Merkur: Bischöfe reden Verkauf schön

Schon am Morgen hatte Chefredakteur Michael Rutz im Deutschlandradio den Verkauf seines Blattes verkündet, am Nachmittag kam die offizielle Bestätigung in Form einer Mitteilung von der Deutschen Bischofskonferenz: Der Rheinische Merkur wird als eigenständiger Titel aufgegeben. Die Kartei mit 36.000 Abonnenten geht an Holtzbrincks Zeit, die den erzkatholischen Merkur als Beilage ins Blatt integriert. Bei der Pressemeldung nahmen es die Bischöfe allerdings mit dem achten Gebot nicht allzu genau.

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Stattdessen verstecken die kirchlichen Würdenträger und Gesellschafter des seit mehr als vier Jahrzehnte erscheinenden Traditionstitels die Blatteinstellung als Zusammenarbeit mit der Zeit. Wörtlich heißt es in der Headline: "Rheinischer Merkur kooperiert mit der Wochenzeitung Die Zeit." Als Gründe führen die Bischöfe das "erhebliche Zuschussvolumen der Gesellschafter" und eine sinkende Abonnentenzahl an. Die Gründe für den Verkauf sind dennoch unklar. Laut Chefredakteur Rutz machte der Rheinischen Merkur zuletzt ein Minus von 2,5 Millionen Euro. Allerdings war er schon immer ein Zuschussgeschäft und der Verlust noch nie so niedrig.
Neben den Verlusten war einigen konservativen Kirchenvertretern offenbar der liberale Kurs der Zeitung ein Dorn im Auge. So berichtet der General Anzeiger über die Bonner Nachbarredaktion, dass sich wohl vor allem der Kölner Kardinal Joachim Meisner über die verhalten-offene Linie des Blattes in der Berichterstattung im Fall Käßmann und bei den Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, geärgert haben soll.
Die abgespeckte Version soll spätestens zum 1. Januar von einer Rumpf-Redaktion von sechs bis sieben Redakteuren produziert werden. Bislang umfasst die Redaktion rund 20 Redakteure. Insgesamt arbeiten 47 Angestellte bei der Wochenzeitung. Die liberale Zeit hatte erst kürzlich eine eigene Glaubens-Rubrik eingeführt. Die Bischöfe schreiben dazu: "Die Zusammenarbeit mit der Zeit wurde gewählt, um den publizistischen Markenkern fortzuführen, der in der Debatte rund um das Thema Religion und gesellschaftspolitische Diskurse aus der Sicht eines christlichen Menschenbildes besteht." Durch die Integration des Rumpf-Produkts in die Zeit solle "Interesse gerade bei jüngeren Leserschichten" geweckt werden.
Damit verlieren die Bischöfe aber auch die publizistische Hoheit über den Merkur, der zuletzt bei den Erzkonservativen in Ungnade gefallen war. Zur künftigen Medienstrategie heißt es in der Mitteilung: "Die katholische Kirche wird für den gesellschaftlichen Diskurs auf andere Medien setzen. Zur langfristigen Medienstrategie gehört dabei insbesondere ein Ausbau des bisherigen Internetengagements."

In den vergangen Jahren hatte der Rheinische Merkur mit einem massiven Auflagenrückgang zu kämpfen. Insgesamt kommen die Bonner aktuell nur noch auf einen Gesamtverkauf von 64.356 Exemplare. Das Minus innerhalb der vergangenen fünf Jahre liegt bei 35 Prozent. Allein in den letzten zwölf Monaten wurden acht Prozent der Auflage verloren.
Die Bischöfe versprachen, bei den zur Entlasssung anstehenden Mitarbeitern "die sozialen Belange fair zu berücksichtigen sich aktiv um neue Arbeitsplätze zu bemühen".

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