„Eigentlich müsste man sofort alle feuern“

Oliver Kalkofe ist Medienkritiker und Komiker in einer Person. Im MEEDIA-Interview spricht er über sein neues Stück "Volles Programm!" am Schmidt Theater und prangert die Einfallslosigkeit von TV-Produzenten in ihrem Beruf an. "Die Redakteure hassen ihr eigenes Programm. Sie glauben gar nicht, mit was für einer Verachtung über das Publikum gesprochen wird." Besonders die Öffentlich-rechtlichen sollten "nicht ständig mit dem Knast drohen", sondern endlich gute Sendungen abliefern.

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Sie haben sicherlich viel ferngesehen, um Ihr Stück am Schmidt Theater vorzubereiten. Was schauen Sie eigentlich am liebsten?
Das Schöne an dem Theaterstück war, dass ich mich nicht so vorbereiten musste wie auf die "Mattscheibe". Ich musste also keine furchtbaren Sendungen anschauen. Die Vorbereitung für das Theaterstück lag eher in meiner Vergangenheit, da wir einen Rückblick auf mehr als 30 Jahre Fernsehen wagen. Für mich war es also eine Art Rehabilitation. Früher sagten meine Eltern immer "Junge, geh mal nach draußen! Du kannst doch nicht den ganzen Tag fernsehen". Jetzt kann ich antworten: Ich musste es tun, damit ich eines Tages ein Theaterstück schreiben konnte.
Heißt das, Sie gehen in dem Theaterstück weniger kritisch mit den Medien ins Gericht als in der "Mattscheibe"?
Die kritische Auseinandersetzung passiert vor allem in der "Mattscheibe" und meinen Kolumnen. Das Theaterstück ist eine liebevolle, aber trotzdem analytische Erinnerung an das frühere Fernsehen. Denn natürlich weiß ich, dass das Fernsehen auch damals schon bekloppt war und uns verarscht hat. Wir haben damals schon viele Sachen gesehen, die total schlimm waren. Aber weil es so wenig gab, waren wir trotzdem dankbar und haben uns gefreut – deshalb können wir uns heute zurücknehmen und darüber lachen.
Haben Sie früher anders ferngesehen als heute?
In meiner Kindheit setzte ich mich noch regelmäßig vor den TV-Bildschirm, weil ich wusste, dass die Serien oder Filme nur dieses eine Mal eben dort laufen. Sich die Folgen im Internet anzusehen oder auf DVD zu kaufen, war nicht möglich. Ich musste also vor der Röhre sitzen, wenn ich nichts verpassen wollte. Deshalb erinnere ich mich auch so gut daran, was damals im Fernsehen lief. Es gab kein buntes Werbe- und Promotion-Gedöns, das noch drum herum flimmerte, sondern man konzentrierte sich noch auf die Sendung. Dadurch hat man auch viel mehr gemeinsame Erinnerungen an die TV-Programme von früher.
Und diese Erinnerungen projizieren sich jetzt auf Ihr Theaterstück?
Ja, genau so ist es. Wer also etwas Ähnliches wie die "Mattscheibe" erwartet, ist in dem Stück falsch. Das Stück ist etwas für Leute, die sich gerne für einen Abend an die Vergangenheit und die Fernsehsendungen erinnern wollen, mit denen sie ihre Jugend vergeudet haben. Wir springen in dem Stück quer durch die Zeiten – mal lustig und mal böse. Und manchmal denkt man auch nur "Ach ja, so war das damals". Es ist also ein Mix zwischen einer Hommage und einer kritischen Aufarbeitung der Mediengeschichte.
Sie fanden also nicht alles schlecht von dem, das Sie aufs Korn nehmen?
Nein, bei weitem nicht. "Raumschiff Enterprise" war toll, obwohl man wusste, dass das alles Quatsch ist. Ich habe auch mit großer Freude "Bonanza" geschaut.
Im Interview mit Spiegel Online haben Sie gesagt, dass Casting-Shows zu Recht sehr erfolgreich im deutschen Fernsehen laufen. Was halten Sie von solchen Formaten?
Ich kann durchaus nachvollziehen, dass viele Sender zurzeit auf Casting-Shows setzen. Sie sind auch nicht grundsätzlich alle furchtbar. Die Idee, junge Talente zu entdecken und zu fördern, ist doch toll. Was allerdings daraus gemacht wird, ist eine ganz andere Sache. Denn mittlerweile laufen auf fast jedem Sender Casting-Formate, die sich kaum voneinander unterscheiden. Viele haben da einfach nur ganz schnell eine Show produziert, weil sie denken, dass sie damit momentan gutes Geld verdienen können. Das langweilt mich.
