RTL sucht Kontakt zu totem Uwe Barschel

Fernsehen Deutschlands erfolgreichster Privatsender RTL lotet einmal mehr aus, wie tief das TV-Niveau noch sinken kann. Am Reformationstag, dem 31. Oktober, strahlen die Kölner die so genannte “Emotainment”-Doku “Das Medium” aus. Darin soll eine angebliche Hellseherin Kontakt zum toten CDU-Politiker Uwe Barschel aufnehmen - in Anwesenheit von Barschels Witwe Freya. Der groteske Mumpitz hat Vorläufer. Das angebliche “Medium” Kim-Anne Jannes war schon früher für RTL und andere Sender im Einsatz.

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Im Jahr 2003 strahlte RTL die Sendung “Gespür für Mord – Hellseher ermitteln” aus. Darin nahmen Kim-Anne Jannes und ein “hellsichtiger” Kollege angeblich Kontakt mit einem Mordopfer auf und halfen der Polizei, einen unaufgeklärten Mord an einem Mädchen zu lösen. Kim-Anne Jannes hat als selbst ernanntes Medium schon viel Erfahrung mit Medien gesammelt. Sie saß schon beim TV-Pfarrer Jürgen Fliege in dessen Talkshow und kam bei “Galileo Mystery” zu Wort, als die Sendung sich mit dem Thema befasste, ob Hellseher Verbrechen aufklären können.
In einem Interview mit der Schweizer Glückspost (!) beschrieb die 40-Jährige 2003 ihr Vorgehen so: "Ich nehme Kontakt zur geistigen Welt auf und frage den Verstorbenen, ob er sich seines Todes erinnern kann. Es ist wie bei einer Zeugenaussage: Ich frage, wie der Tat-Hergang war oder wie der Täter aussah. Und ich frage nach eventuellen Beweisen, welche die Schilderungen aus dem Jenseits untermauern." Und selbstredend erhält sie auch Antworten. "Ich kommuniziere mit Seelen der Verstorbenen in Form von inneren Bildern und telepathischen Gedanken", so Jannes, "es ist eine Art Unterhaltung, wie ein wortloses Gespräch. Ich kann auf meine eigene Weise die Verstorbenen hören und ihnen auch Fragen stellen." Laut eigenem Bekunden hat die Hellseherin damit schon eine Reihe von Verbrechen aufklären können, "aber der Datenschutz verbietet mir, mehr darüber zu sagen".
Wer’s glaubt, wird selig. Man könnte dies als esoterisch angehauchtes Trash-TV abtun – mit dem Fall Barschel überschreitet RTL nun aber eine Grenze in Sachen Stil und Geschmack. Der ungeklärte Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel 1987 war der Endpunkt einer der größten Affären der Bundesrepublik. Barschel hatte im Wahlkampf seine Konkurrenten bespitzeln lassen, dies später jedoch öffentlich in der legendären Ehrenwort-Pressekonferenz abgestritten. Kurze Zeit später wurde seine Leiche von zwei Stern-Reportern in der Badewanne eines Hotels in Genf gefunden. Das Foto des toten Uwe Barschel in der Badewanne wurde vom Stern abgedruckt und schrieb Pressegeschichte. Der Todesfall wurde niemals aufgeklärt und ist bis heute Gegenstand von Deutungen und Verschwörungstheorien.

Dass RTL diese Skandalgeschichte und den dramatischen Todesfall eines prominenten Politikers zum zum Gegenstand einer Dokusoap mit einem windigen Medien-Medium macht und den Sendeplatz dann auch noch auf den evangelischen Reformationstag, auf den auch "Halloween" fällt, legt, zeigt, wie die TV-Landschaft derzeit beschaffen ist. Dass Freya Barschel das würdelose Schauspiel auch noch mitmacht, ist dann nochmal ein Skandälchen ganz eigener Güte. Im Privatfernsehen scheint die Würde des Menschen derzeit mehr als antastbar – ein solches Quoten-Szenario hätte man der Politiker-Witwe, die selbst im Ruf steht, dem Esoterischen zugeneigt zu sein, seitens des Senders ersparen können, vielleicht sogar müssen.

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