Das Medienecho zum Bertelsmann-Jubiläum

Bertelsmann feiert heute mit einer großen Gala in Berlin das 175-jährige Bestehen des Medienkonzerns. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel macht den Medien-Mächtigen aus der ostwestfälischen Provinz ihre Aufwartung. MEEDIA hat Pressstimmen im Vorfeld des Jubiläums gesammelt und fasst zusammen, was deutsche Printmedien zum Geburtstag des größten einheimischen Medienkonzerns geschrieben haben. Lobhudeleien suchte man vor der großen Feier vergebens. Und sogar Thomas Middelhoff kommt zu Wort.

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Zahlreiche Artikel setzten sich sehr kritisch mit dem Medienkonzern Bertelsmann und vor allem der Bertelsmann Stiftung auseinander. Auslöser war die Buchveröffentlichung “Bertelsmann-Republik Deutschland – eine Stiftung macht Politik” von Thomas Schuler. Der nahm die Verstrickungen und Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung sehr kritisch unter die Lupe und veröffentlichte parallel zum Buch entsprechende Artikel in der Frankfurter Rundschau und im Spiegel. Gerade Letzteres sorgte dem Vernehmen nach für einige ärgerliche Stirnrunzler in Gütersloh, ist Bertelsmann doch über Gruner +Jahr indirekt am Spiegel beteiligt.

Zurückhaltende Zeit

Zurückhaltender als der Spiegel zeigte sich die Zeit. Die Hamburger Wochenzeitung rezensierte zwar Schulers Buch, hielt sich ansonsten aber in Sachen Bertelsmann-Berichterstattung zum Jubiläum hanseatisch bedeckt. Kein Artikel zum Firmenjubiläum – auch nicht in der aktuellen Print-Ausgabe. Ganz anders die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die das Thema Bertelsmann schon seit mehreren Tagen verfolgt. Im Feuilleton durfte der Stiftungsexperte Peter Rawert akribisch vorrechnen, dass die Bertelsmann-Stiftung seit ihrer Gründung wesentlich weniger Geld zum Wohl der Allgemeinheit investiert hat, als sie den Mohns an Steuervorteilen einbrachte. Die Stiftung, so der Schluss Rawerts in der FAZ, bewege sich “haarscharf diesseits und nicht jenseits der Legalität.” Gleichwohl erweise sie dem deutschen Stiftungswesen einen Bärendienst, weil Eigennutz durch Gemeinnutz getarnt werde. Damit liegt das FAZ-Feuilleton ziemlich auf der Linie Thomas Schulers.

Wovor die FAZ warnt

Aber die Frankfurter klugen Köpfe sind ja bekannt für ihre Meinungs-Pluralität und so veröffentlichte am Tag der Bertelsmann-Feier der Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff einen weiteren großen Artikel über den Aufstieg des Medienkonzrns “aus dem Nichts”. Kritische Punkte werden in dem Artikel zwar auch angesprochen, insgesamt, ist der Beitrag aber wesentlich freundlicher als die vorangegangenen Berichte über die Stiftung. Der Konzern sei “nie ein erstarrter, zentralisierter Koloss, sondern ein flexibler, vielgliedriger Organismus”, schreibt Berghoff und vergisst nicht zu warnen: “Allerdings bleiben die Herausforderungen hoch, intern wie extern, so dass bei allem berechtigten Stolz über die Erfolge der 175-jährigen Geschichte kein Anlass zu Selbstzufriedenheit besteht.”

Bertelsmann-Rundumschlag in der SZ

Einen Bertelsmann-Rundumschlag unternehmen Caspar Buse und Hans-Jürgen Jakobs in der Süddeutschen Zeitung (nur Print, Seite 15, Ausgabe vom 16. September 2010). Die Autoren teilen die von ihnen identifizierten “Schatten” über dem Bertelsmann Reich in gleich acht Kategorien auf. Für die aktuelle Chefin Liz Mohn, sei es eine “sehr harte Zeit”, meinen Busse und Jakobs und beackern alle Felder, die Bertelsmann so ausmachen. Von der Stiftung über die Familie, die Geschichte, aktuelle Geschäfte und schließlich die Zukunft. Es fehle ein “großer strategischer Wurf”, diagnostiziert die SZ und schreibt weiter: “Als Wachstumsfeld hat der Konzern die Bildung identifiziert und auch das Digitalgeschäft soll wichtiger werden. Aber mehr als Pläne gibt es nicht.”

Fieser Middelhoff im Handelsblatt

Beim Handelsblatt hatte man die fiese Idee, den damals eher unfreundlich aus dem Unternehmen beförderten und in jüngster Zeit auch nicht gerade glänzend besprochenen Ex-Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Middelhoff einen Gastbeitrag (kostenpflichtig) zum Geburtstag seines Ex-Arbeitgebers verfassen zu lassen. Die dazugehörige Illustration zeigt einen gezeichneten Middelhoff mit Torte in der Hand. Middelhoff zollt dem Erfolg des Unternehmens zunächst, nennt den verstorbenen Reinhard Mohn genial um dann “teils kritisch, teils irritiert” Fragen zu stellen: “Warum spielt das Unternehmen keine führende Rolle mehr in den USA oder im Internet? Warum ist die Verschuldung so hoch? Warum hängt der Konzern existenziell von der Ergebnisentwicklung der RTL-Group ab? Warum schmilzt der Umsatz von mehr als 20 Milliarden Euro auf ca. 15 Milliarden Euro, obgleich fast alle Bertelsmann-Manager das ‘Wachstums- oder Sieger-Gen’ in sich tragen?”

Diese Fragen seien das Ergebnis einer Entwicklung, an der das aktuelle Management um Hartmut Ostrowski keine Schuld treffe, so Middelhoff weiter. Er verweist vielmehr auf das Spannungsfeld zwischen Familientraditionen und unternehmerischen Risiko. Ein Spannungsfeld, das Middelhoff gut kennt, immerhin kostete es ihn seinerzeit den Job als Bertelsmann-Chef. Nichtsdestotrotz habe Bertelsmann immer noch das Potenzial, sich, wenn schon nicht mehr zum größten, so doch zum führenden Medienunternehmen der Welt zu entwickeln, meint Middelhoff und schließt mit dem Anfeuerungsruf “Go, Bertelsmann!”

Lesefaule Antje Vollmer in der taz

Die taz bat die Grünen-Politikern und Stiftungsexpertin Antje Vollmer zum wieder mal Stiftungs-kritischen Jubiläumsinterview. Allerdings wurde die Kritik an der Bertelsmann-Stiftung von Schuler im Spiegel und Rawert in der FAZ weitaus fundierter formuliert und begründet als von Antje Vollmer in der taz. Zumal beim besten Willen nicht nachvollziehbar ist, warum Antje Vollmer eine Art Schweige-Kartell der Medien in Sachen Bertelsmann unterstellt. Die Bevölkerung bekomme von dem Wirken der Stiftung kaum etwas mit “und das liegt am beinahe völligen Stillschweigen der Medien”, so Vollmer. Und weiter: “Die Angst vor Bertelsmann-Juristen und die potentielle Bedürftigkeit, mal was mit denen oder bei ihnen machen zu wollen, hindert offensichtlich auch die Helden des investigativen Journalismus am Jagdeifer. Bertelsmann ist unberührbar.” Da hat Frau Vollmer aber schon länger nicht mehr Spiegel, FAZ, Süddeutsche oder Frankfurter Rundschau gelesen.

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