Matthias Matussek: „Schreiben ist Quälerei“

Im zweiten Teil des Gesprächs mit Christopher Lesko spricht Matthias Matussek über vergnügte Anarchie in Video-Blogs ("Ich kaspere gerne rum, das war schon in der Schule so"), Qual und Erleichterung beim Schreiben sowie den Umgang mit seiner Lust, noch einmal ins Ausland zu gehen. Matussek erzählt vom Tod seines Vaters, dem Älterwerden, Deutschland-Fahnen am Auto und Liebe als Lebenstreibstoff. Matussek, 56, ist Spiegel- und Buch-Autor und lebt in Hamburg.

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Erzählen Sie bitte über Ihr Video-Blog: Nicht viele machen das so erfolgreich. Weit unterhalb der Ebene gesprochener und geschriebener Worte zeigt man sich unmittelbar visuell und setzt sich den Reaktionen aus. Wie ging es Ihnen damit?

Mich hat das neue Medium gereizt. Ich kaspere gerne rum, das war schon in der Schule so. Beim Bloggen kann man sehr persönlich werden, kann schnell kommentieren, kann all das machen, was es so sonst im Spiegel weniger gibt. Das ist toll. Ich mag es visuell. Nach der Journalistenschule hatte ich mich beim bayerischen Fernsehen BR ganz gut eingelebt. Dann war mir das Schreiben doch lieber: Bist Du beim TV mit vier Leuten unterwegs, kannst Du als schreibender Reporter alles im Kopf inszenieren.
Die technologische Revolution westentaschengroßer Digitalkameras gestattet es, schnell Bewegtbilder einzufangen. Mit Jens Radü habe ich einen genialen Kamera-Mann und tollen Cutter für die Studio-Inszenierung: Ich glaube, man sieht den Blogs an, wieviel Spaß wir haben. Die Blogs sind pure Anarchie, sehr spontan, da geht quasi alles. Ich inszeniere eine Selbsthilfegruppe mit Diekmann, dem Bild-Chefredakteur, einen Talkshow-Skandal mit Reinhold Beckmann und bin beim Filmpreis mit meiner kleinen Handkamera auf dem roten Teppich und auf dem Buffet. Wer kriegt schon einen Tatort-Kommissar als Lagerfeld-Parodist, der dir als Lagerfeld Jubiläums-Grüße schickt, oder Martin Walser beim privaten Essen? Stefan Aust gab grünes Licht für das Blog unter einer Bedingung: nichts Persönliches. Schon in der zehnten Folge habe ich mich ausgezogen. Sonst wäre das doch ziemlich verschenkt.

Was bedeutet denn grundsätzlich das Schreiben für Sie?
 
Quälerei. Und wenn ich eine Idee habe, eine Metapher, ein großes Bild im Kopf: der pure Flug. Wenn ich beim Schreiben einer Polemik die richtigen Argumente finde: was für eine Erleichterung. Ein guter Artikel kann die Welt ebenso erklären wie mich und mein Verhältnis zur Welt. Er kann aber auch eine Waffe sein, mit der man Bösewichter erledigt, wenn man in die Stadt einreitet, um die Guten zu befreien.

Ganz praktisch – wie genau schreiben Sie: Arbeitsdisziplin von nine to five?
Süchtig, solange Leben in Ihnen ist, bis Kraft und Konzentration eines Tages sich verabschieden?

Am besten arbeite ich vormittags. Aber es gibt auch produktive Nachtschichten, besonders wenn Deadlines einzuhalten sind. Ich arbeite nicht gerne, eigentlich. Ich prokrastiniere. Bis die Qual über das schlechte Gewissen den Genuss am Aufschub überwiegt.

Produzieren Sie “kreative Versatzstücke“ und fügen Sie hinterher zusammen?

Ja. Copy & Paste ist die große Errungenschaft des Computerschreibens. Die Frage ist: Schrieb man an der mechanischen Schreibmaschine konzentrierter?  Dachte man genauer? Das kann gut sein. Aber: man hat nicht soviel ausprobiert.

 
Machen sie Texte fertig und feilen wieder und wieder an immer neuen Formulierungen?

Ja, das ist überhaupt das Wichtigste. Manche Texte muss man 20 Mal lesen und immer wieder überarbeiten. Der Zwang zu kürzen ist oft nicht dumm und hilft dabei, prägnantere Formulierungen oder bessere Argumente zu finden.

Ihr Buch „Die vaterlose Gesellschaft“ war Bestseller. Folgte man der Idee, Grundlage für das Schreiben eines Buches bestünde nicht in theoretisch-akademischem Interesse: Aus welchem inneren Impuls heraus haben Sie damit begonnen, dieses Buch zu schreiben?

