„Autorität wird wertvollstes Online-Gut“

Er ist der Star des heutigen Scoopcamps von Hamburg@work und dpa: Aron Pilhofer, der Editor of Interactive News der New York Times. Der interaktive Redakteur kümmert sich um "Data Driven Journalism". Im Interview mit Always on verriet Pilhofer, was eigentlich hinter dem Trendbegriff steckt. Der Experte denkt, dass Glaubwürdigkeit bald das "wertvollste Online-Gut" wird und das dann vor allem Daten-Journalismus "der Berichterstattung einen Mehrwert" und "Wettbewerbsvorteil" gibt.

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Herr Pilhofer, Ihr Chef Arthur Sulzberger Jr., Verleger der New York Times, kündigte gerade das Ende der gedruckten Ausgabe an. Vielleicht erscheint die letzte Ausgabe bereits im Jahre 2015. Was halten Sie, als jemand der jetzt schon überwiegend online journalistisch arbeitet, davon?

Nun, um ehrlich zu sein, denke ich, dass es sich um einen kleinen Scherz handelt. Schon vor meiner Ankunft im Jahre 2005 zum Beispiel bezeichnete er die Times als plattformunabhängige Nachrichtenorganisation.
Wenn man von den Einzelheiten kurz absieht, denke ich, dass seine Aussage nicht nur die Firmenstrategie widerspiegelt, sondern die Strategie, die die Industrie insgesamt wählen muss, um in dieser neuen, digital dominierten Landschaft bestehen zu können.

Die New York Times gilt mit dem Guardian als einer der Vorreiter in Sachen Datenjournalismus. Welches Potential steckt in diesem Feld und was ist so anders als beim herkömmlichen Journalismus?

Ich sehe da keinen Unterschied, da die Definition des „traditionellen Journalismus” flexibel ist und schon immer war.
Bei der Berichterstattung ging es immer um den Einsatz von Techniken zur Sammlung, Filterung und Analyse von Informationen, unabhängig davon, ob diese von einer Person, aus einem Dokument oder einer Datenbank stammten. In gewissem Sinne kann man sagen, dass es beim Journalismus immer um Datenanalyse ging, wir betrachten das Ganze nur nicht so.
Und obgleich es aus Marketing-Sicht nützlich ist, aufstrebende Technologien zu bündeln und mit einem Etikett zu versehen (wie zum Beispiel computergestützte Berichterstattung oder Data Driven Journalism), empfiehlt es sich, die Evolution des Datenjournalismus als Bestandteil eines viel größeren Kontinuums zu betrachten.

Seit wann gibt es denn dann "Data Driven Journalism"?

Viele Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, dass der Datenjournalismus in den Vereinigten Staaten in den 1960ern und 1970ern angefangen hat, als Pioniere wie Phil Meyer, Elliot Jaspin, Don Barlett und Jim Steele sich Zeit an Großrechnern erbettelten, borgten und erschlichen, um ihrer Berichterstattung die Komponente der Sozialwissenschaft beizufügen.
In den 1970ern und 1980ern ermöglichte es der PC einer ganzen Generation von Journalisten, ihre Berichterstattung mit einer Datenanalyse zu ergänzen. In den 1990ern verbreitete sich die Verwendung von GIS und es wurde das erste Mal eine neue Plattform namens World Wide Web verwendet.
Und nun sehen wir, wie Newsrooms auf ihre Art und Weise an das Medium herangehen – und es verwenden, um Nachrichten zu sammeln und zu verbreiten. Seiten wie PolitiFact nehmen beispielsweise eine bekannte Form des Journalismus, wie zum Beispiel Überwachungsberichte, und erfinden diese für das Web neu. Sie sehen, dass der Guardian die Leser dazu einlädt, in Tausenden von Seiten die Nadel im Heuhaufen zu suchen, und so weiter.

Und wie wird sich diese Form des Journalismus entwickeln?

In naher Zukunft müssen wir alle darüber nachdenken, wie wir aufstrebende Technologien wie Mobile und iPad fördern können, und wir müssen dem Journalistenhandwerk Techniken wie Text Mining und Data Visualization hinzufügen.
Wie die Großrechner in den ’60ern und ’70ern, die PCs in den ’80ern, GIS in den ’90ern, glaube ich, dass auch das Web eine Technologie sein wird, die es uns ermöglicht, bessere, reichhaltigere und tiefere Geschichten zu erzählen. Die Technologien und Techniken entwickeln sich, aber das Ziel bleibt das Gleiche: dem Leser dabei zu helfen, besser zu verstehen, was um ihn herum vor sich geht.

Ist "Data Driven Journalism" evtl. genau der Mehrwert gegenüber anderen Medien, den das Internet neben Schnelligkeit gegenüber herkömmlichen Medien bietet?

