„Casting ist Sozialporno statt Lebenshilfe“

Casting-Shows überfluten das Fernsehprogramm. Gerade feiert RTL mit der neuen Staffel "Das Supertalent" wieder einen gigantischen Quotenerfolg. Was sagt der Erfolg von Shows wie "DSDS", "Germany's next Topmodel" oder "Popstars" über die Gesellschaft aus? Was treibt Kandidaten dazu, immer wieder mitzumachen und sich zu entblößen? MEEDIA sprach mit dem renommierten Medienwissenschaftler und Buchautor Bernhard Pörksen über Ursachen und Folgen des Casting-Wahns im deutschen TV.

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Sie sagen, wir leben in einer Castinggesellschaft. Wie zeichnet sich diese aus?

In der Castinggesellschaft ist die Sucht nach Aufmerksamkeit allgegenwärtig geworden. Und die mediengerechte Inszenierungspraxis hat längst die Sphäre der Prominenten verlassen. Man stellt sich permanent dar, geprägt und bestimmt von den neuen Medienwirklichkeiten. Fast jeder hat heute ein Fotohandy in der Tasche und kann sich oder seinen Nachbar ablichten und in einem Sozialen Netzwerk oder auf einem Blog präsentieren. Medien durchdringen unseren Alltag in einer derart massiven Weise, dass die Einsicht unabweisbar wird: Womöglich findet fast alles, was wir tun, potentiell vor einem uns unbekannten Publikum statt. Und eben diese Einsicht verändert unsere Art des Denkens, unsere Wahrnehmung, unsere Selbstpräsentation. Image und Ich verschmelzen in unauflösbarer Weise.

Woher kommt denn dieser gesteigerte Drang nach Aufmerksamkeit?

Zum einen ist es ein menschliches Grundbedürfnis, auf der Bewusstseinsbühne eines Publikums eine Rolle zu spielen. Wir wollen im Leben anderer wichtig sein. Zum anderen lässt sich Aufmerksamkeit kapitalisieren, man kann am Ende des Tages Beachtung in Bargeld verwandeln.

Früher hatte das Fernsehen neben einer Informationsfunktion auch eine Unterhaltungsfunktion. Ist jetzt eine neue Funktion hinzu gekommen, die Spiegelung des eigenen Ichs, die Bereitstellung der offenen Bühne für alles und jeden?

Das Fernsehen hat natürlich noch immer eine Informations- und Unterhaltungsfunktion, aber seine Macher propagieren die Selbstinszenierung in Form einiger weniger Schlüsselreize zunehmend aggressiver. Die Kernbotschaft lautet auch in Richtung der breiten Masse, der Unbegabten und der Nicht-Prominenten: Liefere eine Show! Die Belohnung besteht dann darin, das eigene Leben zu verlassen, noch einmal aufzubrechen. Aschenputtel im Medienzeitalter.

Warum tun sich Teilnehmer von Casting – und anderen Reality-Shows teilweise diese Demütigung an, sich von einer Fernsehjury vor den Augen der Öffentlichkeit abkanzeln zu lassen oder sich unwürdigen Mutproben zu stellen?

Es geht um Aufmerksamkeit und – im Unterschied zu Andy Warhol – um 15 Sekunden Ruhm, einen bescheidenen Augenblick der großen öffentlichen Präsenz. Fakt ist: Unsere Vorstellung von Prominenz hat sich verändert – der Star von heute taugt nicht mehr als ewig unerreichbarer Mythenproduzent, sondern agiert als möglicher Konkurrent in einem Spiel, in dem alle glauben, potenziell mitspielen zu können. Nicht-Prominente sehen sich heute zunehmend als Noch-nicht-Prominente. Und wenn Sie an solche zumutungsreichen Formate wie das Dschungel-Camp denken, dann findet man dort immer nur sogenannte C-Promis, also Leute, denen kaum mehr Beachtung geschenkt wird. Sie versuchen – oft mit allen Mitteln – wieder ins Rampenlicht zu gelangen, gehen ein besonderes Tauschverhältnis ein. Etwas zugespitzt: Ein Politiker, der medial stattfinden will, tauscht – natürlich oft aus strategischen Gründen – Information gegen Publizität. Diejenigen, die auf das Niveau des Dschungel-Camps abgerutscht sind oder als gänzlich Unbekannte von einem Leben als Star träumen, können dieses Tauschverhältnis selbstverständlich nicht anbieten. Sie tauschen daher Intimität, Vulgarität und Stupidität gegen Publizität, sie offenbaren Privates, Intimes, Primitives – einfach nur, um noch einmal vorzukommen.

Welche Funktion erfüllen Teilnehmer von Casting-, Coaching- oder anderen Reality-Formaten für die Produzenten solcher Shows?

