Steingart baut das Handelsblatt um

Vor zehn Monaten stellte das Handelsblatt vom großen Nordischen Format auf das handliche Tabloid um. Ein messbarer positiver Auflagen-Effekt blieb bislang aus. Damit sich dies endlich ändert, schraubt Chefredakteur Gabor Steingart noch einmal kräftig am Business-Blatt. Wichtigste Neuerungen sind zwei frische Rubriken und eine überarbeitete Titelseite. Der Handelsblatt-Schriftzug feiert nun sein Comeback in alter Größe und eine Extra-Spalte zeigt alle Exklusivmeldungen auf einen Blick.

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Dass Steingart die eigenen Recherchen bereits auf dem Cover feiert, passt zu seiner Strategie, die Eigenleistung zu fördern und besser zu verkaufen. Gerade erst hatte der 48-Jährige ein neues Anreizsystem für Redakteure eingeführt. Dem Autoren, dessen Artikel am häufigsten von Nachrichtenagenturen aufgegriffen werden, sollen am Ende des Jahres eine Erfolgsprämie von 3.000 Euro winken. Sollte es eine Handelsblatt-Geschichte sogar in die "Tagesschau" schaffen, lädt der Chef den Autor und seine Begleitung sogar aus eigener Tasche zum Dinner ein.

Direkt nach dem renovierten Titel gehen auf den Seiten zwei und drei die Umbauarbeiten weiter. So soll der Hefteinstieg den Lesern "als Navigationshilfe gute Dienste leisten", wie Steingart in seinem Editorial schreibt. "Die wichtigsten Artikel und Kommentare der Zeitung werden hier präsentiert." Zudem sollen immer einige Mitglieder der rund 200 Personen starken Redaktion vorgestellt werden.

Bei einem genauen Blick auf die neue Übersichtsseite zeigt sich, dass Steingart offenbar ein gutes Verhältnis zu seinem Vorgänger zu haben scheint, denn Bernd Ziesemer schreibt noch immer für die Düsseldorfer. Thema diesmal: Karl-Theodor zu Guttenberg.

Nach der Übersicht auf den Seiten zwei und drei folgen auf vier und fünf die wichtigsten Nachrichten und die neue Rubrik "Pinocchio des Tages". Wie der Name nahelegt, sollen in der Neuentwicklung "Aussagen von Firmenchefs und Politikern auf ihren Wahrheitsgehalt" überprüft werden, schreibt der Chefredakteur. "Bei gröberer Unwahrheit wächst die Nase von Pinocchio." Umgesetzt wurde der kleine Relaunch von Handelsblatt-Art-Direktor Nils Werner und dem US-amerikanischen Zeitungsdesigner Mario Garcia.

Die beiden letzten Änderungen betreffen den hinteren Teil der Zeitung. Im Ressort "Namen des Tages" wird nun eine "Business Lounge" eröffnet, die Bilder von wichtigen Ereignissen des Wirtschaftslebens zeigt. Zudem folgt nun auch das Handelsblatt dem vom Focus angetriebenen Debatten-Trend. Auf der letzten Seite sollen nun bedeutende Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland exklusiv für das Businessblatt schreiben. Den Anfang macht Unicredit-Chef Alessandro Profumo mit einem Text über die Verantwortung der Banken.

Die Notwendigkeit der Blatt-Korrekturen begründet Steingart mit "Hunderten E-Mails, Briefen und einer Vielzahl persönlicher Gespräche". Nach dem Format-Wechsel der Zeitung hagelte es offenbar Verbesserungsvorschläge.

Konzipiert und umgesetzt wurde das verkleinerte Handelsblatt noch von Bernd Ziesemer. Bislang blieb ein positiver Effekt bei der Auflage weitestgehend aus. Insgesamt kommen die Düsseldorfer (laut IVW) bei der Gesamtauflage auf 136.832 Exemplare. Das bedeutet ein Minus von einem Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings liegt das Minus beim Einzelverkauf im Zwölf-Monats-Vergleich bei 17 Prozent. Gerade am Kiosk sollte sich die Formats-Umstellung allerdings positiv auswirken. Immerhin erfüllt das Business-Blatt nun viele Kriterien einer Pendler-Zeitung.
Nicht das Handelsblatt hat jedoch mit einem brutalen Kiosk-Minus zu kämpfen. Die Financial Times Deutschland verzeichnete im zweiten Quartal 2010 im Vergleich zum Vorjahr einen Einbruch von 16 Prozent.

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