Teilweise ja. Wenn wir in den vergangenen 15 Jahren etwas gelernt haben, dann dass das Web außerordentlich gut dazu geeignet ist, Gerüchte oder Lügen als Tatsachen zu verbreiten. Manchmal stellen sich diese Gerüchte als wahr heraus, also kommt es vor, dass wir einige Storys verpassen. Deswegen haben Nachrichtenorganisationen immer einen leichten, strategischen Nachteil, da wir dazu verpflichtet sind, vor einer Veröffentlichung Bericht zu erstatten und eine Freigabe einzuholen.
Aber da die Online-Medienlandschaft immer bevölkerter und es immer schwieriger wird, Tatsachen von Fiktion zu unterscheiden, werden Glaubwürdigkeit und Autorität wohl das wertvollste Online-Gut werden. Das ist unser wettbewerblicher Vorteil, bei dem der Data Driven Journalism der Berichterstattung einen so genannten Mehrwert geben kann.
Schließlich ist die New York Times nicht nur im Nachrichtengeschäft; wir sind im Vertrauensgeschäft. Leser vertrauen unserem Nachrichtenurteil, sie vertrauen, dass unsere Berichterstattung den höchsten redaktionellen Standards entspricht – und das tut sie auch, sonst hätten wir nicht Millionen loyaler Leser bei der Druckausgabe und Online.
Data Driven Journalism kann unsere Fähigkeit verbessern, eine glaubwürdige Quelle für Neuigkeiten und Informationen zu sein. Er ermöglicht uns, Geschichten zu finden und über diese zu berichten, die ansonsten vielleicht übersehen werden würden. Aber das Web ermöglicht es Journalisten, die Leser in den Berichterstattungsvorgang einzubeziehen. Und aus Sicht der Veröffentlichung können wir im Grunde unser Werk zeigen, indem wir der Öffentlichkeit den Zugriff auf die gleichen Daten und Dokumente geben, die wir für die Berichterstattung hatten.
Kurz gesagt, ermöglicht uns der Data Driven Journalism nicht nur eine bessere Berichterstattung, sondern erhöht auch ihre Glaubwürdigkeit.

Wie ist Ihre Einschätzung der Entwicklung in Sachen „Data Driven Journalism“ im Bezug auf europäische und deutsche Medien?

Das ist eine recht breit gefächerte Frage, also möchte ich mich zunächst auf ein Land konzentrieren, das ich recht gut kenne: das Vereinigte Königreich, wo der Data Driven Journalism die Industrie umgewandelt hat.
Ich habe im Jahre 2004 begonnen, dort computer-gestützte Berichterstattung zu unterrichten, wobei es zu dieser Zeit nur sehr wenig Interesse an diesen Techniken gab. Es gab nur eine Handvoll Journalisten, die diese Techniken regelmäßig bei ihrer Berichterstattung verwendeten, und nur wenige dieser Arbeiten gingen Online. Ich war einer der sechs Lehrer, die geladen wurden, um in diesem Jahr bei einer investigativen Berichterstattungskonferenz zu unterrichten, und ich muss, glaube ich, nicht hinzufügen, dass es fast in jeder Klasse mehr Lehrer als Schüler waren. Es war tatsächlich ziemlich deprimierend.
Aber dann geschah das Außergewöhnliche: Nach dem Urteil in Zusammenhang mit der durchgreifenden Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes des Landes von 2005 hatten Journalisten plötzlich Zugriff auf Datenquellen der Regierung, was vorher nicht möglich war. Es war kein Zufall, dass das Interesse an Data Driven Journalism sowohl On- als auch Offline explodierte. Die nahezu leeren Klassen des Vorjahres waren plötzlich brechend voll.
Blicken wir auf 2010, hat sich die Medienlandschaft verändert. Sie sehen traditionelle Nachrichtenorganisationen, die die zuvor genannten Technologien und Techniken nutzen. Ich bin absolut neidisch, was die Arbeit traditioneller Nachrichtenorganisationen wie The Guardian, Telegraph, Times, BBC und vieler, vieler Anderen angeht. Aber noch mehr freue ich mich über eine aktive und wachsende „Hacker/Journalisten”-Community, mit Gruppen wie beispielsweise mysociety.org. Ein Neuankömmling in der Szene, ScraperWiki, ist eine Seite, die aus dieser Community entstanden ist, und es ist eines der aufregendsten und innovativsten journalistischen Projekte, die ich seit Jahren gesehen habe.
Diese Art der Umwandlung sehen wir auch an anderen Orten – Orte wie Norwegen, Schweden, Dänemark, Kanada und Südkorea. Es sind aufregende Zeiten.

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