Statt Fotos: Baselitz illustriert die Welt

Nach der Blogger-Ausgabe der Welt Kompakt kommt jetzt eine Kunstnummer der großen Welt: Pünktlich zum 20. Tag der Deutschen Einheit griff für das Springer-Blatt Georg Baselitz zum Pinsel. An diesem Freitag wird die Zeitung ausschließlich mit seinen Werken illustriert. Fotos und Grafiken ignoriert die Redaktion für diese Nummer, setzt auf anderes Papier und plant gleich die nächste Spezial-Ausgabe für das Wochenende. Chefredakteur Peters kündigte hochtrabend an, dass der "Newsroom zum Atelier" wird.

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Zeitungen und Georg Baselitz – das passt schon länger zusammen. Die FAZ inszenierte den Künstler bereits vor fünf Jahren. In seinem Atelier saß Baselitz umringt von seinen opulenten Malereien, wie von seinen Bildern gewohnt stand alles auf dem Kopf. Der Künstler selbst war kaum zu sehen, hielt eine Zeitung vor sein Gesicht. Baselitz war Teil der Werbekampagne "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf." Ein Motiv, das jetzt auch auf Welt-Leser wartet. Die Freitagsausgabe der Zeitung aus dem Springer-Verlag wird komplett illustriert sein – von Georg Baselitz. Und die FAZ erlaubte sich den Spaß, für ihr Motiv eine ganze Seite zu buchen.

Georg Baselitz vor seinem Titelbild
der morgigen Welt-Ausgabe

Gut 60 Motive pinselte und zeichnete der Mann aus der sächsischen Oberlausitz, der später in den Westen zog und gemeinhin als Provokateur bekannt ist, für die Redaktion um Chefredakteur Jan-Eric Peters. Mehr als 35 sollen es ins Blatt schaffen, das vollständig auf Fotos und Grafiken verzichten will: In der Redaktionskonferenz kam die Frage auf, ob nicht das erste verbreitete Foto mit Kim Jong-un, dem designierten Nachfolger des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-il eine Ausnahme wert sei. Peters aber sagte, das werde "jetzt nicht aufgebrochen und für die, die Fotos vermissen, ein Verweis auf Welt Online gesetzt".

Baselitz malte und skizzierte die meisten Einheits-Motive für die Welt in Italien ("In Deutschland verfalle ich meist in eine Depression"). Den Titel der Baselitz-Ausgabe wird ein in Weiß gehaltener Bundesadler auf blauem Grund dominieren, im Original 2,70 auf 2,10 Meter groß, im Blatt indes bloß 31 auf 24 Zentimeter. Ein Leitmotiv, das sich in mehreren Varianten durch den Politikteil zieht – wie andere Leitmotive andere Bücher der Ausgabe illustrieren.

Chefredakteur Peters, der leicht hochtrabend davon sprach, nun treffe "Handwerk auf Kunst" und werde "der Newsroom zum Atelier", hat für die Bilder übrigens keinen Cent gezahlt, wie er selbst sagt: "Georg Baselitz hat nichts verlangt und wir uns nicht getraut, ihm etwas anzubieten. Das Projekt basiert vielmehr auf gegenseitiger Begeisterung." Wie es auch für beide Seiten ein Experiment war, denn Baselitz hat ein Projekt dieser Art noch nicht gestemmt und Peters Welt wiederum einmalig auf anderes Druckpapier gesetzt, etwas dickeres, damit die großflächigen Bilder sich nicht auf die Rückseiten durchdrücken. "Das haben wir nicht getestet", sagt Peters. "Wir müssen uns deshalb überraschen lassen."

Was wenig überrascht: Baselitz, 72, zeigt sich als großer Freund des Gedruckten. "So ein Projekt ist nur mit Print möglich und würde Online nicht funktionieren", sagt der Künstler. "Das gedruckte Wort wird uns alle überleben." Und die Aktion mit der Welt sei für ihn "als wollten wir Musik sichtbar machen: Eigentlich geht es nicht. Und wir versuchen es trotzdem."

An diese Sonderausgabe schließt sich für Peters Redaktion am Wochenende gleich eine weitere Spezial-Nummer an: Die Welt am Sonntag werde mit mehr als 200 Seiten diesmal "die dickste jemals erschienene sein", so Peters. Auf die Leser kämen dann auch wieder Fotos zu. Unter anderem in einem Extrabuch, das die Tage zwischen dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 in einer Fotostrecke dokumentiere.

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