Empörung über Unrecht, das Männern geschieht. Der Impuls entstand, als ich mit meiner Frau in einer schwierigen Phase war. Ich konnte mir vorstellen, was es bedeutet, sein Kind nur besuchsweise zu sehen. Ich habe das Buch geschrieben, als für mich privat jene schwierige Zeit schon vorüber war, aber ich konnte mich sehr identifizieren mit der hilflosen Situation von Vätern. Ich habe seinerzeit zwei Männer vor dem Kreuzberger Amtsgericht im Hungerstreik gesehen: Hungerstreik ist ein ultimatives Kampfmittel der Bürgerrechtsbewegung und äußerste Antwort auf übermächtiges Unrecht. Das hat mich wirklich tief berührt. Die Resonanz auf das Buch bedeutete Sarrazin im Kleinen, weil „Die vaterlose Gesellschaft“ endlich einem tabuisierten Thema Sprache verlieh. Heute, zehn Jahre später, kann man sagen, dass Vieles, was ich in sehr deutlicher Sprache gefordert habe, umgesetzt ist. Damals galt ich als Demagoge, Populist oder aber – die feministische Deutung – als Heulsuse. Ein Mann hatte still zu leiden, die Opferrolle war Frauen vorbehalten. Männer waren immer Täter, und ich beschrieb Männer mit Gefühlen in Opferrollen. Mittlerweile hat sich das alles herumgesprochen und wird in Romanen bearbeitet wie  in Thomas Hettches „Die Liebe der Väter“. Man beschäftigt sich mit dem Schicksal ausgegrenzter Männer. Das ist längst als Unrecht erkannt und – auch juristisch – beantwortet.

Und Ihr Buch „Wir Deutschen“?
Auch dieses Buch hat vor vier Jahren ganz erheblich zu einem Diskurs über Patriotismus beigetragen und manche Tabus zum Thema der Deutschlandliebe gebrochen. In einem sehr gewissen Sinne führt Sarrazin diesen Diskurs fort: Was eigentlich bedeutet es, deutsch zu sein?

Haben Sie eine Deutschland-Fahne an Ihrem Auto?

Nein, aber 2006 hatten wir ein Cabrio, und meine Frau hat auf dem Rücksitz nach WM-Spielen die deutsche Fahne geschwenkt.

Sie gelten auch als Provokateur: Die Fähigkeit, Ihre persönliche Neigung zum Widerspruch zurückzustellen, steht Ihnen nicht in jeder Sekunde des Tages voll umfänglich zur Verfügung. Was genau ist Harmonie für Sie? Langweilig?

Nein. Harmonie ist wichtig für mich. Sehr wichtig. Ich wünsche mir Harmonie. Harmonie beschreibt einen Zustand, den wir alle anstreben, solange er nicht verlogen ist.
Leider ist unsere Welt nicht so. Manchmal ist Harmonie ein Ziel, welches durch sehr viel Aufopferung, Konflikt und Streit erobert werden muss. Sie muss immer wieder neu erkämpft werden. Gerade in Familien ist das harte Arbeit.

Können Sie mir in zwei Minuten beschreiben, was für Sie Liebe ist?

Das ändert sich. Niemand kann wirklich ohne Liebe leben. Liebe hat die verschiedensten Sprachen: Von großem Begehren, wenn man sich verliebt, über tiefe Vertrautheit und große Wertschätzung. Es gibt so viele Facetten von Liebe: Liebe eines Vaters, eines Ehemannes, eines Liebhabers…
Liebe ist das A und O. Liebe ist der Lebenstreibstoff.

Mit kleinem Rückgriff auf das Thema Ihres Glaubens: Fühlen Sie sich von Gott geliebt? Ist da irgendetwas, was Ihnen in Ihrer Wahrnehmung spürbar entgegenkommt – über Wunsch und Projektion hinaus?

Ich glaube schon, dass Gott mich liebt, auch wenn es mir ab und an entfällt. Ich bin kein Spezialist in tiefer Selbstliebe: Auch wenn es einen anderen Anschein haben mag – da bin ich nicht begabt. Ich bin eher Spezialist in Selbstquälerei. Dass der da oben mich wirklich liebt, ist wichtig für mich, und meine Frau erinnert mich ab und zu daran. Dass Gott jeden Menschen so liebt, wie er ist, ist eine beglückende Gewissheit. Wir müssen uns das nicht verdienen, wir müssen nur liebesfähig auch in seine Richtung sein.

Verglichen mit Ihrem Vater Ihnen gegenüber: Was sind Sie denn für ein Vater?

Ganz anders.

