor Ort, weil aus ihrer Sicht aufgrund der vielen zweifelnden Berichte das öffentliche Urteil schon zu Verhandlungsbeginn feststand: Das „Opfer“ (sagen wir genauer: die Belastungszeugin) steht nach ihrer Ansicht in der Wahrnehmung der Leser am Pranger, der Moderator sei allenfalls der Vielweiberei zu bezichtigen und jedenfalls kein Vergewaltiger. Dem widerspricht Alice Schwarzer seit dem ersten Prozesstag und betreibt damit eine Kampagne, die im Kern politisch begründet ist und nichts mit dem Wunsch zu tun hat, dem auf den Grund zu gehen, was sich in der betreffenden Nacht zwischen dem Wettermoderator und seiner Geliebten zugetragen hat.

Doch es fällt schwer, gegenüber der Feministin daraus einen Vorwurf zu konstruieren. Schließlich scheint das ganze Verfahren Politik zu sein. Die Verteidigung bezahlt Gutachter aus eigener Tasche, die sie später in einem Fall freiwillig zurückzieht, einen anderen schließt der Richter – gegen den ebenfalls ein Befangenheitsantrag läuft – vom Verfahren aus. Der Staatsanwalt hat bei der Verhaftung eine so verlogen anonymisierte Pressemitteilung herausgegeben, dass auch dem jungen Juristen klar sein musste, dass der von ihm als TV-Moderator titulierte Unbekannte in kürzester Frist enttarnt werden würde. Das Oberlandesgericht hat schließlich mit der Haftentlassung des Moderators ohne jegliche Auflage die komplette Argumentation des Landgerichts und letztlich auch der Staatsanwaltschaft konterkariert. Bei vielen der am Kachelmann-Verfahren Beteiligten wird, im Namen des Volkes, auch an der eigenen Reputation und Karriere geschmiedet. Was, bitte, soll man nach all dem von einem Prozess erwarten? Die Wahrheit wäre wohl zuviel verlangt, ein Urteil wird und muss es aber geben.

Doch der Weg dahin ist steinig, vor allem für die Gerichtsreporter. Wurden sie schon vor Verlesung der Anklage zu dem üblichen entwürdigenden Rattenrennen um die wenigen Plätze im Verhandlungssaal verdammt, wurden sie wie ebenfalls üblich den nicht minder entwürdigenden Leibesvisitationen unterzogen, mit denen Gerichte es klar zu machen verstehen, wer hier der Chef ist, so stecken sie nun in einer Sackgasse: Immer mehr Termine finden statt, bei denen die Öffentlichkeit außen vor bleibt. Selbst das Fotografieren im Saal ist nicht mehr erlaubt. Die Medien balgen sich um die wenigen Schnappschüsse, die es von der vorfahrenden Kachelmann-Anwälte-Limousine gibt. Auch das: entwürdigend.

Die Justiz, in diesem Fall ein Vorsitzender Richter, gegen den ein im Kern berechtigter Befangenheitsantrag anhängig ist, gibt die Schlagzahl vor. Jetzt ist vieles privat, was Monate lang allzu öffentlich war. In der Logik der Gerichte, die sich wiederholt und vehement dagegen gewehrt haben, dass Filmaufnahmen von Prozessen gemacht werden dürfen oder dass wie in den USA ganze Verhandlungen live übertragen werden, ist das stringent. In der Wahrnehmung einer Medien- und Informationsgesellschaft wirkt dies wie ein konstanter Rückschritt ins publizistische Mittelalter.

Doch niemand wehrt sich offen gegen die Selbstherrlichkeit der Richter, die mitten in der Mediengesellschaft dazu legitimiert sind, öffentliche Verfahren nach eigenem Gutdünken auf ein unverstehbares Minimum zu reduzieren. Die Gerichtsreporter sind auf eben jene Klientel angewiesen und überlegen sich lange, ob sie rebellieren, wenn der Vorsitzende Richter sie auch von elementaren Phasen der Prozesse ausschließt. Am Ende stehen sie mit leeren Händen da, müssen ihren Blattmachern erklären, warum sie außer den vielseitig interpretierbaren Beobachtungen auf den Gerichtsfluren keine News aus der Verhandlung liefern können, obwohl sie doch auf Ortstermin mit Hotel, Taxi und Spesensatz sind. Um dann als Top-Reporter auch nicht mehr liefern zu können als der Kollege von der dpa oder der Lokalschreiber: Das ist für viele bitter, aber eben auch nicht zu ändern.

