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„Wir sind so richtig abgesemmelt worden“

Heute Volontär oder Journalistenschüler, morgen gefragter Medienmacher: Die meisten Branchengrößen haben klein angefangen und eine der deutschen Ausbildungsstätten für angehende Redakteure besucht - wie etwa die Hamburger Akademie für Publizistik, die am Montag ihr 40-jähriges Bestehen feiert. Zu den heute prominenten Medienleuten gehört Ines Pohl, Chefredakteurin der taz. MEEDIA sprach mit der 43-Jährigen über ihre Erfahrungen an der Akademie und ein peinliches Rechercheerlebnis auf der Reeperbahn.

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Frau Pohl, Sie haben Ihr journalistisches Volontariat bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) absolviert und im Rahmen dessen den Kompaktkurs an der Akademie für Publizistik in Hamburg belegt. Was haben Sie dort gelernt?
Bei der HNA gab es während des Tagesgeschäfts keine Zeit zum Nachdenken über weitergehende journalistische Zusammenhänge. Daher war es gut, dort auch mal rauszukommen und wirklich vier Wochen intensiv mit Texten zu arbeiten und sich zum Beispiel ausführlich mit Presserecht und Presseethik zu beschäftigen.
Die vier Wochen Akademie sind wie eine Klassenfahrt. Hat Ihnen das gefallen?
Ja, insbesondere die intensive Gruppenarbeit am Text. Das lief relativ kameradschaftlich und ohne allzu große Konkurrenz ab. Tatsächlich hab ich dort auch erst begriffen, wie wichtig ein gutes Networking und der Aufbau eines guten Kollegennetzwerkes ist, in dem nicht die Konkurrenz dominiert, sondern das gemeinsame Arbeiten und Ausprobieren.
In dem Volo-Kompaktkurs wird viel Zeit in das Reportageschreiben gesteckt. Worüber haben Sie geschrieben?
Ich habe über einen armen Mann aus Altona geschrieben. Der Artikel wurde letztendlich ein Porträt. Der Kurs hat viel Wert auf die Schulung der Beobachtungsgabe und das Zuhören gelegt. Es ist ja nicht so, dass Journalisten das per se können. Es gibt leider auch Journalisten, die viel lieber selber reden als zuhören.
Haben Sie noch Kontakt zu Ihren damaligen Mitschülern?
Nein, überhaupt nicht. Leider. Damals waren E-Mails noch nicht alltäglich.  Ich glaube, dass es sonst anders gekommen wäre.
Zum Erfolg gehört auch das Scheitern. Gibt es eine Situation, in der Sie sich an der Akademie blamiert haben?
Einmal sind wir zur Reeperbahn gefahren, um dort für einen Text über Huren zu recherchieren. Das war naiv, wir sind dort so richtig abgesemmelt worden. Wir wollten einfach mal mit den Frauen sprechen und fragen, wie der Job so ist. Die waren natürlich richtig sauer, dass wir uns auf ihrem Quadratmeter Straße bewegt haben – das war geschäftsschädigend für sie. Letztendlich war der Text weniger beschämend. Aber der Versuch, zu diesem Text zu kommen, war peinlich.
Haben Sie etwas daraus gelernt?
Ja, es war eine wichtige Erfahrung für uns alle. Recherche muss sehr professionell  vorbereitet werden. Man kann nicht einfach nur rausfahren und hoffen, man findet schon die richtige Person.
Profitieren Sie heute noch von der Lernwerkstatt aus Hamburg?
Ja. Die Grundausbildung ist die Gangart, mit der man laufen lernt.
Als Sie Ihre ersten Schritte in den Journalismus gemacht haben, was hatten Sie für Vorstellungen?
Mir ging es schon früh darum, die Möglichkeit zu haben, Öffentlichkeit herzustellen. Das war mein ursprünglicher Beweggrund in den Journalismus zu gehen. Mir ging es darum, über Themen zu berichten, die oft zu kurz kommen. Damals war ich in der Autonomen Bewegung in Göttingen sehr aktiv. Es war mir immer ein Anliegen, die Möglichkeit zu haben, Dinge unverfälscht darzustellen  – ohne Zensur.
Und, hat sich das bewahrheitet?
Inzwischen bin ich Chefredakteurin der taz. Die taz ist bekannt für ihre kritische Hintergrundberichterstattung aus dem Ausland und aus unserem eigenen Land. Wir greifen oft brisante Themen auf, die im Mainstream der Medien ausgeblendet werden.
Würden Sie jungen Leuten heute dazu raten, in den Journalismus zu gehen?
Der Journalismus ist ein toller Beruf, wenn man sich wirklich in den Dienst der publizistischen Aufgabe stellt. Es ist enorm wichtig, eine klare ethische Haltung zu entwickeln. Man muss mittlerweile allerdings in Kauf nehmen, dass man unter Umständen deutlich schlechter bezahlt wird als noch vor zehn Jahren. Aber wer an Menschen und den Verzweigungen politischer Machtstrukturen interessiert ist, wer gerne schreibt und spricht, für den ist der Journalismus ein wunderschöner Beruf.

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