„Menschliche Seite der Tragödie zeigen“

Das Grubenunglück in Chile beschäftigt die Medien seit mehreren Wochen. Doch während sich die meisten News-Webseiten ausschließlich auf Agenturmeldungen stützen, hat Bild.de eigene Redakteure an den Ort des Geschehens geschickt. Im MEEDIA-Interview erklärt Daniel Böcking, Mitglied der Chefredaktion von Bild.de, warum er als Online-Redakteur in Chile war, was das Schicksal der Bergarbeiter so emotional macht und weshalb sich das Internet für Krisen-Berichterstattung besonders eignet.

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Warum sind Sie nach Chile gegangen, um von dort zu berichten? Im Vergleich zu anderen Katastrophen sind dort doch relativ wenige Menschen betroffen.
Wir sind nach Chile gegangen, um über die Lage der Bergmänner, aber auch über die Sorgen der wartenden Angehörigen zu berichten. Wir haben es hier mit einer noch nie dagewesenen Situation zu tun. Noch nie haben Bergmänner so lange unter Tage ausharren müssen, noch nie musste eine Rettung in so großer Tiefe durchgeführt werden. Durch die Länge der Rettungsarbeiten drohten diese Tragödie und die damit verbundenen Schicksale sehr schnell in Vergessenheit zu geraten. Darum haben wir uns entschieden, eigene Teams zu entsenden, um nicht vom Nachrichtenstrom der Agenturen abhängig zu sein. Auch jetzt noch sind Bild.de/Bild-Reporter vor Ort. Wir haben ein gut ausgebautes internationales Korrespondenten-Netzwerk und entscheiden von Fall zu Fall, wann wir zusätzlich eigene Reporter aus der Zentrale entsenden. Auch nach Pakistan ist ein Reporter-Team von Bild geflogen und hat sowohl für Print als auch eigens für Online berichtet.
Wenige Chilenen kennen deutsche Medien. Wie sind Sie also auf die Leute zugegangen?
Den Menschen vor Ort kommt es nicht darauf an, aus welchem Land die Journalisten kommen. Wir haben generell sehr viel Dankbarkeit dafür erfahren, dass die Welt Notiz von ihrem Schicksal nimmt. Es ist eine der größten Sorgen der Angehörigen, dass Fehlleistungen vertuscht werden und dass sie mit ihren Nöten allein gelassen werden.
Warum hat sich Bild entschieden, gerade Online-Redakteure nach Chile zu schicken?
Bei Bild arbeiten wir verzahnt, so dass es keine strikte Trennung zwischen Online- oder Print-Reportern gibt. Jeder Bild-Reporter, der zu einem Auslandseinsatz fährt, hat auch eine Kamera dabei, um Bewegtbild zu produzieren. Es wird tagesaktuell, je nach Lage, entschieden, welche Geschichten in welcher Größe auf welcher Plattform erscheinen.
Was qualifiziert Online-Redakteure beziehungsweise das Medium Internet für solch eine Krisen-Berichterstattung?
Wie gesagt: Wir unterscheiden nicht zwischen Online- oder Print-Redakteuren. Schon seit langem berichten unsere Bild-Reporter zum Beispiel aus Afghanistan, Pakistan oder Haiti sowohl für die Zeitung als auch für unser Nachrichtenportal. Das Medium Internet bietet aber in der Tat noch weitere Möglichkeiten der Berichterstattung, die uns bei unserem redaktionellen Anspruch an Exklusivität und Schnelligkeit zusätzlich unterstützen. So haben wir zum Beispiel aus Haiti zusätzlich getwittert, so bloggt eine Angehörige eines verschütteten Bergmanns nun fast täglich auf Bild.de, also typische Online-Formate.
Viele Themen, die aus Chile – nicht nur von ihrem Medium – berichtet wurden, könnten als banal angesehen werden (beispielsweise "Bergarbeiter schauen Fußball", "Bergarbeiter ohne Alkohol und Zigaretten"). Wie schwierig war also die Themensuche und was hat letztlich den Ausschlag für ein Thema gegeben?