Es geht nicht darum, dass sie sich als ein Individum präsentieren, ihren eigenen Charakter offenbaren; sie sind als Lieferanten von Stereotypien und Klischees gefragt. Schicksale, die womöglich existieren, werden offensiv zurecht geschnitzt. In den Reality-Formaten finden sich in der Regel keine normalen, alltäglichen Beziehungsprobleme, sondern man begegnet dem Gebrüll, dem Geschrei, dem Getrampel. Eine schlicht und einfach überforderte Mutter kommt nicht vor, sondern man braucht die Mutter, die ausrastet und ausflippt – das ist aggressives Realitätsdoping. Im Falle von Castingshows geht es darum, ein Melodram aus Hoffen und Bangen, Aufstieg, Absturz und Verzweiflung, Sentimentalität, Kampf und Intrige zu weben. Zu besetzen sind die immer gleichen Rollen: die Zicke, der Streber, die Naive, der Underdog, die Peinliche, das verkannte Genie. Wer stattfinden will, muss eine dieser Rollen verkörpern und außerdem das eigene Privatleben als Reservoir für rührende oder schockierende Geschichten zur Verfügung zu stellen.
Es gibt inzwischen so viele Coaching-Formate, in denen Alltags-, Finanz-, Ehe-, Berufsprobleme behandelt werden und jeder kann sich dort bewerben, um therapiert zu werden. Ist das Fernsehen heute zu unserem „Freund und Helfer“ geworden?

Letztendlich wird hier ein leicht absurdes Rechtfertigungsmuster der Produzenten und Formatmacher offenbar, das besagt, man wolle eigentlich therapieren und helfen. Es sind Voyeure zweiter Ordnung, die hier am Werk sind: Sie liefern zum Sozialporno auch gleich die scheinbar aufklärerische Unterzeile und bemänteln die aggressive Dramatisierung privater Schicksale durch ein selbstbewusst geheucheltes Interesse an öffentlich praktizierter Lebenshilfe.

Die ersten Formen des Reality-Fernsehen waren ja verglichen mit heute noch harmlos. Die erste Big Brother-Staffel wirkte fast wie ein Experiment, bei dem das Zusammenlebenden der Container-Insassen gezeigt wurde, auch mit der Gefahr, nichts als Langeweile darbieten zu können. Warum zieht das heute nicht mehr?

Der Inszenierungsdruck nimmt offenkundig zu. Es gilt, möglichst gezielt Konflikte zu kreieren, die Beteiligten in leichte Kampfspiele zu verstricken, die Stimmung anzuheizen, um formatkompatible Schlüsselreize zu produzieren: den Zusammenbruch, die plötzliche Offenbarung eines Schicksalsschlages, den Streit, die Schlägerei. Zu diesem Zweck braucht man Strategien emotionaler Überhitzung, die Ungeübte irgendwann einbrechen lassen. Das einfache Leben hat da keine Chance. Normalität ist das Kontrastprogramm zur Realität im Reality-TV.

Inzwischen hat sich ein neuer Trend erfolgreich etabliert: Scripted Reality Formate. Fiktive Storys, die von Laiendarstellern nachgespielt, jedoch im Stil der Dokumentation präsentiert werden, um den Anschein von Realität zu erwecken. Warum greift man weniger auf echte Fälle zurück?

Die Macher von Castingshows berichten, dass sogenannte "Protas" – Protagonisten echter Fälle – zunehmend schwer zu finden sind. Sie meinen überdies, Deutschland sei durchgecastet. Das mag sein. Scripted Reality ist allerdings noch aus einem anderen Grund erfolgreich. Die Darsteller solcher Doku-Shows agieren derart laienhaft, dass ihr Dilettantismus kurioser Weise den Eindruck der Echtheit erzeugt. Mit anderen Worten: Sie spielen so schlecht, dass es extrem schwer fällt, sie für "Schauspieler" zu halten. Ihre tapsige Laienhaftigkeit dient gleichsam der Wahrheitsbeteuerung.

Kann der Zuschauer heute noch unterscheiden, was echt und was ein Fake ist?

Es ist, so meine ich, geradezu ein Merkmal der Castinggesellschaft, dass sie von einem permanenten Inszenierungsverdacht regiert wird. Man kann sich nie sicher sein, ob man es nicht gerade mit einer besonders raffinierten, einer besonders perfiden Form der Inszenierung und des Realitätsdopings zu tun hat. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Gewissheit und echter Information. Glaubwürdigkeit erscheint als Leitwert und Schlüsselkriterium, um Personen des öffentlichen Lebens zu bewerten. Und in diese doppelte Bewusstseinslage zwischen Inszenierungsverdacht und Gewissheitssehnsucht driftet man auch als Beobachter unvermeidlich hinein.

Wie kommen wir aus dieser Inszenierungsfalle heraus?

Richtige Rezepte kann ich nicht anbieten. Aber: Notwendig ist eine investigative Medienforschung und eine Form des unerschrockenen Prominenten-Journalismus, der sich darum bemüht, die Hinterbühne der Inszenierung durch Detailstudien auszuleuchten. In stillen Minuten kann man natürlich auch auf die offensive Mitarbeit der Privatsender hoffen: Die Totalinszenierung könnte sich zu einem solchen Exzess, zu einem solchen Gestammel und Getümmel steigern, dass niemand mehr zuschauen mag – und sich das Medium selbst demontiert.
Professor Bernhard Pörksen ist Autor des Buchs "Die Casting-Gesellschaft: Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien".

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