Kika: öffentlich-rechtliches Zappel-TV

Wenn es um die Verteidigung ihrer Spartenkanäle geht, fällt den Verantwortlichen von ARD und ZDF gerne der Kinderkanal Kika ein. Das Programm sei pädagogisch wertvoll und setze einen Kontrapunkt zum Kinderfernsehen der Privaten. Schaut man sich das Kika-Programm genauer an, zeigt sich aber: Auch beim Kinderfernsehen übernehmen ARD und ZDF immer öfter schlechte Gewohnheiten der Kommerzkanäle. zappelige Trickserien, Castingwahn, Dokusoaps und gnadenlose Promotion - all das gibt es auch beim Kika.

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"Von 5 auf 2" läuft zwar gerade nicht im aktuellen Kika-Programm, ist aber ein typisches Beispiel dafür, was beim Kika schieflaufen kann. Das Format war eine reinrassige Dokusoap. Schüler, die in einem Fach auf der Note 5 standen, sollten vor laufenden Kameras von einem der üblichen Experten-Teams auf die Note 2 gecoacht werden. Auf die Idee, dass es vielleicht nicht sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche mit ihren Schulproblemen im Fernsehen auszustellen, kam niemand. Formate wie dieses bringen die jugendlichen Kika-Zuschauer bereits auf den Geschmack für die erfolgreichen "erwachsenen" Format wie "Die Super-Nanny" oder "Raus aus den Schulden". Nur die laufen dann bei RTL.

Auch der unselige Trend hin zum hektischen Billig-Trickfilm ist beim Kika flächendeckend zu beobachten. Kinderfernseh-Klassiker wie die "Augsburger Puppenkiste" sucht man im Programm vergebens. Stattdessen werden "Jim Knopf", "Urmel" oder "Tim Thaler" als zappelige Trickfilm-Versionen serviert. Pädagogisch erscheint das keinen Deut besser zu sein, als die "Sponge Bob"-Dauerberieselung bei der privaten Konkurrenz von Nick.

Auch auf den Casting-Wahn á la "Deutschland sucht den Superstar" werden die kleinen Kika-Zuschauer eingeschworen. "Dein Song" heißt das entsprechende Castingformat, das im März 2011 wieder auf Sendung geht. Die vom Kika zusammengestellte Mädchen-Casting-Band Saphir ist genauso eine Retorten-Kombo, wie sie bei Privat-TV-Fließbandproduktionen vom Schlage "Popstars" herauskommen. Zwar gibt es im Kika durchaus auch sehenswerte, wirklich kindgerechte Sendungen. Die muss man man aber zuweilen mit der Lupe suchen.

Mit der Vorschul-Schiene Kikaninchen berieselt der Kika Vorschulkinder ab drei Jahren bereits frühmorgens ab 6.50 Uhr. Man kann sich schon fragen, welcher öffentlich-rechtliche Programmauftrag hinter einem solchen Angebot stecken mag. Mit dem Segen des so genannten Drei-Stufen-Testes wurde das Kikaninchen mittlerweile auch ins Internet gebracht. Auch hier gilt: Der Gedanke, dass Dreijährige im Internet vielleicht noch gar nichts zu suchen haben, kommt offenbar niemandem.

Die Sender sind sich der besonderen Problematik bei Kikaninchen durchaus bewusst. So wurden für besorgte Eltern Interviews und Aufsätze von einigen handverlesenen Wissenschaftlern online gestellt, die das Vorschul-TV und -Internet loben und berechtigte Sorgen zerstreuen. "Kognitive Fähigkeiten können via TV-Programm gefördert und Sprachkompetenz verbessert werden – was im Falle von Kindern von Eltern mit Migrationshintergrund sehr wichtig sein kann", sagt beispielsweise Maya Götz in einem Interview. Sie ist wissenschaftliche Redakteurin und Leiterin im Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen. Übrigens eine Unter-Organisation des Bayerischen Rundfunks. Wirklich kritische Stimmen, wie die des Ulmer Hirn-Forscher Manfred Spitzer, kommen nicht zu Wort. Spitzer warnt seit Jahren eindringlich vor schädlichen Auswirkungen von TV- und Computernutzung bei Kindern und Jugendlichen. Gerade Fernsehen im Vorschulalter hält er für ganz und gar unverantwortlich.

Bleibt als Argument für den Kika die Werbefreiheit. In der Tat ist es gut, dass hier die Kleinen nicht mit knalligen TV-Spots für Süßkram zugeballert werden. Gegen eine zünftige Promotion-Aktion haben aber auch die Programmgestalter des Kika nichts einzuwenden. So wurde über Tage hinweg die Popband Sternblut penetrant in den Kika-Kindernachrichten "Logo!" gefeatured, inklusive langen Interviews, Video-Ausschnitten und Lobeshymnen. Eine Band, die immerhin auch einen aktuellen Werbesong für die Telekom geliefert hat. Und Kika-Eigenwerbung mit bunten und lauten Programmtrailern, die zum "dranbleiben" verführen, sind gang und gäbe.

Fast schon Realsatire war eine Eigen-PR-Aktion bei der Event-Reihe Kika-Sommertour. Da wurden Kinder tatsächlich aufgefordert, einen GEZ-Zungenbrecher-Reim in die Kamera aufzusagen, der die Rundfunkgebühren lobpreist. Text: "Nur mit Rundfunkgebühren funkt der Rundfunk rund. Rund funkt der Rundfunk nur mit Rundfunkgebühren." Der Rundfunk funkt, keine Frage. Nur was er so funkt – darüber könnte man sich gerade auch beim Kika durchaus den einen oder anderen Gedanken mehr machen.  

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