„Journalisten müssen ihr Sprachtor treffen“

Als sie anfing, ihren Schülern das Texten beizubringen, tippten die Berufsanwärter ihre Artikel noch auf Schreibmaschinen. Seit einem Vierteljahrhundert begleitet Amelie Gräf Volontärskurse, u.a. an der Akademie für Publizistik in Hamburg. "Die Volontäre kommen mir geduldiger und kooperativer, aber auch schneller gelangweilt vor", sagt die Dozentin über die heutige Generation. Im MEEDIA-Interview erklärt Gräf, wodurch die Kreativität gehemmt wird und warum Talent allein für den Job nicht reicht.

Anzeige

Frau Gräf, Sie sind seit 25 Jahren in der Journalistenausbildung tätig. Wenn Sie die Generationen von damals und heute vergleichen, was fällt Ihnen auf?
Vor allem fällt mir auf, dass sich viel mehr junge Frauen aus- und fortbilden als vor fünfundzwanzig Jahren. Die Frauen sind in den Seminaren immer in der Überzahl. Sie sind außerdem deutlich selbstbewusster, sehr diszipliniert und kooperativ, im positiven Sinne ehrgeizig. Und sie lassen sich auf kreative Übungen mit viel Vertrauensvorschuss und Freude ein.
Ist das bei den Männern anders?
Die jungen Männer dagegen wirken häufig zurückgenommen, vorsichtig, haben deutlich mehr Widerstände, sich kreativ auszutoben. Machogehabe erlebe ich überhaupt nicht mehr. In den Fortbildungsseminaren sitzen sehr viel weniger Männer, weil sie sich offenbar, wenn sie als Journalisten arbeiten, für weniger fortbildungsbedürftig halten als Frauen. 
Die Volontäre kommen mir geduldiger und kooperativer, aber auch schneller gelangweilt vor als vor fünfundzwanzig Jahren. Sie scheinen mir sehr abhängig von ihren Geräten. Damals waren sie aufmüpfiger, auch kritischer im Umgang mit den Dozenten. Die berufliche Zukunft macht die Volontäre bisweilen unsicher, zuweilen meine ich Ängstlichkeit wahrzunehmen.  Früher waren sie unbekümmerter.
 
Ihr Steckenpferd ist das kreative Schreiben. Wenn Sie sich die Medien von heute vornehmen und die Texte lesen. In welchem Segment ist es um die Kreativität am schlimmsten bestellt?
Ich ärgere mich zuweilen darüber, dass Zeitungen eigentlich interessante Themen verschenken, indem sie die Spannung, die in dem Thema liegt, nicht aufnehmen oder indem sie vom Ergebnis her schreiben und den Prozess unberücksichtigt lassen. Ich finde Dokumentationen immer spannend, die erzählen, wie sich etwas oder jemand entwickelt hat.
Und dann stelle ich manchmal fest, dass Zeitungen in ihrem Online-Angebot manchmal viel interessantere Themen unterbringen als in ihrem Blatt.
Boulevardblätter möchten ja ganz besonders interessant sein. Da tun mir oft die Kollegen leid, die zum Beispiel unter sieben Bildern von prominenten Frauen in roten Kleidern sieben verschiedene Ausdrücke für "rot" erfinden müssen. Da ist die phantasielose Machart eine herbe Herausforderung für die schreibenden  Kollegen.
Was meinen Sie: Worunter leiden die Journalisten in ihrem Alltag am meisten, so dass Themen verschenkt werden?
Am meisten leiden sie, so will mir scheinen, unter Großraumbüros. Es gibt keine Rückzugsräume mehr, in denen der Schreibende etwas ausprobieren kann. Es ist zu laut und zu unruhig. Die soziale Kontrolle ist hoch. Schon wenn ein Kollege sich vom Monitor löst, einen Stift zur Hand nimmt und etwas auf Papier schreibt, heben sich die Nachbarköpfe und runzeln sich die Stirnen. Ich habe einmal in einer großen Bank in Österreich ein Inhouseseminar gemacht. Dort gibt es eine mönchische "Denkkoje", ein kleiner Raum, in dem ein Tisch und ein Stuhl stehen. Auf dem Tisch weißes Papier und ein Bleistift. Dahin ziehen sich die Manager zurück, wenn sie ungestört denken und schreiben wollen. So etwas finde ich großartig. Die Abhängigkeit vom PC ist enorm. Deshalb lasse ich in meinen Seminaren grundsätzlich mit der Hand schreiben. Das tut den Kollegen zunächst richtig weh, so sehr haben sie es sich abgewöhnt, mit der Hand zu schreiben.
Das bedeutet, sie werden in Ihrer Kreativität blockiert.
Alle Kollegen haben einen sehr starken Zensor in sich, der ihren Schreibprozess von Anfang an stört, ja zerstört. Kaum jemand traut sich, erst einmal loszuschreiben und der eigenen Intuition, Lebenserfahrung, Erinnerung, seinen Sinnen zu vertrauen. Da spüre ich die Versehrungen durch Schule und Universität. Wichtig wäre, erst hemmungslos Ideen zu finden und sie erst danach einzuordnen und zu bewerten. Das ist übrigens auch ein kreativer Vorgang… 
… der meistens in Redaktionskonferenzen erfolgt.
Sehr viele leiden darunter, dass sie auch gemeinsam im Team keine Ideen entwickeln können. Oft fordert der Vorgesetzte "Brainstorming". Da traut sich dann niemand, eine unabgewogene Idee in die Runde zu geben, weil der Vorgesetzte die Idee sofort bewertet. Anstatt Ideensammeln und Ideenbewertung voneinander zu trennen.
Ich bekomme Rückmeldungen von ehemaligen Teilnehmern meiner Seminare, die wie erlöst sind, dass sie sich nun gestatten, erst einmal loszuspinnen. Sie werden übrigens in ihrem Schreibprozess deutlich schneller, weil sie sich nicht permanent beim Schreiben zensierend behindern.

