„Das einzig Besondere ist sein Größenwahn“

Er kann auch anders: Wechselweise ist Sascha Lobo der lustige Typ auf Twitter, der "Iro" aus der Vodafone-Werbung oder der Vorzeige-Nerd der "Digitalen Bohème". Am heutigen Freitag erscheint mit "Strohfeuer" der erste Roman des 35-Jährigen. Im MEEDIA-Interview verrät Lobo, dass er von Thomas Mann, der Bibel sowie Ödön von Horváth beeinflusst wurde. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Der Romancier Lobo ist längst weit mehr als das deutsche Web-2.0-Maskottchen.

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Warum haben Sie einen Roman geschrieben?
Den Roman halte ich für die Königsdisziplin der Arbeit mit Worten. Abgesehen davon wollte ich etwas sagen, was sich schwer in irgendeine andere Form hätte bringen lassen können. In einen Film vielleicht noch, aber das schliesst sich ja nicht aus.

Warum soll man ihn lesen?
Das Konzept des "Sollen" liegt mir selbst fern, also möchte es auch niemand anderem überstülpen, wenn es nicht gesellschaftlich notwendig sein sollte. Wenn man den Roman lesen will, dann vermutlich, weil er unterhaltsam ist und man am Ende einen Erkenntnisgewinn daraus ziehen könnte. Wie groß oder klein er auch sein mag.

Um was geht es?
Die New Economy, zu einem kleineren Teil auch mein eigenes Erleben, dient als Kulisse für eine Beobachtung der Gesellschaft: was für Menschen haben Erfolg in solchen "Bubble"-Zeiten? Wie denken sie, wie verhalten sie sich? Das alles eingebunden in eine Geschichte, die von Freundschaft und ähnlichen emotionalen Konstrukten handelt.
Was für Menschen haben denn Erfolg in solchen "Bubble"-Zeiten?
Die Menschen, über die ich mich im Buch lustig mache – wie den Ich-Erzähler Stefan, der von sich glaubt, er könne beinahe Gedanken lesen, er sei klüger als alle anderen – aber letztlich erbärmlich ist, weil das Einzige, was an ihm besonders ist, sein Größenwahn ist. Und auch der ist unfassbar armselig, weil er sich in einem Hunderttausendmark-Auto äussert. Es geht um Menschen, die beim Betrachter eine Ekelfaszination auslösen, die man selbst dann nicht mögen kann, wenn man es versucht.

Gibt es Vorbilder, Bücher oder Schriftsteller?

Vorbilder im Definitionssinn eher nicht, aber beeinflusst haben mich viele Bücher die Arbeit an diesem Roman. Am meisten sicher "How to lose friends and alienate people" von Toby Young. "Ich und Kaminski" von Daniel Kehlmann. "Mai, Juni, Juli" von Joachim Lottmann. "Wo liegt Berlin?" von Alfred Kerr. "Felix Krull" von Thomas Mann. "Faserland" von Christian Kracht. Ein paar Passagen aus verschiedenen Büchern von Karen Duve. "Verschwende deine Jugend" von Jügen Teipel. "Gottes Werk und Teufels Beitrag" von John Irving. Die Bibel. "Der ewige Spießer" von Ödön von Horváth. Das Gesamtwerk von Wolfgang Herrndorf. Wobei ich Wert auf die Feststellung lege, dass ich damit keinen Vergleich mit meinem Buch anstellen möchte, das wäre eine winzige Spur zu vermessen – sondern nur meinen Schaffensprozess retrospektiv etwas transparenter machen möchte. Wenn er auch dadurch nicht verständlicher wird.

Was ist ihr Lieblings-Buch?
In exakt dieser Sekunde das soeben erschienene Twitter-Buch des Twitkrit-Teams (bei PONS). Ansonsten "Der ewige Spießer" von Ödön von Horváth.

Welche Bücher lesen sie zur Zeit?
Vor wenigen Stunden habe ich mir "Freiheit" von Franzen gekauft, absichtlich auf deutsch, sowie "Die Enden der Welt" von Roger Willemsen.

Lesen sie überhaupt noch gedruckte Bücher?
Ja, unter anderem, weil der Markt für deutschsprachige E-Books sowie die dazugehörigen Reader in meinen Augen noch nicht allzuweit sind.

Auf welchem End-Gerät soll man "Strohfeuer" lesen? Papier, PC, E-Reader?
Wie schon gesagt, "sollen", das muss jeder selbst entscheiden. Allerdings kommt das Papierbuch am Freitag heraus – und was das Elektronische angeht, war Rowohlt und mir klar, dass etwas Besonderes an den Start gebracht werden müsste. Und genau das wollen wir auf der Buchmesse in zweieinhalb Wochen in einer Pressekonferenz präsentieren (genauer Termin dürfte der 7.10., 12 Uhr werden).

Wie stellen Sie sich vor, dass die Menschen ihr Buch lesen?
Ab und zu mit einem Gedanken im Hinterkopf, was der Roman und der Ich-Erzähler mit meiner medialen Figur oder mir als Mensch zu tun haben mag.

Was werden die Menschen nach dem Buch über Sie denken?
Das hängt davon ab, was sie vorher dachten (falls sie da schon eine Meinung hatten) und wie es ihnen gefällt. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sich bei manchen Menschen die Meinung ändern oder facettieren wird.

Sie leben vermeintlich komplett gläsern im Web. Interessiert es Sie
überhaupt, was die Menschen über Sie denken?