Ich sehe die Themen nicht als banal an, da die von Ihnen erwähnten Beispiele exakt zeigen, dass wir es mit einer nie dagewesenen Situation zu tun haben. Die Menschen sind daran interessiert, wie man es so lange Zeit in 700 Metern Tiefe aushält, wie man seinen Alltag organisiert. Das ist nicht nur für die Leser wichtig, auch Psychologen und Krisenexperten stehen vor einer völlig neuen Herausforderung. Das sehen Sie zum Beispiel daran, dass etwa die Verweigerung, Zigaretten zu schicken, fast zu einem Aufstand geführt hätte. Bild versucht immer, so nah wie möglich bei den Menschen zu sein und so dicht wie möglich zu informieren. Das gibt auch den Ausschlag für Themen.
Wenn diese Meldungen doch relevant sind – welches Ziel haben Sie dann mit Ihrer Berichterstattung verfolgt?
In Chile sind derzeit dutzende Reporter von Nachrichtenagenturen vor Ort. Wenn es also allein darum geht, den Erfolg oder Misserfolg der täglichen Bohrungen zu dokumentieren, bekommen wir diese Informationen von den Agenturen. Uns ging es in erster Linie darum, die menschliche Seite der Tragödie zu beschreiben. Dort sind 33 Bergleute, die noch Wochen in der Tiefe ausharren müssen und oben warten mehr als 100 Angehörige. Unser Anliegen war und ist es, auch deren Geschichten zu erzählen. Schließlich geht es hier nicht nur um eine technische Herausforderung, sondern in erster Linie um Menschenleben, die noch nicht gerettet sind.
Wie bringen Sie betroffene Chilenen wie zum Beispiel die Bergarbeiter-Tochter Romina dazu, für Bild.de zu bloggen? Sie spricht kein Wort Deutsch und hat nichts davon, wenn ihre Texte in einem deutschen Medium erscheinen.
In Rominas Fall war es so, dass sie auf uns zugekommen ist, um sich dafür zu bedanken, dass die ganze Welt Anteil am Schicksal der Angehörigen und der Verschütteten nimmt. Sie selbst hat erzählt, wie es ist, jeden Tag an der Mine zu warten, ohne genau zu wissen, wie es ihrem Vater geht. Sie sprach über die Ungewissheit, die Sorgen und die Ängste. Dies sind genau die Eindrücke, die weder eine Nachrichtenagentur noch ein Reporter aus der Ich-Perspektive glaubwürdig schildern kann – also genau die Form, für die sich ein Blog eignet. Daraufhin haben wir ihr angeboten, ihre Gedanken und Gefühle für uns regelmäßig aufzuschreiben. Sie war begeistert von dem Vorschlag. Romina schreibt ihre Texte in Spanisch auf, wir übersetzen sie.
Bekamen Sie die Stimmung, die in der Tiefe herrschte, ungefiltert mit?
Wir waren und sind so dicht an den Bergleuten, wie uns dies möglich ist. Wir konnten Grüße und Wünsche der Bild-Leser weiterleiten und bekamen eine Antwort mit einer Dankes-Botschaft von Bergmann Mario Gomez. Minen-Arbeiter Jimmy Sanchez schickte sogar Grußworte per Video nach Deutschland, nachdem seine Eltern ihm erzählt hatten, wie groß die Aufmerksamkeit und Anteilnahme hier ist. Die Familien unterstützen uns sehr dabei, so authentisch wie möglich über die Lage berichten zu können und geben uns die Informationen weiter, die sie haben. Klar ist aber auch, dass alle Kontakte vorher von Psychologen kontrolliert werden und nicht alle Nachrichten weitergeleitet werden. Dies gilt nicht nur für Journalisten, sondern auch für Angehörige und ebenso für die Verschütteten. Man will zusätzlichen Stress – zum Beispiel durch schlechte Nachrichten – vermeiden.
Wird die Öffentlichkeit wirklich über alles informiert oder gibt es Grenzen in Ihrer Berichterstattung, wenn es beispielsweise um intime Angelegenheiten der Betroffenen geht oder wenn es zu Gewalttätigkeiten unter den Verschütteten käme?
Wir legen hier dieselben Maßstäbe an wie bei allen anderen journalistischen Geschichten.
Jetzt wo Sie selbst nicht mehr vor Ort sind – wie wird die Berichterstattung weitergehen?
Wir berichten natürlich weiterhin direkt von der Mine in Copiapo und haben ständig einen Bild-Reporter vor Ort.

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