„Die Mediennutte hat einen neuen Freier“

Sein Wechsel von der ARD zu Sat.1 beschert Late-Night-Talker Harald Schmidt ein vielfältiges Presseecho. Die Sächsische Zeitung titelt zum Weggang in Schmidt-Manier "Die Mediennutte hat einen neuen Freier" und kommentiert den Abgang des 53-Jährigen als "Notbremse". Die FAZ hofft mit seinem Rückgang auf einen "Anlauf zu alter Stärke". Die Süddeutsche Zeitung erinnert hingegen daran, "dass alte Zeiten nicht einfach neue Zeiten sind. Und dass die Leute zum Schmidt gehen, nicht zum Schmidtchen."

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Sueddeutsche.de:
"Ein Entertainer wie Harald Schmidt lebt von tatsächlichen oder vermeintlichen Tabubrüchen. Die Verbalentgleisung gehört zum Programm. Und so hat sich der TV-Komödiant, der auch als Schauspieler arbeitet, selbst frühzeitig als ‚Mediennutte‘ bezeichnet. Dafür gibt es keinen Preis der Gesellschaft für deutsche Sprache, aber der Terminus legt eine rechtschaffen kapitalistische Arbeitsauffassung nahe. Wem sein Brot ich ess, dem sein Lied ich sing, soll das heißen. (…) Manchmal muss die Erkenntnis erst noch reifen, dass alte Zeiten nicht einfach neue Zeiten sind. Und dass die Leute zum Schmidt gehen, nicht zum Schmidtchen."
Sächsische Zeitung:
"Die Mediennutte hat einen neuen Freier (…) Die Medienhure kehrt ins Unterschichtenfernsehen zurück, könnte man nun mit Schmidt-Zitaten feixen. Der 53-Jährige formulierte es gestern aber gediegener: ‚Ablösefrei zum Champions-League-Sender – ein Traum! Jetzt will ich auch Kapitän werden!‘ Und Sat1-Geschäftsführer Andreas Bartl triumphierte: ‚Endlich, der Meister kehrt zurück.‘ Mit ähnlichen Worten hatte auch die ARD gefeiert, als sie Schmidt 2004 dem Privatsender abspenstig gemacht hatte. Doch so richtig hat das nie funktioniert mit Dirty Harry und dem Ersten. Die Quoten waren zuletzt im Keller. Und nun passt Schmidt auch nicht mehr ins Konzept, weil die ARD ihr Abendprogramm mit Will, Beckmann, Maischberger, Plaßberg und künftig auch Günther Jauch neu ordnet. Harald Schmidt soll dabei als neuer Gastgeber des ‚Satire Gipfels‘ in der ARD vorgesehen gewesen sein. Bevor diese Planungen nun konkreter wurden, zog Schmidt wohl die Notbremse."
FAZ.net:
"Da Harald Schmidt dem nun ausweicht und zu Sat.1 wechselt, erweist er sich – gemeinsam mit seinem Produktionspartner Fred Kogel, der hinter dem Deal steckt – abermals als einer der Geschicktesten der Branche. Schmidt wäre im Ersten – wenn überhaupt – vom Herbst des nächsten Jahres an nur noch unter ferner liefen aufgetaucht. Nun muss er sich intern – bei Sat.1 – mit Johannes B. Kerner und Oliver Pocher messen. Doch liegen die drei inhaltlich weit genug auseinander, dass es ohne Blessuren abgehen könnte. Allerdings verschärft sich auch hier die Konkurrenz.
Ein Treppenwitz der Programmgeschichte ist freilich, dass Schmidt seinem einstigen Showpartner Pocher zu Sat.1 folgt. Im vergangenen Jahr hatte Schmidt für den Wechsel des Entertainers der jüngeren Generation nichts als Spott übrig. Seine Witze über das vermeintliche Prekariatsfernsehen der Privaten dürfte sich Schmidt fortan verkneifen. Und wenn er klug ist, nimmt er mit dem Wechsel zu Sat.1 einen neuen Anlauf zu alter Stärke, im Ersten wirkt er seit geraumer Zeit wie ein Auslaufmodell."
FR-Online.de:
"Eine glückliche Beziehung war es ohnehin nicht mehr, was Schmidt und die ARD verband. Maue Quoten und Sketche, die Gremienmitglieder aufschreien, den Rest der Republik aber unberührt ließen – es hatte den Anschein, als wäre weder Harald Schmidt noch mit dem Herzen dabei noch die ARD mit ihrem Herzen bei Harald Schmidt."
taz.de:
"Wie auch immer der ARD-Verschiebebahnhof aufgeht: Harald Schmidt hatte man wohl ohnehin schon abgeschrieben. ‚Mit Harald Schmidt ist immer zu rechnen‘, wich der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust schon vergangene Woche gekonnt aus. Um auf hartnäckige Nachfragen noch ein aus heutiger Sicht vielsagendes Schmidt ‚mache das ja immer auch ein bisschen nach dem Lustprinzip‘ nachzuschieben."
Welt.de:
"Doch nun ist Schmidt wieder in seinem Element. ‚Ablösefrei zum Champions-League-Sender – jetzt will ich auch Kapitän werden!‘ kalauert er in seiner ersten Erklärung. Sein Produzent und Busenfreund Fred Kogel erinnert an die gemeinsame, glückliche Zeit bei Sat 1. Offenbar will Harald Schmidt – wie der alte Minetti in Bernhards Stück ‚Minetti‘ – doch noch den König Lear geben. Und wenn es nur in Dinkelsbühl ist."
Stern.de:
"Das Ende war abzusehen. Die ‚Harald Schmidt Show‘ und die ARD – das hatte keine Zukunft. Es war nicht mehr nur eine Frage der Quote. Die hatte sich in den letzten Monaten so gequält dahin geschleppt wie so mancher Gag des Altmeisters. Vielmehr ist die Rückkehr von Harald Schmidt zum Privatsender Sat1 dem neuen Programmschema der ARD geschuldet, das sich rund um die Verpflichtung von Günther Jauch formiert: mehr Talk, weniger Comedy. Schmidt drohte die Degradierung – und zog die Reißleine. (…) Der Altstar wurde zum unbequemen Familienmitglied, das man am liebsten ins Heim abschieben würde – wäre da nicht das schlechte Gewissen."
Handelsblatt.com:
"Der Abschied von der ARD fällt Schmidt, dessen Late-Night-Show im Ersten am nächsten Donnerstag ins letzte Jahr geht, offenbar leicht. Die ARD hatte den Entertainer zuletzt nicht gerade gut behandelt. Die ARD-Granden wollten den Unterhalter mit dem "Satire"-Gipfel abspeisen, einem Format bei dem er mit anderen Künstlern auftreten sollte. Eine solche Degradierung wollte Schmidt aber nicht hinnehmen. Für eine eigene Show war wegen der Programmreform ab Mitte 2011 kein Platz mehr."
Badische-Zeitung.de:
"Die ARD ist in einem Dilemma – das ZDF will mal abwarten, was die ARD entscheidet und dann über den ganz großen Wurf nachdenken. Ein Vorschlag: Wie wäre es damit, Markus Lanz und Maybrit Illner zu einem öffentlich-rechtlichen Arbeitgeberwechsel zu überreden? Dann hätten wir endlich einen Sender ohne Talk mit immer den gleichen Gästenasen – und könnten uns in aller Ruhe aufs Traumschiff setzen; womöglich freilich würden wir da Harald Schmidt treffen…"

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