Sturm auf die Stasi: der manipulierte Angriff

15. Januar 1990. Die gefürchtete Staatssicherheit der DDR ist am Ende. Das Volk überrascht den Spitzel-Apparat und ringt ihn nieder. Die Bürger stürmen das Hauptquartier in Berlin und übernehmen die Macht - so die gängige Meinung. In dem NDR-Dokudrama "Sturm auf die Stasi" (heute, 21.45 Uhr, ARD) rekonstruiert Autor Matthias Unterburg den Tag aus der Sicht von Zeitzeugen, darunter der heutige Spiegel-Chef Georg Mascolo, und zeigt auf eindringliche Weise: Es war anders.

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Der Ingenieur Andre Ohm ging am 15. Januar 1990 früher zur Arbeit als sonst. Denn er wollte am Nachmittag an der Demonstration vor der Stasi-Zentrale teilnehmen und hatte deshalb einen Rollkoffer mit Ziegelsteinen dabei. Eigentlich wollten seine Kollegen und er das Tor zumauern – und nicht das Gelände erstürmen. Doch gegen 17.00 Uhr passierte es: Mehrere Demonstranten kletterten über die Mauern und öffneten die Tore von innen. Der Strom der rund 10.000 Aufständischen ergoss sich auf das Stasi-Gelände – vermutlich angeführt von getarnten Mitarbeitern der Behörde, um die Masse zu den unwichtigen Gebäuden zu leiten.
Andre Ohm war keine Fantasie-Person. Der Ingenieur ist nur einer von mehreren Zeitzeugen, die in "Sturm auf die Stasi" über ihre Eindrücke von damals sprechen. Autor Matthias Unterberg hat es nämlich auch geschafft, weitaus einflussreichere Persönlichkeiten von damals wie den früheren BND-Chef Hans Georg Wieck oder den ehemaligen Stasi-General Werner Großmann vor die Kamera zu bekommen. So verrät Letzterer, dass er während der Demonstration mit einigen Kollegen in einer nahegelegenen Wohnung hausierte und per Telefon durchgehend über die Ereignisse informiert wurde. Andere Stasi-Mitarbeiter waren hingegen dafür zuständig, die Zentrale auf die Erstürmung vorzubereiten – wochenlang jagten sie Akten durch die Schredder und stellten Sicherheitspläne auf, um den Demonstranten keine wichtigen Unterlagen in die Hände fallen zu lassen.
Unterberg bebildert all diese Erzählungen sachlich analytisch, aber gleichzeitig intensiv und erschreckend real. Dazu trägt auch das viele, zum Teil bisher nicht gezeigte Original-Videomaterial von Profi- und Amateur-Filmern bei. Der Autor verbindet viele unterschiedliche Blickwinkel auf die Ereignisse, die erahnen lassen, wie es zu der Eigendynamik kam, die aus einer geplanten Demonstration die Erstürmung der Stasi-Zentrale machte.
Dennoch ergeben sich kaum neue Erkenntnisse aus der Dokumentation, die endgültig aufklären könnten, welche Rolle die Stasi bei der Erstürmung gespielt hat. Ob westliche Geheimdienste am 15. Januar ihre Finger im Spiel hatten, bleibt ebenfalls ungewiss, obwohl Unterbergs Interview-Partner diese Fragen mit Sicherheit hätten beantworten können. Offenbar wollten sie es nicht. Deshalb wird in der Dokumentation auch nur klar, was schon bekannt war: Die Staatssicherheit war auf alles vorbereitet.
"Sturm auf die Stasi", 21.45 Uhr, ARD

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