ARD läuft Sturm gegen „Scripted Reality“

Die Empörung über Scripted-Reality-Formate nimmt zu: Nun sprechen sich Verantwortliche der ARD mit Nachdruck gegen die Inszenierung der Wirklichkeit aus. "Mit Gebühren dürfen wir so etwas nicht machen", mahnt Carl Bergengruen, SWR-Spielfilmchef und bald Leiter von Studio Hamburg. NDR-Programmdirektor Frank Beckmann: "Das müssen wir ablehnen und brandmarken!" Weil das Gescriptete den Geschmack der Zuschauer ändere, forderten die Formate sogar Opfer bei ARD und ZDF.

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Die Gegner der gescripteten Reality-Soaps rücken enger zusammen und bilden eine immer stärkere Front gegen Sendungen wie "Familien im Brennpunkt", "Verdachtsfälle" oder "Die Schulermittler". Beckmann, der für die Programmierung im NDR und neuerdings auch für den Vorabend im Ersten zuständig ist, warnte etwa gerade auf einer Veranstaltung in Berlin: "Wir haben eine Abwärtsspirale dessen, was es braucht, damit die Menschen einschalten. Damit bin ich nicht einverstanden." Das, womit vor allem RTL nachmittags aufwarte, "müssen wir ablehnen und brandmarken!".

Auch Bergengruen, der bald von der Besteller- in die Produzentenrolle schlüpfen wird, sprach sich an diesem Dienstagabend in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung gegen die "gedopte Realität – Scripted Reality und neue Doku-Soaps" aus, wie die Veranstaltung betitelt war. "Mit Gebühren dürfen wir so etwas nicht machen." Bergengruen bedauerte zudem, dass die krassen Formate der Privaten programmliche Opfer bei ARD und ZDF forderten, insbesondere klassische Doku-Soaps. Bergengruen sagte: "Die Öffentlich-Rechtlichen geben solche Formate auf. Wenn sie nicht auf die Tube drücken, funktioniert so etwas nicht mehr, weil die anderen Formate den Geschmack der Zuschauer verändern."

Beckmann, der nach eigenen Worten derzeit auf der Suche nach "günstigen Programmstrecken für den Nachmittag" ist, will sich diesem Trend nach allen Kräften verwehren, das allerdings nicht in jeder Ausprägung. "So, wie wir Scripted Reality hier diskutieren, ist das nichts, was man im Öffentlich-Rechtlichen machen könnte – jedenfalls nicht so, wie es derzeit auf RTL zu sehen ist." Insbesondere dürften die mit Gebühren finanzierten Sender "keine Realität vorgaukeln, wo keine ist".

Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sprach in Berlin bei den Formaten von einem "versuchten Publikumsbetrug" – im MEEDIA-Gespräch bezeichnete er zudem Castingformate  als "Sozialporno statt Lebenshilfe". Noch-SWR-Mann Bergengruen warnte zugleich vor langfristigen Folgen für die Gesellschaft: "Fernsehen ist ein Leitmedium und wirkt. Das, was die Zuschauer drei bis vier Stunden sehen, verändert die Art und Weise wie sie zusammenleben." Vor allem die Inszenierung von Aggressivität und schlechtem Benehmen in Beziehungen sei dabei ein Problem.

Kathrin Löschburg, Chefin der Produktionsfirma MME ("Bauer sucht Frau"), setzte sich selbst "klare Grenzen", deutete aber auch Produktionszwänge an: "Wir können uns unser Publikum nicht aussuchen. Entweder man hat welches oder man hat keines." Auf die Frage, ob gescriptete Sendungen nicht deutlicher gekennzeichnet werden könnten, zeigte sich Löschburg indes offen: "Darüber könnte man schon nachdenken."
Derzeit finden sich meist lediglich in Abspännen kleine Hinweise darauf, dass die Sendungen auf einem Drehbuch basieren. Bergengruen: "Eine bessere Kennzeichnung wäre wenigstens ein Anfang. Ich gehe aber ohnehin davon aus, dass wir derzeit den Peak erreicht haben und dass das Grauen bald wieder auf das Normalniveau zurückgeht."

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