Bertelsmann: Wie der Riese wachsen will

Vergangenen Donnerstag hat der Medienkonzern Bertelsmann in der Hauptstadt sein 175-jähriges Unternehmensjubiläum mit 1000 Gästen im großen Stil gefeiert. Doch die Woche sollte nicht ausklingen, ohne dass Vorstandschef Hartmut Ostrowski auch hinsichtlich des Zukuftsgeschäfts Signale setzt. In einem Interview mit der Sonntags-FAZ kündigte der 52-Jährige Investitionen bis hin zum Kauf von TV-Sendern an. Zuvor hatte er 600 Top-Manager auf seine Wachstums-Strategie eingeschworen.

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Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erklärte Ostrowski, er sei auf dem Fernsehmarkt überrascht gewesen, mit welcher "Schnelligkeit die Werbeerlöse wieder gekommen sind". Zugleich verwies er darauf, dass die Digitalisierung gerade im Bereich der Printaktivitäten "unheimlich Kosten spart". Dies habe Konsequenzen für das Berufsbild der Journalisten: "Bei unseren Zeitschriften und Zeitungen gibt es heute zwei Arten von Redakteuren: die investigativen, die die großen Stories schreiben, und jene, die Daten von links nach rechts auf dem Schirm bewegen." Das gefalle zwar nicht jedem, aber: "So haben wir in der Krise enorme Effizienzen gehabt und werden noch weiter sparen."
Doch das ist nur die eine Seite. Viel stärker richtet sich der Blick des Konzernlenkers auf das Zauberwort Wachstum, das in der Finanzkrise vorübergehend aus dem Fokus gerutscht war. Am Freitag hatte Ostrowski 600 Top-Entscheider aus dem weltweit verzweigten eigenen Haus versammelt, um diesen die Strategien für die künftige Unternehmensentwicklung mit auf den Heimweg aus Berlin zu geben.
Ein guter Teil dieses organischen Wachstums, sagte der Vorstandschef dabei, gehe bereits heute auf das Konto digitaler Geschäfte, deren Umsatzanteil in Zukunft weiter steigen wird "Das Digitalgeschäft ist eines der Schlüsselelemente für die Entwicklung von Bertelsmann", betonte Ostrowski. Dabei verfüge Bertelsmann auch im Digitalzeitalter über einen entscheidenden Vorteil: seine starken Marken. Doch um in einer digitalen Umgebung erfolgreich zu sein, könne man nicht einfach "alten Wein in neue Schläuche" füllen. Als Beispiel nannte Ostrowski die völlig neuen Möglichkeiten, die beispielsweise das Social Network Facebook oder Apples iPad bei der Interaktion mit Endkonsumenten böten. "Was wir von der analogen in die digitale Welt übertragen müssen, sind unsere hohen Standards: die besten Inhalte, die wertvollsten Marken, die effektivsten Services – und dies über alle relevanten Kanäle, sei es online, mobil oder sonst irgendwie."

Einen zweiten Ansatzpunkt für künftiges Wachstum sieht Hartmut Ostrowski in der Optimierung des Bertelsmann-Portfolios, eine Aufgabe, bei der das Unternehmen in den vergangenen beiden Jahren sehr weit gekommen sei. So seien damals rund 20 Prozent der Bertelsmann-Firmen in schwachen Marktpositionen gewesen, heute sei deren Anteil auf unter vier Prozent gesunken. Doch – und damit leitete der Vorstandsvorsitzende zum dritten Aspekt seiner Wachstumsstrategie über – auf der Kehrseite seien viele der Märkte, in denen Bertelsmann-Geschäfte führende Positionen einnehmen, reife Märkte, also Märkte, die nicht mehr in großen Schüben wüchsen. Deshalb sei es für Bertelsmann unabdingbar, neue Geschäfte in Wachstumsmärkten aufzubauen.

Für den Ausbau bestehender und die Akquisition neuer Geschäfte, stünden bei Bertelsmann in den kommenden fünf Jahren nennenswerte Investitionsmittel zur Verfügung. "Ohne Zweifel waren die vergangenen vier Jahre eine Zeit großer Zurückhaltung". Eine Zurückhaltung, die sich Bertelsmann vorsätzlich und, wie sich gezeigt habe, sehr berechtigt auferlegt hätte. "Und ja, die Krise hat uns davon abgehalten, so schnell auf Wachstum zu schalten, wie wir uns dies gewünscht hätten." Doch Hartmut Ostrowski geht davon aus, dass der Schuldenstand innerhalb der kommenden Monate die gewünschte Zielmarke eines Leverage Factors von 2,5 erreichen wird. "Und dann werden wir wieder in der Lage sein, Mittel zur Entwicklung unseres Portfolios bereit zu stellen – Bertelsmann geht wieder in die Offensive", kündigte Ostrowski an.

As Beispiele für künftige Wachstumsfelder nannte Hartmut Ostrowski zum einen BMG Rights Management, das Musikrechte-Joint-Venture von Bertelsmann und KKR, "ein perfektes Beispiel dafür, wie wir unsere Kernkompetenzen – die Kombination von Kreativität und Unternehmergeist – in ein neues vielversprechendes Geschäftsmodell einbringen können." Zum anderen sieht Ostrowski nach wie vor weltweit vielversprechende Möglichkeiten im Bereich der Bildung. "Ein internationales Unternehmen wie Bertelsmann mit seinem Know-how bei der Verbindung von Inhalten und Services ist perfekt geeignet für dieses Geschäft", so seine Überzeugung. Man sehe hier viele attraktive Optionen und arbeite nun daran, diese in die Realität umzusetzen.
Doch Bertelsmann setze beim Wachstum nicht allein auf neue Geschäftsfelder, sondern genauso auf neue Wachstumsländer: China, Indien, Brasilien und die Türkei nannte Hartmut Ostrowski ausdrücklich: "Bertelsmann hat viele Optionen. Aber wir stehen nicht unter Zeitdruck, und wir werden weiterhin diszipliniert vorgehen."

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