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Mit 35 darf Tina nicht mehr flunkern

1975 war es ein mutiges Projekt mit fast schon gewagten Themen: In der ersten Ausgabe von Bauers Tina finden sich Geschichten wie "Das war mein erster und einziger Seitensprung" mit Sätzen wie "Mein Wunsch, einmal von einem Neger geliebt zu werden, war groß". Daneben gibt es Mode-Storys zum Thema "Hübsche Trachten-Jacken für alle Tage". Dieser Mix machte das Heft zu einer hochprofitablen Print-Erfolgsgeschichte. Jetzt feiert Tina ihren 35. Geburtstag und ist auch thematisch älter geworden.

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Konzipiert wurde das Magazin Mitte der 70er-Jahre, um vor allem den Erfolg bei den Frauenmagazinen nicht nur Gruner + Jahr und dem Jahreszeitenverlag zu überlassen. "Als Heinrich Bauer 1975 die erste wöchentliche Frauenzeitschrift Deutschlands konzipierte, war es eine Alternative zu den 14-tägigen Heften Brigitte und Für Sie", erzählt Jörg Hausendorf, Geschäftsführer der Bauer Women GmbH. Der Plan ging auf. Das Heft begründete tatsächlich das Segment der Women Weeklies und machte Verlagsmanagern seitdem viel Freude mit lange stetig wachsenden Auflagen.

Die erste Tina von 1975 und die aktuelle Ausgabe

Mittlerweile sinken die Verkäufe jedoch seit Jahren. Aktuell kommt Tina auf eine Gesamtauflage von 496.108 Exemplaren. Das bedeutet ein Minus von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im Fünf-Jahres-Trend beläuft sich der Verlust sogar auf 27 Prozent. Der Konkurrent von einst, die Brigitte, verkauft – allerdings alle zwei Wochen – 671.051 Hefte. Anders stellt sich das Bild beim größten direkten Rivalen dar: Springers Bild der Frau konnte innerhalb des letzten Jahres sogar ein Prozent gewinnen. Mit einer Gesamtauflage von 989.384 Exemplaren ist die Bild der Frau klarer Marktführer.

Gegen die sinkenden Absätze und den Konkurrenzdruck im Markt der Women Weeklies kämpft Chefredakteurin Sabine Fäth seit ihrem Amtsantritt 2006 mit ihrem Konzept der "besten journalistischen Qualität". So gibt es seit ihrem Antritt keine erfundenen Schicksalsgeschichten mehr. "Alle Reports werden für Tina exklusiv recherchiert und produziert". Ein anderes Beispiel: Die Redaktion kann garantieren, dass sich tatsächlich alle Rezepte nachkochen lassen. "Alle Rezepte werden im hausinternen Foodstudio entwickelt und produziert. Dabei steht Geschmacksqualität und Gelinggarantie an oberster Stelle.” Das können nur die wenigsten Konkurrenten von sich behaupten.

Als Fäth vor zwei Jahren den Job bei Tina übernahm, stand die Profilschärfung zur Frau in der Lebensmitte im Vordergrund: die Bedürfnisse, Wünsche und Träume der Frauen 40 plus zu befriedigen. Mittlerweile zeichne sich das wöchentliche Premium-Magazin "durch große Frauenporträts, internationale Reportagen und zahlreiche exklusive Geschichten und Interviews mit Experten und Prominenten aus."

Die ehemalige Chefin von Laura und Alles für die Frau ist stets bemüht "positive Geschichten" zu erzählen. Damit setzt sich die Tina von Bild der Frau ab. Das Springer-Blatt sieht sich weit stärker als Kämpfer und Anwalt seiner Leserinnen und ist deshalb immer wieder gezwungen, Geschichten dramatischer und eher negativ zu erzählen.

Trotz dieser Unterschiede gelten beide Blätter als klassische Drei-Generationen-Titel: "Omas, Mütter und die Töchter lesen die Tina", erzählt Hausendorf. Zudem gibt es sowohl bei der Bild der Frau wie auch beim Bauer-Konkurrenten den faszinierenden Effekt, dass die Hefte auf die Leserinnen warten. "Ab einen bestimmten Alter entdecken viele unser Heft wie von selbst", sagt Hausendorf.

Zum Geburtstag startet Bauer eine kleine Inhalte- und Werbe-Offensive. "Ab der Heftfolge 37 (EVT: 08.09.2010) erhalten die Leserinnen jede Woche auf zusätzlichen acht Seiten einen Rezeptplaner für die gesamte Woche", erzählt Hausendorf. Eine Woche später erscheint die Tina in einer Teilauflage mit einer CD mit den schönsten Liedern von Vicky Leandros. Die Nummer 40 als eigentliche Geburtstagsausgabe erscheint mit 32 zusätzlichen Seiten.

Von dem einst mutigen Ansatz ist jedoch im Laufe der Jahrzehnte nicht mehr allzu viel geblieben. Allerdings haben sich natürlich auch die Leser verändert. Aus experimentierfreudigen 70er-Jahre Mädels sind reife Frauen geworden, für die ein "Rezeptplaner für die gesamte Woche" offenbar ein echter Mehrwert darstellt. Da die Tina noch immer rund eine halbe Million Hefte pro Woche verkauft, scheint die Redaktion im Laufe der vergangen 30 Jahre doch immer wieder einen guten Riecher für die Sorgen und Bedürfnisse ihrer Leserinnen zu haben.

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