Die Gerichtsreportage, ein einst glanz- und reizvoller Zweig des journalistischen Berufs, scheint zu veröden. Denn wenn die langjährigen Fachkräfte am Ende des Prozesses kenntnisreich erklären, warum der Angeklagte verurteilt oder freigesprochen wurde, wirkt dies wie aus zweiter Hand und mit dem Vorbehalt des in diesem Fall wohl unabwendbaren Revisionsverfahrens. Danach könnte dann alles wieder anders aussehen. Wie viel Wert das erstinstanzliche Urteil am Ende im Strafprozess gegen Jörg Kachelmann haben wird, ist völlig offen. Viel spricht dafür, dass der jetzt verantwortliche Richter nicht den letzten oder verbindlichen Spruch in dieser Sache spricht.

Doch von der Entschiedenheit und scheinbaren Klarheit der Vorberichte auf den Prozess sind die ungewollt zerstückelten Gerichtsartikel weit entfernt. Statt einer Gesamtschau auf den Fall sind es Momentaufnahmen einer von der Gerichtsbürokratie vorgegebenen Dramaturgie. Und jeder, der es wagt, Zeugen oder Zeuginnen der Anklage zu kontaktieren, um sich ein eigenes Bild vom Fall zu machen, muss mit eisiger Verachtung durch die Staatsorgane rechnen, am Ende sogar mit strafrechtlicher Verfolgung. Investigation, das hohe Gut des Journalismus, wird zum Problem, sobald ein Gericht über eine Anklage zu befinden hat, die eine Staatsanwaltschaft erhoben hat, auch wenn sie noch so zusammengezimmert wirkt. Und es spielt dabei keine Rolle, ob man als Reporter das örtliche Käseblatt vertritt oder das Premiummagazin. Mehr als ein Hauch von Willkür lastet auf dieser Verfahrensweise. Doch ohne Gesetzesänderungen wird dieses Problem nicht zu lösen sein.

Als Jungredakteur war ich selbst zwei Jahre lang Gerichtsreporter, um den an sich spannenden Job dann aufzugeben – eben wegen dieser Schieflage. Gute Journalisten haben ein investigatives Gen und sind wenig bereit, sich die Grundlagen ihres schreiberischen Handelns diktieren zu lassen. Man will der Sache auf den Grund gehen. Die Justiz verfolgt dem Anspruch nach dasselbe Ziel, doch die Prozesstaktik wird immer dominanter. Und so paradox es klingt, ist für manche das tatsächlich Geschehene nachrangig. Im Vordergrund steht nicht die Frage, ob ein Tatvorwurf wahr ist, sondern ob dieser beweisbar ist. Das kann in der Rechtspraxis ein großer Unterschied sein, und er führt dazu, dass etwa viele namhafte Strafverteidiger sich bei der Übernahme eines Mandats gar nicht erst mit der Frage aufhalten, ob der Angeklagte das ihm zur Last gelegte Verbrechen tatsächlich begangen hat – jedenfalls konfrontieren viele Anwälte ihre Mandanten nicht mit dieser Frage. Ein Journalist, der seinen Job ernst nimmt, würde dieses Vorgehen gar nicht aushalten.
Hinzu kommt: Bei spektakulären Fällen verlangt die Öffentlichkeit immer rascher nach umfassenden Erklärungen. Das Tempo der Prozesse hält dem rasanten Tempo der modernen Informationsgesellschaft nicht mehr Stand. Verlierer dieser Entwicklung sind die Justizreporter, aber nur wenige von ihnen würden das zugeben.

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