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Effektheischendes Kinderschänder-TV

“Tatort Internet - schützt endlich unsere Kinder!” hatte am gestrigen Donnerstag Abend eine Überraschungs-Premiere bei RTL II. Für den Trash-Kanal ist die neue Reihe der Versuch, sich wieder an ein bisschen seriöseres Fernsehen heranzutasten. Dass man dabei nicht ganz von gewissen marktschreierischen Gewohnheiten lassen konnte, liegt wohl in der Natur der Sache. Nach der Premiere hinterlässt die Sendung ein zwiespältiges Gefühl. “Tatort Internet” ist gut gemeint, aber die Effekte übertönen die ernste Sache.

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So klingt es wie Hohn, wenn die, man muss sie wohl so nennen, Schirmherrin der Sendung, Stephanie zu Guttenberg, im Vorfeld sagte, es gehe um Aufklärung und nicht um Effekthascherei. Das, was da am Donnerstagabend zur Primetime bei RTL II lief, war Effekthascherei. Aber es war wenigstens handwerklich einigermaßen saubere Effekthascherei zu einem relevanten Thema.

Der ehemalige Hamburger Polizeipräsident und Senator Udo Nagel kommt als Moderator der Show (und es ist eine Show!) altmodisch hölzern daher. Er verkörpert einen Beamten-Typ, wie man ihn sonst im TV nur noch selten antrifft. Aber das ist ausnahmsweise als Lob gemeint. Bei einem Thema wie Kindesmissbrauch kann man die sonst üblichen Gülcans oder Alexander Mazzas dieser Welt nicht vor die Kamera lassen.

Die Beteiligung der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg entpuppte sich gleich bei der ersten Folge in erster Linie als PR-Masche. Sie stand im wesentlichen neben Udo Nagel rum und durfte den einen oder anderen mahnenden Allgemeinplatz konsequent an der Kamera vorbei aufsagen. Man kann ins Blaue hinein vermuten, dass ohne ihre Beteiligung die Bild-Zeitung wohl nicht ihren Aufmacher am Mittwoch für die Sendung freigeräumt hätte. Insofern hat sich das Engagement von Frau zu Guttenberg für die Macher bei RTL II gelohnt. Die Quoten waren dann auch ganz gut. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erreichte die Sendung einen Marktanteil von 7,7 Prozent. Normal für RTL II zu dieser Zeit sind eher sechs Prozent.

Aufsehenerregend und reichlich hektisch inszeniert war dann der Hauptfall der Sendung, in der das TV-Team mit der reichlich verbissen dreinschauenden Journalistin Beate Krafft-Schöning einen potenziellen Kinderschänder anlockte. Die Journalistin gab sich in einem Internet-Chat als 13-Jährige aus und ein gewisser catweazle22 tappte prompt in die Falle. Nach einigem Hin und Her und zahlreichen Telefonaten mit einer 18-jährigen Schauspielerin, die sich als die minderjährige Chatterin am Telefon ausgab, konnte RTL II den Mann vor der Haustür stellen.

Er wurde vom TV-Team und der inquisitorischen Krafft-Schöning zu seinem Auto verfolgt und sie schaffte es Dank ihrer enervierenden Art, ihm tatsächlich eine Art Geständnis abzupressen. Eigentlich hätte die Bild-Schlagzeile also lauten müssen “Beate Krafft-Schöning jagt Kinderschänder im TV”. Das wäre dann aber natürlich keine Geschichte gewesen. Die ganze Machart der Sendung ist auf puren Effekt hin ausgelegt. Es wird so schnell geschnitten wie in einem Musikvideo, dauernd kracht und rumst es gewaltig, zum Beispiel wenn über-dramatisiert ein Laptop-Deckel zugeklappt wird. Alles und alle sind ständig ganz furchtbar aufgeregt. Die TV-Fallensteller genauso wie der potenzielle Kinderschänder.

Das alles ist professionell gemacht und auch ganz und gar nicht langweilig. Aber dient das wirklich der erklärten guten Sache? Man kann argumentieren, dass der normale RTL-II-Zuschauer eine solche Aufbereitung gewohnt ist, dass man gerade Leute mit dem Thema erreichen will, die man mit einer ruhigeren, sensibleren Machart nicht vor dem Fernseher halten würde. Aber funktioniert das? Oder wird “Tatort Internet” genauso als Entertainment-Ware konsumiert wie die Bums- und Busen-Reports der unsäglichen Dokusoap “X-Diaries”, die am nächsten Tag wieder bei RTL II über den Schirm läuft? Schwierige Fragen
Tatsache ist, dass sich “Tatort Internet – schützt endlich unsere Kinder!” mit den Ursachen und der Problematik, die es unbestreitbar gibt, kaum auseinandersetzt. Stattdessen wird ein Reality-Krimi in Form einer Kinderschänder-Jagd in Szene gesetzt. Wenigstens hat RTL II die für den Abend in Programmzeitschriften angekündigte “exklusiv reportage” zum Thema “Grenzenlos geil – Deutschlands Sexsüchtige packen aus” aus dem Programm genommen. Es scheint also einen letzten Rest an Fingerspitzengefühl zu geben. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass eine Sendung wie “Tatort Internet” zumindest ein ernst gemeinter Versuch für ein bisschen verantwortungsvolleres Fernsehen ist. Das ist, weiß Gott, nicht viel. Aber es ist mehr, als man von RTL II hätte erwarten können.

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