Geht es noch ein bisschen abstrakter?
(Lachend:) Mein Vater war prinzipientreu, streng und modellhaft fromm. Ich habe ihn im Alter sehr bewundert, als er weise und milde wurde. Es war ein langes Abschiednehmen, als er schwächer wurde. Meine Frau hat sich sehr um ihn gekümmert. Ich habe ihn zum letzten Mal auf unserer Abschiedsfeier vor der Abreise nach Rio gesehen. Er starb dann, als wir in Rio waren. Vielleicht lag es an seinem Tod, dass danach mein Leben komplizierter wurde. So lange er da war, dachte ich irgendwie, er passt auf mich auf…
Ich habe sehr an ihm gehangen und denke jetzt auch noch oft an ihn. Irgendwie bin ich innerlich ein wenig Sohn geblieben: Manchmal, wenn ich mich heute daneben benehme, schäme ich mich und rechtfertige mich ein wenig ihm gegenüber.
Meinem Sohn gegenüber bin ich der unautoritärste und toleranteste Daddy, den man sich vorstellen kann. Ich musste allerdings von meiner Frau und meinem Sohn dazu erzogen werden, nachdem ich anfangs versucht habe, die Haltung meines Vaters einzunehmen. (Grinsend:) Inzwischen beschränke ich mich auf die Rolle des liebevollen Onkels, der mit inneren und äußeren Geschenken ab und zu in sein Zimmer kommt, ohne unangenehm aufzufallen.

Kennt Matthias Matussek hilflose Momente?
Oh ja. Es gab immer wieder Situationen, in denen ich mich komplett ohnmächtig fühlte. Situationen, in welchen ich hoffte, dass die Welle über meinem Kopf an mir vorüberzieht und ich meinen Kopf weit genug eingezogen hatte, um lebend wieder herauszukommen. Momente, in denen ich sagte: „Dein Wille geschehe.“ Ich hasse diesen Zustand. Ich bin dafür nicht gemacht, jede Kontrolle abgeben zu müssen.

Woran merken Sie, dass Sie älter werden, und wie gefällt Ihnen das?
Zunächst: Körperlich. Dann an meinem Sohn, wenn er vor seinem PC irgendwelche Spiele veranstaltet, sich mit anderen vernetzt, rätselhafte Depots anlegt. Diese ganzen Computerfähigkeiten habe ich nicht. Ich kann mich auch nicht mehr auf jede Drehung der Popkultur einlassen: Ich bleibe meinen Late Sixties/Seventies treu, höre die Doors, Zappa, Soft Machine und Pink Floyd, diese grausame Musik, mit der mein Sohn nichts anfangen kann. Ich gebe mir auch nicht mehr die Mühe, Avantgarde zu sein. Diesen jugendlichen Ehrgeiz, was Popkultur und Stil angeht, vorne mitzuschwimmen, muss ich nicht mehr haben. Ich werde auch ruhebedürftiger: Mein Beruf ist ein unglaublicher Zappelberuf. Er fordert Beweglichkeit innerhalb ständig aktualisierter Nachrichtenlagen. Auf der anderen Seite hat älter zu werden auch Vorteile, die mir bei bestimmten Aufgeregtheiten gestatten zu sagen: Das gab’s schon mal…

Gut, das ist der weise und humoristisch souveräne Fokus einer Antwort. Was ist denn mit den Einschränkungen, die älter zu werden beinhalten?

Die gibt es: Wissen Sie, ich hätte grundsätzlich Lust, noch einmal ins Ausland zu gehen. Die andere Seite dieser Lust erzählt von Trägheit, dem Wunsch, ein wenig zu Hause zu bleiben und nicht den gesamten Hausstand einer Familie in Koffer zu packen. Auch die Neugier auf eine ganz neue Welt ist ein wenig dahin. Als ich 35 war, habe ich keine Sekunde gezögert, nach New York zu gehen. Mit 43 habe ich mich sofort entschieden, nach Rio zu gehen. Das hat sich verändert, und ein wenig erlebe ich das als Handycap. Es wird schon wieder kommen..

Nun halten ja einige Glaubensrichtungen den Tod für die Beförderung zum Eigentlichen. Wenn Sie an Ihren Tod denken: Was soll denn bleiben von Ihnen…danach?

Wenn ich in den Erinnerungen meines Sohnes trotz meiner Schwächen das bliebe, was man einen guten Vater nennt, würde mich das freuen. Wenn Angehörige und Freunde dächten: „Der war zwar ein bisschen crazy, war aber doch ein guter Kerl – das wäre schön.
Was den Journalismus angeht, wünsche ich mir schon, dass man sich an Matussek erinnert und vielleicht sagt: So geht Journalismus auch. Journalismus als große Erzählung, aber auch mit einem Anliegen von jemandem, der etwas will. Jemand, der nicht nur nette Geschichten über Stars macht, sondern der mit hohem Einsatz wirklich etwas sagen will.

Als gläubiger Mensch: Haben Sie Angst vor dem Tod?

Das ist eine wichtige und spannende Frage. Sie kommt bei mir ein bisschen früh. Ich habe dieselbe Frage dem achtzigjährgen Kurt Flasch gestellt, und er hat verneint. Doch, ich habe Angst vor dem Tod.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christopher Lesko
Mehr über den Autor: www.lesko.ch

Der erste Teil des Interviews: "Journalismus ist nichts für Zimperlieschen"

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