Verändert sich Kreativität über die Jahre?
Ja. Wenn Sie regelmäßig bestimmte kreative Übungen machen, verändert sich Ihre Sprache. Sie wird pointierter und bilderreicher. Sie kommen schneller auf pfiffige Ideen. Sie können Themen besser auf Flaschen drehen, ihren Fokus finden. Damit das gelingt, muss man diese Übungen immer wieder machen. In anderen Künsten und im Sport ist es selbstverständlich, immer wieder zu üben. Auch ein Michael Ballack, wenn er gerade nicht verletzt ist, macht mit seinen Kollegen täglich die gleichen Übungen, um seine Muskeln beweglich zu halten und das Tor zu treffen. Journalisten müssen ihr Sprachtor auch treffen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Sie müssen ihr Hirn beweglich halten. Dazu gehört auch, aufmerksam für Künste zu sein: Literatur zu lesen und sich von ihrem Bilderreichtum, ihrer Schönheit anstecken zu lassen. In Museen zu gehen und dort den Bildern großer Maler nachzuspüren: Wie halten sie es mit dem Detail? Wie gestalten sie intime Räume? In Konzerte zu gehen und zu hören, wie Musiker ihre Stücke rhythmisch gestalten, wie sie Spannung aufbauen, wie sie ihre Konzerte dramaturgisch angehen. Ins Theater und ins Kino zu gehen und auf Schauspielergesten, auf Einrichtung und Licht zu schauen. Als schreibender Mensch bin ich ja alles zugleich: Regisseur, Schauspieler, Dramaturg, Lichtgestalter, Gewandmeister, Tonmeister, Maskenbildner, Disponent usw.  

Wie könnte das in den Redaktionsalltag integriert werden?
Durch Übungen. Durch humorvolle, geduldige und mutige Lehrer. Durch gemeinsames Üben mit Sprachspielen. Meine Lieblingsidee ist: Jede Redaktion gönnt sich freitagnachmittags eine Stunde zum Sprachspielen. Übrigens haben das viele Schriftsteller jahrhundertelang so gemacht, gemeinsam mit Sprache gespielt. Macht sehr viel Spaß und verbessert das Teamklima ungemein!
Hat Journalismus weniger mit Talent, sondern mehr mit Handwerk zu tun? Wie sehen Sie das?
Guter Journalismus hat mit beidem zu tun. Jemand, der ein bisschen begabt ist, kann mit handwerklichen Regeln sein Schreiben erheblich verbessern. Ohne Handwerk geht es nicht. Und dann gibt es die ganz, ganz wenigen, die es einfach können. Die einfach nicht ins Passiv verfallen, weil sie die Handlungssubjekte, die sie beschreiben, immer vor sich sehen. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich mal mit einem Volontär, der heute in leitender Position in einem großen Onlinemedium arbeitet. Der war als Junge Legastheniker gewesen und hatte jeden Nachmittag weinend neben seiner Mutter das Schreiben geübt. Er war überzeugt, dass er nicht schreiben könne. Dann las er einen kurzen Text vor. Und der war vollkommen. Einfach vollkommen. Dieser junge Mann ist nicht nur schreibbegabt, sondern literarisch begabt. Ihm konnte ich mit Redigiertipps nichts mehr beibringen. Allerdings brauchte er meine Ermutigung. Die hat er bekommen. Gern.
Sie lehren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Können Sie Unterschiede in der Fähigkeit der Journalisten ausmachen?
Ja. Bei den österreichischen Kollegen fällt mir auf, dass sie eine besonders große Freude an Sprachspielen und an zugespitzten Wendungen haben. Ich erlebe dort viel literarische Begabung und eine gute Allgemeinbildung. Wenn ein Redakteur eines Tiroler Bauernblattes sich mit dem Namen "Jandl" vorstellt und gleich dazu sagt: "Nicht verwandt mit Ernst Jandl" – dann haben Sie ein gutes Beispiel dafür. Bei den Schweizern fällt mir auf, wie konsensual ihr Umgang miteinander geprägt ist. Sie sind sehr stark auf  Kooperation und wechselseitige Wertschätzung getrimmt. Reduktionistisches und zugespitztes Schreiben liegt ihnen weniger. Vielleicht sind meine Seminare mit Erwin Koch zur "Kunst der Reduktion" deshalb so ein Dauerbrenner.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige