AOL – die Firma, die keiner braucht

Die Geschichte von AOL ist eine traurige Geschichte von einem steilem Aufstieg und einem langen, tiefen Fall. Jetzt kommt AOL gerade mal wieder in die Schlagzeilen, weil die Firma das weltweit wohl bekannteste Techblog, TechCrunch, übernehmen will. Für TechCrunch und seinen Gründer Michael Arrington bedeutet das finanzielle Sicherheit. Für AOL bedeutet es: rein gar nichts. Die Firma, die einst die wichtigste Internetfirma der Welt war, befindet sich längst auf dem langen Weg in die Bedeutungslosigkeit.

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Heute erscheint es kaum noch vorstellbar, das AOL einmal das Internet-Vorzeigeunternehmen schlechthin war. Das war die Zeit vor, während und kurz nach der so genannten New Economy. Anfang der 2000er-Jahre war AOL zeitweise mit über 30 Mio. Kunden der weltgrößte Internet-Anbieter. AOL verschickte massenhaft bunte CDs mit seiner Zugangssoftware, heuerte Boris Becker in Deutschland als Werbe-Testimonial an (“Ich bin drin!”) und fusionierte in den USA mit Time Warner. AOL war gleichbedeutend mit der Ankunft des Internets im Massenmarkt. Mit dem Erreichen des Höhepunkts begann dann aber auch der Abstieg.

Ein Grund für den Niedergang von AOL ist der Siegeszug von DSL. Das Internet-Zugangsgeschäft wurde von neuen Spielern am Markt, wie Telekommunikations- oder Kabelfirmen, schnell unter sich aufgeteilt. AOL hielt zu lange am traditionellen Zugang via Modem fest. Gleichzeitig merkte offenbar lange Zeit niemand bei AOL, dass der Internet-Zugang über eine geschlossene AOL-Welt nicht mehr in die Zeit passte. Die Updates der AOL-Software ließen stets lange auf sich warten und konnten mit der Entwicklung des Web nicht Schritt halten. Erst ab 2003 war es möglich, mit AOL Zugängen auch ohne die schwerfällige AOL Software ins Internet zu gelangen. Trotzdem hält AOL, zumindest in den USA, immer noch an der eigenen Software mit eigenen Inhalten fest. In den USA ist die Firma auch noch als Zugangsbetreiber aktiv. Laut Wikipedia wählen sich selbst heute noch fünf Mio. US-Kunden via Modem bei AOL ein – eigentlich unvorstellbar. Aber auch dieses Rest-Geschäft schrumpft.

In anderen Ländern, so auch in Deutschland, hat AOL aufgegeben und sich vom Zugangsgeschäft, dem einstigen Kerngeschäft, getrennt. Weltweit rief der 2009 angetretene CEO Tim Armstrong einen Strategiewechsel aus. AOL sollte sich wandeln vom biederen Zugangs-Provider zum schicken Content-Portal. Das erfolglose soziale Netzwerk Bebo wurde an einen Finanzinvestor verkauft, angeblich wurde auch für den mittlerweile leicht angestaubten Instant-Messaging-Dienst ICQ ein Käufer gesucht.

Gleichzeitig wurde aber auch zugekauft. AOL übernahm mit Weblogs Inc. die Mutterfirma u.a. des beliebten Gadget-Blogs Engadget und AOL kaufte die Internet-Werbefirma Adtech. Inhalte, Journalismus und Werbung soll der Dreiklang sein, der für die alte Online-Oma AOL eine gloriose Zukunft einläutet. Das Problem ist nur: Kein Mensch braucht mehr AOL. Kostenlose E-Mail-Adressen gibt es bei Google, Yahoo und GMX, Internet-Zugänge bekommt man über Telekom-, Kabel- oder spezialisierte Firmen wie United Internet. Und für Inhalte sorgen zahllose klassische Medienhäuser und Heerscharen von Bloggern. Diese Inhalte werden online wiederum tausendfach aggregiert, neu gebündelt und verschickt. Bei den sozialen Netzwerken hat Facebook weltweit die Führungsrolle übernommen, Instant Messaging erledigt man via Skype und in Sachen Musik im Web sind Apples iTunes und MySpace erste Adressen. Wer braucht da noch AOL? Die Firma klammerte sich  viel zu lange an ihr antiquiertes Geschäftsmodell. Wenn man eine AOL-CD in einer Zeitschrift kleben sah, suchte man schon mit einem Auge instinktiv nach dem nächsten Mülleimer. Die einstige Vorzeige-Firma hat die Zeichen der Zeit so lange verpennt, bis es zu spät war.

Das eigentliche Wunder ist, dass AOL immer noch existiert und dass die Firma trotz katastrophaler Zahlen immer noch Geld für Zukäufe aufbringen kann. Spektakuläre Einzel-Deals wie ein Kauf von TechCrunch rufen kurz in Erinnerung, dass es AOL noch gibt – sonst nichts. Der einzige, der von einem solchen Deal profitiert ist TechCrunch-Gründer Michael Arrington. Er kann den Lohn für Jahre harter Arbeit einstreichen und erst einmal weitermachen wie bisher. TechCrunch wird auch unter dem Dach von AOL weiter laufen. Und AOL wird auch mit TechCrunch weiter langsam aber sich in der Bedeutungslosigkeit versinken.

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Alle Kommentare

  1. Ich habe seit langen kein AOL mehr. Aber es wird mir immer noch eine kleine Summe abgezogen. wie kann ich dieses unterbinden?

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