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Manfred Bissinger – der Anti-Markwort

Nach Helmut Markwort in der vergangenen Woche verabschiedet sich am heutigen Dienstag, an seinem 70. Geburtstag, mit Manfred Bissinger ein weiterer Großer des deutschen Nachkriegs-Journalismus aus dem aktiven Geschäft. Bissinger war Vize-Chef des Stern unter dem legendären Henri Nannen, er hat versucht mit der Woche der altehrwürdigen Zeit Konkurrenz zu machen und Corporate Publishing gemacht. Der alte Linke ist so etwas wie der Anti-Markwort im deutschen Pressewesen.

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Während Helmut Markwort den Münchner Medienzirkus repräsentierte, war Manfred Bissinger immer journalistischer Hanseat. Wo Markwort im Zweifel konservativ war, war Bissinger im Zweifel links, also sozialdemokratisch. Markworts Focus war nicht zuletzt eine Gründung gegen die “linke Presse” aus Hamburg, das Dreigestirn aus Stern, Spiegel und Zeit, das nicht zuletzt durch Leute wie Manfred Bissinger repräsentiert wurde.

Genau wie Markwort lernte Bissinger im Lokalen. Er volontierte bei der Augsburger Allgemeinen Zeitung und beim Donaukurier. Später ging er zum Fernsehen, zu “Panorama” – einer Bastion des linken Journalismus, zumindest Mitte der 60er Jahre, als Bissinger dort war. 1967 kam er zum Stern, wo er es bis 1978 zum Vize des legendären Henri Nannen brachte. Eigentlich wäre Bissinger der natürliche Nachfolger des großen Nannen gewesen. Eigentlich. Wie Willi Winkler in der Süddeutschen erzählt, wurde Bissinger beim Stern eine Geschichte über Deutschlands Reiche zum Verhängnis, bei der er auch Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn und damit den Gruner+Jahr-Mehrheitseigner nicht schonte. Henri Nannen trennte sich von ihm. Winkler schreibt: “Selbst für die Namensgeber bedeutendster Preise kommt das Essen im Zweifel vor der Moral.”

Nach seiner Stern-Zeit war Bissinger Sprecher des Hamburger Senats, Chefredakteur von konkret und natur. Seine zweite und dauerhafte publizistische Heimat fand Bissinger in der Verlagsgruppe von Thomas Ganske. Der ermöglichte, nach einer Zeit als Chefredakteur von Merian, ihm mit der Gründung der liberalen Woche die Erfüllung eines Lebenstraums. Die Woche war sozusagen der Focus des Manfred Bissinger. Die neue Wochenzeitung wurde viel gelobt, aber nicht genug gekauft. Der Woche war nicht der wirtschaftliche Erfolg des Münchner Focus beschieden. 2002, nachdem die New-Economy-Träume aus waren, musste Ganske die Woche wegen fehlender wirtschaftlicher Perspektive vom Markt nehmen.

Bissinger blieb ihm treu, er verantwortete bis jetzt die Unternehmenssparte Corporate Publishing bei der Ganske-Tochter Hoffmann & Campe. Der kämpferische und linke Journalist Bissinger als Geschäftsführer einer Verlagssparte für Unternehmenspublikationen – daran musste man sich erst gewöhnen. Bissinger hat sich daran gewöhnt. Der alte Linke ist mittlerweile Herausgeber des Magazins des Kernkraftwerkbetreibers RWE und hat eine Anzeigenkampagne für die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken mit unterzeichnet. So ändern sich die Zeiten. Und manchmal die Menschen.

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