Was genau kritisieren Sie?
Die Einfallslosigkeit der Produzenten. Denn viele sagen sich "Die Leute sind so doof, die merken gar nicht, wenn sie sich zum Vollidioten machen. Also halten wir die Kamera drauf und lachen über sie". Bei RTL setzt die Redaktion dann unterschiedliche Ausschnitte so zusammen, dass die Kandidaten vorgeführt werden. Wenn also ein Junge einen Wasserfleck auf der Hose hat, wird es ein Dutzend mal wiederholt und so dargestellt, als hätte er sich in die Hose gemacht. Oder wenn ein Dicker hereinkommt, wackelt das Bild. Was die Redaktion mit den jungen Menschen macht, halte ich für viel verwerflicher als die Sprüche von Dieter Bohlen. Genau so stört mich, dass Kindern vermittelt wird, jeder könnte durch so eine Show zum Star werden, obwohl die meisten Casting-Gewinner nach wenigen Monaten sowieso wieder von der Bildfläche verschwinden.
Gibt es denn auch Beispiele für Sendungen, bei denen nicht nur die Idee, sondern auch die Umsetzung gut ist?
Ich bin immer sehr traurig, wenn ich das sagen muss – aber es gibt wenig im deutschen Fernsehen, auf das das zutrifft. Besonders im Unterhaltungsbereich sind wir ein Entwicklungsland. Wir kopieren nur Dinge aus anderen Staaten und können froh sein, wenn mal eine Serie wie "Stromberg" dabei herauskommt. "Stromberg" ist eine sehr gute Variante von "The Office". Ansonsten entsteht hier nichts Gutes, das richtig Spaß macht. In England und Amerika ist das ganz anders. Die Fernsehanstalten dort produzieren neben dem ganzen Schwachsinn auch noch sehr viele gute Serien. Die sind richtig klasse, unterhaltend und spannend – aber nicht blöd.
Sind deutsche Fernsehmacher nicht kreativ genug, um gute Sendungen zu produzieren?
Es ist doch nicht so, dass wir deutschen Fernsehmacher alle doof sind. Wir könnten auch solche Sendungen machen – man lässt uns nur nicht. Weil die verantwortlichen Programmchefs uns nicht trauen und das Publikum für dumm halten, verzichten sie auf Innovationen.
Wen sehen Sie denn in der Verantwortung, um gute Formate zu produzieren? Die öffentlich-rechtlichen oder die privaten Sender?
In der Pflicht sind beide! Aber die Öffentlich-rechtlichen werden von uns allen finanziert und sollten somit noch mehr verpflichtet sein, Programme zu produzieren, die für Gesprächsstoff sorgen. Sie sollten Sendungen drehen, die so neuartig sind, dass sich die Leute entweder aufregen oder jubeln. In jedem Fall müssen sie Impulse setzen und lebendiges, aufregendes Fernsehen machen. Und das ohne nur darauf zu achten, wie die Quote ausfällt und auch ja allen gerecht zu werden.
Davon ist wenig bei ARD und ZDF zu beobachten…
Deshalb kann man auf die Öffentlich-rechtlichen mit gutem Grund viel wütender sein als auf die Privaten. Letztere produzieren aus finanziellen Gründen keine innovativen Sendungen – das ist genau wie bei anderen Unternehmen. Aber bei den Öffentlich-rechtlichen kann das Geld keine so große Rolle spielen. Und trotzdem machen sie das schnarchigste Fernsehen von allen. Wenn es mal tolle Innovationen gab, dann kamen sie von den Privaten. In den öffentlich-rechtlichen Anstalten ist absolut nichts Neues entstanden. Keine Idee, gar nichts. Das ist nicht nur tragisch, das ist eine Frechheit. Eigentlich müsste man dort hingehen und sofort alle feuern.
Aber was ist mit Lena Meyer-Landrut? Sie ist einer ARD-Casting-Show entsprungen, hat uns ein zweites Sommermärchen beschert und könnte nachhaltiger sein als alle DSDS-Sternchen.
Glauben wir das wirklich, und ist Lena eine Errungenschaft, die sich die ARD auf die Brust heften kann? Nein! Dieses Casting ist doch nicht wegen, sondern trotz der ARD entstanden. Federführend war Stefan Raab, der mit Geldern der Öffentlich-rechtlichen die Show für ein neues Publikum entwickelt hat. Lena ist zwar ein toller Star, bei dem wir hoffen, dass er nicht so schnell wieder untergeht. Doch bei Sängern, die einen solchen Hype erfahren, kommt es schnell zu einem Überdruss und niemand will sie mehr sehen.
