Das müde Hirn von Johannes B. Kerner

Die Quoten von Johannes B. Kerners Sat.1-Show “Kerner” sind immer noch schlecht, da versucht es der Sender nun mit einer zweiten Kerner-Sendung, ebenfalls zu nächtlicher Stunde. Dienstagnacht lief um 23.15 Uhr erstmals “Kerner - das Thema”, eine monothematische Sendung, die zunächst nur auf zwei Folgen angelegt ist. Kerner wollte mit banalen Studio-Experimenten und zwei Experten zehn Fragen zum Gehirn beantworten. Die Show geriet zu einer Abfolge von Missverständnissen.

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Das erste Missverständnis ist der Sendeplatz. Kerner und sein Team boten am sehr späten Dienstagabend eine harmlose Tralala-Sendung, die vielleicht auf einem Nachmittags-Sendeplatz ganz gut aufgehoben wäre, spätnachts aber völlig deplatziert war. Um diese Zeit erwartet man eine Talkshow, eine Wiederholung einer billigen US-Serie oder bissige Late-Night – nicht aber, dass Johannes B. Kerner einen Neunjährigen und einen über 50-jährigen vor laufender Kamera minutenlang Memory spielen lässt. Das ist Valium-TV in Reinkultur.

Das nächste Missverständnis ist, dass manche glauben, Kerner hätte als Moderator irgendeine Art von Charisma, Witz oder Schlagfertigkeit. Genau das bräuchte er, um eine Sendung mit so einem schwachen Konzept zu tragen. Hat er aber nicht. Kerner spulte hektisch seine Spiele ab und machte dazwischen immer wieder Witze über seinen eigenen Nicht-Intellekt. Selbstironie war auch noch nie eine seiner Stärken.

Einen Hirn-Experten hatte er sich ins Studio geholt und eine sehr junge, sehr dünne und meist ungelenk schief herumstehende Gedächtnis-Meisterin. Mit den beiden und einem Jugendorchester absolvierte Kerner dann sattsam bekannte Hirn-Experimente, wie man sie schon dutzendfach im TV und einschlägigen Tests im Internet gesehen hat, u.a. zu optischen Täuschungen oder Aufmerksamkeit. Auf teure Einspielfilme wurde weitgehend verzichtet, bis auf eine nichts sagende Straßenumfrage und ein kleines Straßenexperiment. Es durfte ganz offensichtlich auch alles nicht zu teuer werden.

Dass es “Kerner – das Thema” überhaupt gibt, hat seinen Grund in der dramatischen Erfolglosigkeit von Kerners Hauptsendung, die von Sat.1 bereits auf den tödlichen Sendeplatz am späten Donnerstagabend um 22.35 Uhr geschoben wurde. Die neue Sendung ist offenbar ein Experiment, eine Fingerübung, ob solch ein monothematisches Format besser zu Kerner passt. Nach Ansicht der ersten Folge kann man bereits konstatieren: Nein, tut es nicht. Kerner fühlte sich in seiner Rolle als Ranga Yogeshwar für ganz Arme offenbar genauso unwohl wie in seiner Rolle als Günther-Jauch-Kopie in seiner Haupt-Sendung.

Beim ZDF hatte Kerner das wohl einzige zu ihm passende Format gefunden: Hinter einem wuchtigen Schreibtisch sitzen und von einem Zettel Fragen an prominente Gäste vorlesen. Immer nett, immer ein bisschen langweilig aber das passte ja, man war ja beim ZDF. Beim ZDF hat Markus Lanz Kerners Rolle als harmloser Plauderer in erstaunlicher Geschwindigkeit und mit einiger Souveränität neu ausgefüllt. Manche Zuschauerin weit jenseits der 60 hat vielleicht gar nicht gemerkt, dass im Zweiten jetzt der Lanz kocht und nicht mehr der Kerner.

Für sich selbst bei Sat.1 eine neue Rolle zu finden, fällt Kerner dagegen ungleich schwerer. Sein Versprechen am Anfang seiner neuen Show “Kerner – das Thema”, am Ende werde man klüger sein als zuvor, hat er jedenfalls nicht eingelöst. Am Ende der Show war man nicht klüger, nur müder.

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