‚Weissensee‘: Romeo und Julia in der DDR

Im Osten nichts Neues: Westflucht, Auftrittsverbote, Stasiüberwachung – ohne die bewährten Ost-Themen kommt auch die neue DDR-Familienserie "Weissensee" nicht aus, die am Dienstagabend (20.15 Uhr, ARD) startet. Doch man mag es ihr verzeihen. Ebenso wie die Momente in denen die Regie durch stupiden Musikeinsatz und manch entsetztes Close up droht, ins soapige abzurutschen. Denn der Sechsteiler ist ausgezeichnet besetzt und ausgestattet, spannend und manchmal sogar ziemlich komisch.

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Die ARD selbst kündigt "Weissensee" als "erste Familienserie im deutschen Fernsehen nach der Wende, die in der ehemaligen DDR spielt" an. Programmdirektor Volker Herres zieht gar einen Vergleich mit der "Lindenstraße". Schon jetzt möchte man eigentlich schreiend weglaufen, bevor der Fernseher überhaupt eingeschaltet ist.
Doch einschalten lohnt sich: Das Ost-Drama bietet weit mehr als die anspruchsarme Familienunterhaltung à la "Um Himmels Willen" und "In aller Freundschaft", die sonst den Primetime-Sendeplatz am Dienstag im Ersten einnimmt.
Worum geht’s: "Weissensee" spielt Anfang der 80er Jahre und erzählt in sechs Folgen die Geschichte der Ostberliner Familien Kupfer und Hausmann, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der systemtreue Kupfer-Klan ist Teil des DDR-Staatsapparates – der Vater Hans (Uwe Kockisch) ist Generalmajor und der älteste Sohn Falk (Jörg Hartmann) Major im Ministerium für Staatssicherheit. Bruder Martin (Florian Lukas), das "Schwarze Schaf", arbeitet immerhin als Volkspolizist. Ganz anders die Hausmanns: Die alleinerziehende Mutter Dunja (Katrin Sass) wird als regimekritische Chansonette überwacht. Tochter Julia (Hannah Herzsprung) ist, zumindest anfangs, im Begriff mithilfe eines Amerikaners aus der DDR zu fliehen.
Schließlich kommt, was kommen muss: eine schicksalhafte Überkreuzung beider Familien. Martin verliebt sich in Julia. Eine Liebe, die nicht sein darf, und für die das junge Paar kämpfen muss. Das erinnert an Romeo und Julia. Soll es auch. Die Macher haben sich das Motiv des Dramas zum Vorbild genommen. Ganz selbstironisch wurden sogar feine Anspielungen auf das Shakespeare-Stück eingebaut. Nur so viel sei verraten: Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.
Die "Weissensee"-Darsteller machen ihren Job allesamt sehr gut: Besonders Hannah Herzsprung spielt ihre Rolle als (passenderweise) Julia großartig. Dank ihrer sympathischen Ausstrahlung fühlt der Zuschauer sofort mit, warum Martin trotz aller Schwierigkeiten an ihr festhalten will. Man(n) mag ihm förmlich zurufen: "Kämpfe Romeo!"
Katrin Sass überzeugt schauspielerisch wie gesanglich als Liedermacherin, die sich mit regimekritischen Chansons mit den SED-Funktionären anlegt. Herrlich böse ist Jörg Hartmann als skrupelloser Stasi-Major – besonders, wenn er zum Verhör in verschiedene Rollen schlüpft. Auch manch Nebencharakter sorgt für Freude beim Zuschauer: Zum Höhepunkt der ersten Folge wird eine Szene mit Sven Lehmann als dümmlicher Major Geifel, der versucht seinen Kollegen zu zeigen, was für ein toller Stasi-Spürhund er ist und dabei wirkt, wie Strombergs Ernie.
Was "Weissensee" insgesamt sympathisch macht, sind die Feinheiten in der Ausstattung. Das Honecker-Bild im Büro des Stasi-Generalmajors oder das halbleere Schaufenster der Parfümerie in der Julia arbeitet, werden nur bloß beiläufig gezeigt – doch sie fallen auf, ohne kommentiert werden zu müssen. Das sorgt für ein realistisch wirkendes Bild der ehemaligen DDR, was wohl auch daran liegt, dass die Serienmacher von Fachberatern unterstützt wurden.
"’Weissensee" ist unser fiktionaler Beitrag zum 20-Jubiläum der deutschen Einheit", erklärt Herres und es ist ein gelungener Beitrag. Natürlich werden auch die typischen Ost-Themen aufgegriffen, die schon zigfach in Film und Fernsehen verarbeitet wurden. Doch "Weissensee" gelingt dies einerseits ohne Ostalgie zu schüren, aber andererseits auch ohne die ganze DDR und ihre Einwohner in einen traurigen grauen Nebel zu tauchen.

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