Und auch die ARD-Casting-Show war nicht besser als ihre Programmgeschwister?
Das Format der Casting-Shows ist schon so was von durchgenudelt. Jetzt hat die ARD auch mal eine aufgezogen – drückt den Privaten dabei auch noch das Heft in die Hand – und will dann stolz auf das Ergebnis sein? Das ist doch peinlich! Die Öffentlich-rechtlichen sollten sich schämen! In Wirklichkeit hätten bei ihnen schon viel früher niveauvolle Casting-Formate entstehen müssen – und nicht nur eine Kopie von den Shows der Privatsender.
Welche Konsequenz sollten ARD und ZDF aus ihren Versäumnissen ziehen?
Sie sollten das Publikum nicht ständig fragen, ob es schon gezahlt hat und ihm mit dem Knast drohen. Stattdessen sollten sie sich jeden Tag beim Publikum entschuldigen. "Entschuldigen Sie dieses langweilige Programm, aber wir sind schon sehr alt und ziemlich faul. Es tut uns herzlich leid." So sollten die Verantwortlichen von Haus zu Haus gehen.
Was müsste sich denn ändern, damit die TV-Anstalten ein interessanteres Programm liefern? So lange die Zuschauer einschalten, kann man den Sendern doch nicht verdenken, dass sie bei ihrem Programm bleiben.
Das ist ja der große Beschiss. Immer wieder wird als Entschuldigung für das schlechte Programm genommen, dass die Leute zuschauen. Irgendwer schaltet natürlich immer ein, denn für viele ist das Fernsehen immer noch das Unterhaltungsmedium Nummer eins. So lange aber nur Schrott läuft, kann man gar nicht sagen, was die Leute gucken würden, wenn auch bessere Alternativen zur Verfügung stünden. Nur das Einfachste zu machen und es damit zu rechtfertigen, dass die Leute es gucken, ist genau so, als würde man einem Gefangenen nur Wasser und Brot hinstellen und sagen "Der isst es ja, also will er gar nichts anderes". Fakt ist aber, dass man nichts besseres schauen kann, weil man nichts besseres angeboten bekommt.
Und wie können wir dem entgegenwirken?
Die einzige Möglichkeit für einen Umschwung besteht darin, dass die Medienmacher ihre Arbeit beim Fernsehen anders verstehen müssen. In den 1970er und -80er Jahren wollten TV-Produzenten ihr Publikum noch unterhalten – ob es geklappt hat, ist eine andere Frage. Aber auf jeden Fall hatten sie Spaß an ihrem Job und an dem Medium. Das ist heute definitiv nicht mehr der Fall. Das weiß ich aus erster Hand, denn die Redakteure hassen ihr eigenes Programm.
Wie äußert sich das?
Sie lachen über die Zuschauer – Sie glauben gar nicht, mit was für einer Verachtung über das Publikum gesprochen wird. Das hat wirklich überhaupt nichts mehr damit zu tun, dass dort Leute säßen, die an ihre Sachen glaubten. Wenn jeder Redakteur gezwungen wäre, sich das Programm seines Senders vom Anfang bis zum Ende anzusehen, würden sie garantiert vieles anders machen wollen. Denn um sich das anzuschauen, ist die Lebenszeit zu schade.
Denken Sie, dass Oliver Pocher sich seine Sendung angesehen hat, in der er als Jörg Kachelmann aufgetreten ist?
Ich schätze schon, dass er sie sich angesehen hat und sie auch ganz toll fand. Mich würde aber interessieren, ob bei der Aktion einmal jemand darüber nachgedacht hat, was Pocher da eigentlich macht und was mit den Leuten geschieht. Wer früher ins Fernsehen ging, hat nicht erwartet, dass er dort fertiggemacht wird. Man hatte das Grundvertrauen, dass das Fernsehen es gut mit einem meinen würde. Heute gibt es diese Fairness, diese Moral nicht mehr.
Sprechen Sie damit die Reality-Soaps an?
Die sind ohnehin totaler Mumpitz! Sendungen, in denen Laiendarsteller auftreten. Die sind zwar schlecht, aber sie stören niemanden. Doch bei Programmen wie "Schwiegertochter gesucht" geht es um nichts anderes, als Menschen der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Teilnehmer werden vorgeführt als Leute, über die man lachen kann, weil sie so bekloppt sind. Denen wird diktiert, was sie zu tun haben und was sie machen sollen. Dann wird mit der Kamera draufgehalten und das Elend abgefilmt.
Das klingt ziemlich billig. Fehlen für größere und innovative Projekte momentan die Geldgeber?