"Vermeintlich" ist in dieser Frage ein wichtiges Wort – obwohl es nicht stimmt. Es ist wahr, dass ich auf verschiedenen Plattformen im Netz und vor allem auch in den klassischen Medien nicht unbedingt über mangelnde Präsenz klagen kann. Aber ich bin nicht gläsern, und das würde ich auch niemandem empfehlen. Im Gegenteil, ich kontrolliere relativ genau, was ich von mir selbst ins Netz stelle. Dass das bei mir andere Dinge sind als bei anderen Menschen, hat nichts mit der Wahllosigkeit zu tun, die "gläsern" impliziert.

Wie oft googeln oder suchen Sie sich selbst bei Twitter?

Die Twittersuche mit meinem Namen benutze ich, um zu sehen, wer mit mir kommuniziert. Also tue ich das fast jedes Mal, wenn ich auf Twitter bin (und das ist nicht selten). Selbstgoogeln mache ich in einer Frequenz, dass fast jedes Mal etwas Neues dabei herauskommt. Also auch nicht selten.

Was sind ihre Ego-Google-Erkenntnisse? Wie sieht Sie das Web?
Es gibt einen generellen Unterschied zwischen den Fragen "Wie sieht die digitale Öffentlichkeit eine Person oder ein Thema" und "Wer äussert sich aktuell warum wozu?". Im Umfeld von Blogs, Twitter, Social Media wird mein Name einigermaßen oft als Referenzpunkt benutzt. Das hat dann weniger mit mir als Person zu tun als mit dem Symbol, das ich auch darstelle, zum Beispiel durch die schiere Zahl der Follower auf Twitter. Ansonsten wird erstaunlich differenziert und im Schnitt auch sachorientiert das jeweilige Thema diskutiert, das ich zu einem bestimmten Zeitpunkt der Öffentlichkeit präsentiere. Ein konkretes Beispiel: wenn ich einen Artikel über ein ausgedachtes Social Network schreibe (wie im Mai geschehen), dann steht eben dieses Thema im Vordergrund und inzwischen weniger ich als Absender. Und das Thema finden naturgemäß einige gut und andere schlecht, das hängt dann eben auch stark vom gesetzten Thema ab. Es sind ja nicht alle Dinge immer gut und toll, die ich tue. Deshalb gibt es natürlich auch Kritik. Das ist auch vollkommen okay, schon, weil ich oft absichtlich kontrovers agiere. Die Kritik ist bestimmt in vielen Fällen berechtigt, in manchen Fällen vom Ton her etwas steil gesetzt. Ist aber auch nicht schlimm. Dass ich darüber hinaus eine Art Antifanclub habe, die mit einer ähnlichen Hingabe wie Tokio-Hotel-Fangirls um mich herumschwirren, zetern und schimpfen und unter jeden meiner Blogeinträge Kommentare schreiben, die stets aus den selben fünfzig Worten bestehen, das finde ich weniger repräsentativ für die Stimmung im Web als vielmehr in seiner Berechenbarkeit unterhaltsam.

Glauben Sie, dass einen Unterschied gibt, zwischen dem Sascha Lobo, wie ihn das Web sieht und dem echten?
Natürlich. Schon, weil ich wie beschrieben gar nicht alles ins Web stelle, was mich bewegt. Die Frage, was Projektion ist, was Identifikation, was Persönlichkeit – das ist eine, die mich schon sehr lange beschäftigt, auf mediale Weise. Die Erkenntisse aus diesen Denkprozessen fliesst in meine medialen Aktivitäten direkt ein. Das bedeutet aber gerade nicht, dass man mich kennt, wenn man mich nur aus den Medien kennt. Da ist auch egal, ob diese Medien Twitter, Facebook, Spiegel oder ZDF heissen.

Sie schreiben über die New Economy, die viele Journalisten, Verlagsmanager und Blogger stark geprägt hat. In wie weit glauben sie, spielen die Erfahrungen von damals noch heute in unsere Lebenswelt?

Die Investitionslaune und die Zukunftsvisionen in der Verlegerlandschaft haben sich durch die New Economy stark verändert, die Nachwirkungen spüren wir bis heute, und zwar leidvoll, wie jüngst in den Äusserungen von Herrn Welte von Burda zu beobachten war. Ich bin der Meinung, dass die New Economy eine Art Vorahnung der Finanzkrise war, die in den letzen zwei Jahren die Welt geschüttelt hat. Abgesehen davon gab es natürlich auch positive Auswirkungen, zum Beispiel die Aufmerksamkeit, die dem Internet auch außerhalb von Nerd-Kreisen zuteil wurde.

Sehen Sie sich als Kind der New Economy?
Die New Economy war eine wichtige Facette in meiner persönlichen Geschichte und hat mich mit Sicherheit stark geprägt. Vermutlich hat sie auch die Öffentlichkeit stärker geprägt, als viele Menschen das so wahrnehmen. Als Kind dieser Zeit würde ich mich aber eher nicht sehen.

Sie waren Hauptfigur in einer Werbekampagne, für einen Tag schon Chefredakteur, haben mindestens eine Firma gegründet, sind Pleite gegangen und schreiben erfolgreich Bücher. Was soll da noch kommen?
Diese Frage kann ich nicht so ganz nachvollziehen, ich fühle mich überhaupt nicht so, als hätte ich eine "Was-soll-da-noch-kommen"-Phase meines Lebens erreicht. Aber es werden weitere Bücher kommen, explizit auch Romane. Im Unternehmerischen habe ich ebenfalls Pläne, die ich aber nicht verraten möchte, um künstlich die Spannung zu erhöhen.

Was muss passieren, damit sie sagen, das Roman-Projekt war ein Erfolg?
Wenn zumindest ein Teil der Kritik und des Publikums findet, dass sich das Buch für sie gelohnt hat. An Verkaufszahlen kann ich das nicht unbedingt festmachen, schon weil mir im Romanbereich die Vergleichsmöglichkeiten fehlen.

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