Gib mir fünf: Anne Wills Talk-Zoo

Die Anne-Will-Sendung vom vergangenen Sonntag war ein Parade-Beispiel dafür, warum es trotz aller Kosten und des Umstrukturierungsärgers eine gute Idee ist, Günther Jauch als neuen Polit-Talker ins Erste zu holen. Anne Will ist eine ausgezeichnete Journalistin, aber als Talkshow-Moderatorin ist sie schlicht und ergreifend fehl am Platz. Die Diskussion um das Reizthema der Fünf-Euro-Erhöhung der Hartz-IV-Sätze zerfaserte an allen Ecken und Enden. Und das lag nicht zuletzt an der Moderatorin.

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Anne Will schaffte es zu keiner Minute, die Diskussion in geordnete Bahnen zu lenken. Über weite Teile geriet die Sendung zu einem hitzigen Streitgespräch zwischen dem dauererregten Brüll-Politiker Klaus Ernst von der Linken und Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Von der Leyen machte dabei aufgrund ihrer scharfen Analysen und weil sie auch im größten Talk-Trubel Haltung bewahrte die deutlich bessere Figur. Den polternden Linken Ernst lachte sie wegen seiner teils abstrusen Thesen aus. Anne Will erteilte sie “Nachhilfe in Gesetzgebung”.

Dabei hatte von der Leyen keinen leichten Stand. Die Stimmung ist eigentlich gegen sie und die sehr umstrittene Minimal-Erhöhung der Hartz-IV-Sätze. Als Frau Will mit ihrer immer wieder hilflos wiederholten Frage, ob das nicht eine Verhöhnung sei, nicht weiterkam, behalf sich die Regie damit, dass man dauernd einen dicken Mann im Publikum einblendete, der sich ganz furchtbar aufregte. Offenbar ein Ersatz für den früheren Aufmarsch der Betroffenen in der Sendung, der offenbar gottlob abgeschafft worden ist. Die anderen Talkgäste, neben von der Leyen und Ernst blieben eher blass – mit Ausnahme eines Kölner Pfarrers, der sich mit Herz, Schnauze und Engagement um Hilfebedürftige kümmert. Im durcheinander palavernden Talk-Zoo von Anne Will, wirkte er freilich wie ein Fremdkörper.

Auch die Einspielfilme waren von erschütternd schlichter Qualität. Anne Will kündigte an, man werde nun einige der Familien kennenlernen, die von Hartz IV betroffen sind. Was folgte, war ein dünnes Werbe-Filmchen für eine ARD-Reportage über eben diesen Pfarrer, der auch im Talkstudio saß. Man macht sich bei Anne Will offenbar nicht einmal mehr Mühe, eigene Einspiel-Filme zu produzieren.

Während die Moderatorin abwechselnd die Hände wrang oder in ihrem Kugelstuhl nach vorne rutschte, kabbelten sich von der Leyen und Ernst. Vollends blass blieb der ehemalige BDI-Chef Michael Rogowski, der 08/15-Arbeitgeberthesen, á la Arbeitslose müssen härter rangenommen werden, absonderte. Als die Sendung dann nicht nur inhaltlich, sondern auch zeitmäßig endlich am Ende und ein Fazit immer noch weit war, bat Anne Will sogar Spiegel-Autor Jan Fleischhauer (“Unter Linken”) um Hilfe, das Schlusswort zu formulieren. Aber auch dem wollte das nicht recht gelingen – wie auch. Also holterdipolter eine Überleitung zum feixenden Tom Buhrow von den “Tagesthemen” und ein weiterer Anne-Will-Abend war überstanden. Für Günther Jauch hängt die Latte am Sonntagabend im Ersten nicht sonderlich hoch.

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