Ja, das bremst alles. Vor fünf Jahren war das noch anders, als man sich auf ein Projekt konzentrieren konnte, an dem dann alle arbeiteten. Aber auch wenn die Öffentlichkeit denkt, ich tue nichts, tut sich doch eine ganze Menge im Hintergrund. Ich bin an drei bis vier großen Projekten dran, die parallel laufen. Ich hoffe, dass eines davon bald realisiert wird.
Wie laufen Projekte denn zurzeit bei Ihnen ab?
Durch die Finanzkrise ist die Medienbranche zusammengebrochen. Das hat dazu geführt, dass man alle Projekte selbst vorbereiten muss, bevor dann im allerletzten Moment ein Geldgeber seine Zusage gibt und auf den Zug aufspringt. Wir alle müssen momentan also sehr stark "auf gut Glück" aktiv sein und hoffen, einen Finanzier zu finden. Die ganze Lage ist wirklich sehr unsicher. Das Fernsehen hat seine Budgets stark gekürzt und ist noch weniger offen für Experimente als je zuvor. Von dem Geld, das noch da ist, machen die Sender lieber Scripted-Reality-TV, das wenig kostet. Irgendwer guckt es ja immer. Die Angst vor einer Fehlinvestition ist sehr groß bei den Fernsehmachern.
Ihre Kritik am klassischen Fernsehen fällt ziemlich harsch aus. Stellt das Internet eine Alternative dar, wo sich neue Ideen besser entwickeln können?
Das Internet ist auf jeden Fall eine Plattform, wo neue Ideen entstehen können. Aber ich glaube nicht, dass es dem Fernsehen den ersten Rang als Unterhaltungsmedium abnehmen wird. Denn im Internet hat man immer das Problem, dass es schwierig ist, Geld zu verdienen. Für alle qualitativ hochwertigeren Programme braucht man Kapital.
Was ist dann die Funktion des Internet?
Das Internet lebt in gewisser Weise wie ein medialer Parasit. Man kann dort viele Inhalte aus dem Fernsehen wiederverwerten – zeit- und ortsunabhängig. Aber wenn es niemanden gäbe, der Sendungen produziert, würde auch das Internet arm und ohne qualitativen Content dastehen. Nichtsdestotrotz können im Web neue Ideen entstehen. Menschen können dort kreativ sein und bekommen eine Chance, die sie woanders nicht erhalten.
Wenn Sie jemanden wie Niels Ruf als Beispiel nehmen, den das klassische Fernsehen nicht mehr haben wollte, der im Internet aber sehr erfolgreich ist – könnten Sie sich auch vorstellen, im WebTV zu senden?
Jein. Zum Glück habe ich zurzeit so viele Projekte, dass ich immer eine Beschäftigung finde. Ich bin auch nicht versessen darauf, omnipräsent zu sein. Trotzdem bietet das Internet die Möglichkeit, sich auszutoben, wenn man es möchte. Das Problem sehe ich nur in der Unübersichtlichkeit des Web. Inhalte – auch gute – sind manchmal sehr schwer auffindbar. Deshalb ist es auch schwierig abzuschätzen, wie viele Zuschauer man für sein Programm gewinnen kann.
Die "Mattscheibe" legt momentan eine Pause ein. Wie sieht Ihre Zukunft aus?
Ich würde mich sehr freuen, wenn die "Mattscheibe" wieder weitergehen würde. Wir sind diesbezüglich auch in Gesprächen.
Mit welchen Sendern?
Das kann ich noch nicht sagen. Es sind aber verschiedene, da ProSieben zurzeit kein Interesse an einer neuen Staffel hat. Ich würde mich allerdings sehr freuen, die "Mattscheibe" möglichst bald wieder zurück zu bringen, da ich wirklich sehr viel Lust darauf habe.
Was steht sonst auf Ihrem Zettel?
Wir arbeiten an einer Fortsetzung des "Wixxer"-Universums. Den dritten Teil haben wir gerade angekündigt und wir haben auch andere große Pläne rund um den "Wixxer". Bis dahin mache ich noch eine kleine Tour mit Dietmar Wischmeyer, in der wir die "Arschkrampen", eine alte Frühstyxradio-Geschichte, noch einmal aufleben lassen. Auch kleine andere Projekte wie die Synchronisierung des "Megamind"-Films stehen noch an.
Wann kommt der dritte "Wixxer" in die Kinos?
Wenn es nach mir geht, ist es 2011 so weit. Aber dass er im nächsten Jahr schon ins Kino kommt, kann ich nicht versprechen.

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