Die Courage des Merkur-Chefredakteurs

Das war ungewöhnlich: Stunden, bevor die katholische Bischofskonferenz ihren Beschluss verkündete, den Rheinischen Merkur an die Zeit zu verkaufen, gab der Chefredakteur ein Interview im Deutschlandradio, in dem er genau dies vorwegnahm. Michael Rutz sprach ganz offen vom Ende der Zeitung. Damit offenbarte der 60-Jährige, wie zerrüttet das Verhältnis zu den Kirchenoberen zuletzt wohl war, machte sich arbeitsrechtlich angreifbar, bewies aber auch eine beachtliche Portion seltener Chefredakteurs-Courage.

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Mit seinem Interview im Deutschlandradio erreichte Rutz dreierlei: Erstens kommunizierte er vor den Bischöfen das Ende der Wochenzeitung und konnte als Erster seine Version der Einstellung erzählen. Der Bonner berichtete, dass der Rheinische Merkur zuletzt ein Minus von 2,5 Millionen Euro erwirtschaftete. Die Zeitung sei jedoch schon immer ein Zuschussgeschäft gewesen und der Verlust noch nie so niedrig wie im vergangenen Jahr. Damit hatte der ehemalige Sat.1-Chefredakteur eine erste wichtige Botschaft gesendet: Wir waren auf einem guten Weg, er und die Redaktion haben Beachtliches geleistet. Diese Darstellung konterkarierte die spätere Pressemeldung der Bischöfe, die das Ende der Eigenständigkeit zuerst mit wirtschaftlichen Zwängen begründeten. Zudem wies der Journalist darauf hin, dass man zwar eine recht geringe Auflage hätte, das Blatt allerdings auf den Schreibtischen von vielen Entscheidungsträgern liegen würde. 
Der zweite Effekt des Rutz-Interviews ist, dass es dem Chef gelang, noch einmal die Leistung der Redaktion zu loben. Mehrere Male in den Gespräch erwähnte er, wie hoch dekoriert die Redakteure seien, dass viele Autoren bereits Preise gewonnen hätten und ständig als Experten im Fernsehen und auf Podien zu sehen sein. Vielen von ihnen droht nun die Arbeitslosigkeit, da von den derzeit 20 Redakteuren angeblich nur eine gute Handvoll Aussicht auf Weiterbeschäftigung bei der Erstellung der wöchentlichen Merkur-Beilage für die Zeit haben dürften. Denen, die sich nun einen neuen Job suchen müssen, hat Rutz mit seinem Interview einen großen Gefallen getan.
Die dritte Folge des Interviews: Der schwarze Peter liegt nun bei den Kirchenoberen. Mit höchstem diplomatischen Geschick gelang es Rutz während des Interviews – ohne direkt darüber zu sprechen – den Eindruck zu erwecken, dass den Bischöfen der Rheinische Merkur zu liberal geworden sei. Zudem deutete er an, dass die Bistümer keinen gesteigerten Wert mehr auf eine teure und elitäre Qualitätszeitung legen würden, in der ethische und kulturelle Themen diskutiert werden.
Mit ihrer verunglückten Pressemitteilung spielten die Bischöfe einem ihrer – noch – einflussreichsten Publizisten in die Karten. Aus der Einstellung des Rheinischen Merkurs und dem Verkauf der Abonnentenkartei an die Zeit, machten die Kirchenfürsten eine "Kooperation" mit der Hamburger Wochenzeitung.
Mit seinem kommunikativen Vorpreschen geht Rutz auch ein gewisses persönliches Risiko ein. Die Berichterstattung der meisten Mediendienste zeigt jedoch, dass fast alle Angebote seine Sicht der Dinge übernommen haben. Als Herausgeber des Medienfachdienstes Funkkorrespondenz kennt der 60-Jährige natürlich bestens das Geschäft. Zudem werden es ihm auch seine Redakteure danken.
Ob beabsichtigt oder nicht: Das Interview beinhaltete auch eine gewisse Prise Boshaftigkeit. Als Chef einer katholischen Zeitung, musste sich Rutz darüber im Klaren gewesen sein, dass hohe kirchliche Würdenträger nicht mehr hassen, als wenn Mitglieder des System der strengen Kirchen-Hirachie ausscheren. Genau das tat der Chefredakteur mit seinem couragierten Interview. Allerdings riskiert er damit auch, dass die Kirche disziplinarische Schritte bis hin zur fristlosen Kündigung seines Vertrags gegen ihn einleitet.

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