Schlammschlacht: die Leaks von Wikileaks

Die Enthüllungs-Plattform Wikileaks feierte im Juli mit der Veröffentlichung von tausenden Dokumenten via New York Times, Guardian und Spiegel ihren größten Erfolg. Wikileaks wurde von einigen als Zukunft des Journalismus gesehen. Der Vordenker der Plattform, Julian Assange, als Held gepriesen. Wenige Monate später nun droht Wikileaks in einer Schlammschlacht zu zerbrechen. Wired veröffentlichte ein Chat-Protokoll, in dem sich Assange und der Aussteiger Daniel Domscheit-Berg wüst beschimpfen.

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass mittlerweile vertrauliche Chat-Protokolle von Wikileaks in anderen Medien veröffentlicht werden. Die von Wikileaks geforderte, aber selbst stets verweigerte, absolute Transparenz des Internet holt die Whistleblower-Plattform ein. Der Spiegel feierte Assange im Juli im Rahmen der Afghanistan-Protokolle in einem überaus freundlichen Porträt noch als “Der Enthüller”, jetzt gilt Assange vielen plötzlich als egomanischer Alleinherrscher und Soziopath. So schnell kann es gehen.

Im von Wired-com veröffentlichten Chat-Protokoll wirft Domscheit-Berg ihm vor, sich wie ein Sklaventreiber oder Imperator aufzuführen. Assange reagiert selbstherrlich indem er den renitenten Mitarbeiter suspendiert. Dem Wikileaks-Aktivisten Herbert Snorasson soll Assange geschrieben haben: "Ich bin das Herz und die Seele dieser Organisation, ihr Gründer, ihr Sprecher, der erste Programmierer, Organisator, Finanzier und ganze Rest. Wenn du ein Problem damit hast, verpiss dich."

Knapp zwei Dutzend Wikileaks-Mitarbeiter sollen mittlerweile mehr oder weniger gegen Assange rebellieren, schreibt die FAZ. Gründe für den Unmut bei Wikileaks sind einerseits der rüde, egomanisch Stil von Assange. Viele waren zudem offenbar unzufrieden, als Assange, die Ermittlungen gegen in wegen Vergewaltigung in Schweden etwas vorschnell als Verschwörung abgetan hat. Ein weiterer wesentlicher Streitpunkt ist aber offenbar die von Assange geplante Veröffentlichung von zig tausenden Dokumenten, die den Irak-Krieg betreffen. Die fast 400.000 Dokumente sollten am 18. Oktober veröffentlicht werden. Assange habe bereits Vereinbarungen mit Medien getroffen – ohne Absprache mit anderen Wikileaks-Mitarbeitern.

Bereits bei den über 70.000 veröffentlichten Afghanistan Dokumenten war es Wikileaks nicht gelungen, alle Namen und Identitäten von gefährdeten Personen in Afghanistan zu entfernen. Domscheit-Berg und andere Wikileaks-Aktivisten befürchteten nun offenbar, dass eine seriöse Sichtung und Auswertung des noch viel umfangreicheren Irak-Material in der Kürze der Zeit nicht möglich ist.

Mittlerweile hat sich mit dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ein weiterer Wikileaks-Kritiker zu Wort gemeldet. Wikileaks habe nicht zuletzt deshalb so viel Aufmerksamkeit bekommen, weil sie den Namenszug "Wiki" tragen. Aber, so Wales laut FAZ: "Sie sind kein Wiki." Der Hang von Wikileaks, absolut alles veröffentlichen zu wollen, könne laut Wales "sehr, sehr gefährlich werden."

Mittlerweile plant der Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg offenbar die Gründung einer eigenen Plattform, um Dokumenten zu enthüllen. „Ich will die Idee einer dezentralen Enthüllungsplattform weiter entwickeln“, sagte er dem Berliner Tagesspiegel. Wie es mit Wikileaks und Julian Assange weitergeht, ist derzeit völlig unklar. Die nächsten Enthüllungen in Sachen Wikileaks lassen womöglich nicht lange auf sich warten.

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