Anzeige

Christian Wulff: der Bunte-Präsident

Der Start von Christian Wulff als Bundespräsident gerät zu einer Pannen-Abfolge. Die Hängepartie bei der Wahl, der unglückliche Auftritt bei der Fußball-WM, der Urlaub in der Mallorca-Villa eines Industrie-Spezis, Kritik an seiner Rolle beim Rücktritt Thilo Sarrazins und jetzt auch noch eine Ermittlung wegen möglicher illegaler Wahlkampfhilfen und eine schlechte Umfrage. Den Präsidenten scheint all dies nicht zu bedrücken. Seine Frau und er strahlen unbekümmert in die Kameras der bunten Blätter.

Anzeige

Eine aktuelle Umfrage, die der stern in Auftrag gegeben hat, stellt dem neuen Bundespräsidenten Christian Wulff ein schlechtes Zeugnis aus. Nur 44 Prozent der Deutschen sind demnach “zufrieden” mit der bisherigen Amtsführung des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten. 32 Prozent gaben an, noch “keine Meinung” über ihn zu haben. Zum Vergleich: Mit der Amtsführung des aus dem Amt geflohenen Ex-Bundespräsidenten Horst Köhler waren nach drei Monaten 60 Prozent der Bevölkerung zufrieden.

Das sehr durchwachsene Umfrage-Ergebnis hat Gründe. Wulff ist nach dem Rücktritt Horst Köhlers von Gnaden Bundeskanzlerin Angela Merkels als nächster Präsident ausgedeutet worden. SPD und Grüne nominierten mit Joachim Gauck einen weithin beachteten, in der Bevölkerung beliebten Gegenkandidaten, der sich trotz bequemer CDU/CSU-Mehrheit in der Bundesversammlung erst im dritten Wahlgang geschlagen geben musste. Für Wulff war die Zitterpartie seiner Wahl ein deutliches Zeichen, das er sich den Kredit als Präsident erst noch verdienen muss.

Statt daran zu arbeiten, gab er aber bereits kurz nach der knapp überstandenen Wahl den Freizeit-Präsi. Wulff nutzte die gute Stimmung zur Fußball-WM in Südafrika, rief die “bunte Republik Deutschland” aus und jettete mit einer Staatsmaschine ans Kap der guten Hoffnung, um Bundestrainer Jogi Löw das Verdienstkreuz anzuheften und bei der DFB-Pressekonferenz vor der Sponsoren-Wand Fragen zu Lena Meyer-Landrut zu beantworten. Man kann von Köhler halten, was man will, aber so etwas hätte der oder ein anderer Amtsvorgänger garantiert nicht gemacht.

Die nächsten Schlagzeilen gab es, als Wulff kurz darauf mit seiner Frau in der pompösen Villa des Versicherungs-Verkäufers Carsten Maschmeyer (Gründer des Finanzvertriebs AWD) auf Mallorca urlaubte. Als die Sache rauskam, herrschte zunächst betretenes Schweigen im Bundespräsidialamt, anschließend versicherte man, das Präsidenten-Ehepaar habe lediglich ein Appartement in dem schlossartigen Anwesen bewohnt und dafür auch brav bezahlt. Mag sein. Dass es dem ersten Mann im Staate aber nicht in den Sinn kommt, dass es mindestens stillos ist, wenn sich das Staatsoberhaupt in der Villa eines nicht ganz unumstrittenen Industrie-Spezis aus der Hannoveraner Zeiten einmietet, ist bedenklich.

Noch bedenklicher ist aber das Wirken des Bundespräsidenten im Fall Thilo Sarrazin. Statt Zurückhaltung oder mahnender Worte konnte Wulff nicht schnell genug in den Chor der Sarrazin-Kritiker einstimmen und forderte die Bundesbank unverhohlen auf, Sarrazin rauszuschmeißen. Er lehnte sich dabei vorab so weit aus dem Fenster, dass er hinterher auf einen freiwilligen Rücktritt Sarrazins um jeden Preis geradezu angewiesen war. Dank der Vermittler-Rolle des Bundespräsidialamtes wurde Sarrazin ein Rücktritt mit sehr großzügigen Bedingungen ermöglicht. Das Problem wurde augenscheinlich hemdsärmelig und wenig staatsmännisch aus der Welt geschafft.

Als wären dies alles nicht genug Probleme, hat die Staatsanwaltschaft jetzt auch noch Ermittlungen wegen angeblicher verdeckter Wahlkampfhilfen aus der Zeit Christian Wulffs als niedersächsischer Ministerpräsident aufgenommen. Mit pauschaler Medienkritik ist der Präsident auch gerne zur Stelle. Bei der Eröffnung der neuen dpa-Zentralredaktion in Berlin forderte etwas ungelenk eine “ISO-Norm für Journalismus”. Dass Journalismus auch ohne Industrie-Norm ganz gut funktionieren kann, zeigen aber nicht zuletzt die vielen kritischen Berichte über Wulffs verkorksten Start als Bundespräsident.

Die vielen negativen Meldungen rund um den Präsidenten stehen dabei in starkem Kontrast zu den bunten, fröhlichen Bildern, die von ihm und seiner Frau überall zu sehen sind. Christian und Bettina Wulff strahlend vor Schloss Bellevue, Bettina Wulff in großer doppelseitiger Aufmachung beim Staatsempfang in der Schweiz neben einem feschen Soldaten (“Mit den Augen einer Frau”), das Präsidenten-Paar beim innigen Kuss. Man kann den Eindruck gewinnen, der Präsident meinte mit der Formulierung von der “bunten Republik” gar nicht das vermeintlich lustige Multikulti-Deutschland, sondern dass er und seine Gattin künftig sehr oft in Bunte auftauchen werden. Schöne Fotos in bunten Blättern sind für einen Bundespräsidenten aber zu wenig. Nur Bunte-Präsident, das reicht nicht – auch nicht für eine bunte Republik.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige