Die Gerichtsreporterin der letzten Instanz

Gisela Friedrichsen ist die bekannteste deutsche Gerichtsreporterin. Seit mehr als 20 Jahren berichtet sie für den Spiegel von spektakulären Prozessen. Kritiker sagen, sie berichte nicht, sie richte nur. Vom Mordfall Weimar über den Fall Pascal bis zum Fall Jörg Kachelmann. Der Vergewaltigungsprozess beschert ihr wieder einen großen Auftritt. Ihre Bühne ist nicht der Gerichtsaal, sondern das Foyer, wo die Kameras der Sender warten. Gisela Friedrichsen ist die letzte Instanz unter Deutschlands Gerichtsreportern.

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Wenn sich die Türen des Saales 1 im bunkerartigen Mannheimer Landgericht öffnen, ist Gisela Friedrichsen bei den ersten, die ins Foyer strömen. Man erkennt sie sofort. Selbst wenn man sie nie zuvor gesehen hätte, gäbe es nicht eine Sekunde Zweifel, dass diese Frau mit dem teuren Kostüm und der berüchtigten, betonharten Frisur Gisela Friedrichsen sein muss. Ihre Haare sitzen so perfekt wie ihre 30-Sekunden-Statements für RTL, n-tv und Co.

Die Reporter der Sender kennen Gisela Friedrichen mindestens ebenso gut, wie die Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Kollegen und Zuschauer. Hier eine Frage, dort noch eine Einschätzung – Gisela Friedrichsen ist eine begehrte Gesprächspartnerin in den Prozess-Pausen und sie genießt diese Auftritte augenscheinlich sehr. Der Fall Kachelmann ist eine typische Bühne für Friedrichsen. Enorme Aufmerksamkeit, ein undurchsichtiger Fall, Aussage gegen Aussage, viel Raum für Interpretation, die Staatsanwaltschaft und die Richter in der Kritik, eine unüberschaubare Zahl an Veröffentlichungen. Mit Kritik an Richtern und Staatsanwälten hat sie in ihrer Laufbahn nie gespart.

Gisela Friedrichsen ist bekannt dafür, bereits im Gerichtssaal hörbar murmelnd das Geschehen zu kommentieren. Auch diesmal wieder im Fall Kachelmann. Ihre Meinung speist sich aus den langen Jahren Berufserfahrung, der ganzen Zeit, die sie in deutschen Gerichtssälen notierend und murmelnd abgesessen hat. Und diese Meinung muss raus, schon während des Notizenmachens, draußen vor den Kameras und später in ihren Spiegel- und Spiegel-Online-Texten. Vermutlich kann sie gar nicht anders.

Das hat ihr auch viel Kritik eingebracht. Ihre vermutlich schärfste Kritikerin sitzt beim Kachelmann-Prozess mit im Saal: Emma-Herausgeberin und Vorzeige-Feministin Alice Schwarzer, die den Prozess für die Bild-Zeitung begleitet. Während des Prozesses und in den Pausen gibt es aber keinen Kontakt zwischen den beiden Frauen, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Hier die schnoddrige, betont legere Schwarzer, die vom Justiz-Personal darauf hingewiesen werden muss, dass sie ihre Butter-Brezeln nicht mit in den Saal schleppen darf. Dort Gisela Friedrichsen, wie stets wie aus dem Ei gepellt, durchdrungen von jahrelanger Professionalität. Ihr Auftritt ist komplette Kontrolle.

In einer Talkshow hat Alice Schwarzer Gisela Friedrichsen unlängst vorgeworfen, sich stets mit den, vorzugsweise männlichen, Tätern, gemein zu machen. Der Vorwurf ist nicht neu. Bereits in Emma hat Schwarzer mehrfach gegen Friedrichsen polemisiert, ihr "juristische Borniertheit" und "journalistische Unprofessionalität" vorgeworfen. Zwei harte Anschuldigungen, bei denen es lohnt, genauer hinzuschauen. Da wäre zunächst die angebliche "juristische Borniertheit". Ein Vorwurf, den man auch in Juristenkreisen, vor allem bei Staatsanwälten und Richtern, gegen Frau Friedrichsen erhebt.

Tatsächlich sind ihre Texte, vor allem die neueren, meist durchtränkt mit Meinung und Urteil. Sie beschreibt weniger was geschieht, als vielmehr was sie meint. In der Neuen Juristischen Wochenschrift stand mal über sie: "Schulmeisterlich verteilt sie Zeugnisse, bewertet, lobt, verdammt, auf der Grundlage ihrer subjektiven Maßstäbe. Dabei ergreift sie nicht nur Partei für eine Seite, sondern berichtet einseitig, gibt den Argumenten der angegriffenen Seite meist keinen Raum.“ (zitiert nach Wikipedia). Im Fall Kachelmann sei das wieder genauso, ist zu hören. Einige Juristen meinen das und auch Kollegen von ihr. "Sie wird nur von der Kachelmann-Seite gefüttert." "Sie berichtet total einseitig." So oder ähnlich klingen die Vorwürfe, wenn man in Mannheim mit anderen Gerichtsreportern über Gisela Friedrichsen spricht.

Und es stimmt auch. Die Perspektive des mutmaßlichen Opfers im Fall Kachelmann kommt bei Gisela Friedrichsen kaum vor. Wenn sie über den Vertreter der Anklage schreibt, betont sie die "helle Stimme" des Staatsanwalts, beschreibt detailliert, wie dieser sich verspricht, vom Richter gelassen "belehrt" wird. Das mutmaßliche Opfer beschreibt sie als "sehr dünn, blass und spitz im Gesicht." Das sind Wertungen, keine objektiven Beschreibungen.

Auch im Fall der Popsängerin Nadja Benaissa, die wegen Körperverletzung verurteilt wurde, weil sie mit einen Mann ungeschützten Sex hatte, obwohl sie wusste, dass sie das HI-Virus in sich trägt, hatte Friedrichsen viel Mitleid mit der Verurteilten und wenig mit dem Geschädigten, der sich ansteckte. Er sei "leichtfertig" gewesen, habe "mehr an sein Vergnügen als an seine Gesundheit gedacht", beschied ihn die letzte Instanz aus Hamburg. Bei Kachelmann bejubelte Gisela Friedrichsen die Aufhebung der Untersuchungshaft und stellte für das Strafverfahren schon vor Beginn ein "überfälliges Wunder" in Aussicht. Gemeint war wohl ein Freispruch.

Die "juristische Borniertheit" und die "journalistische Unprofessionalität", so könnte man meinen, gehen da Hand in Hand. Im Prinzip zielen die Vorwürfe aber immer darauf, dass Friedrichsen zu meinungsfreudig, zu wenig neutral sei, sich selbst zu sehr in den Vordergrund stelle. Kann gut sein, dass hier und da auch ein bisschen Neid in die Kritik mit einfließt.

Soweit, dass sie wirklich die Urteile der Gerichte mit ihrem "Gottesurteil" (A. Schwarzer) beeinflusst und steuern kann, ist es nämlich nicht. Friedrichsen ist sich selbst sogar bewusst, dass sie parteiisch ist und verschleiert dies nicht. Zu einem jüngeren Kollegen hat sie einmal sinngemäß gesagt: "Die Leute lesen mich nicht, wegen meiner Beschreibungen, sondern wegen meiner Einschätzung." Und bei Spiegel Online steht oft "Kommentar" über ihren Texten. Auch die Redaktion ist sich offenbar im Klaren darüber, dass die Friedrichsen-Stücke längst keine Reportagen mehr sind, sondern Text gewordene Berufserfahrung, gepaart mit ungebremster Meinungsfreude.

Spiegel-intern wird sie als kollegial geschätzt und von der Führung des Hauses verehrt. "Man hat ihr den roten Teppich ausgerollt", sagt jemand aus dem Verlag, der sie persönlich kennt. Nach dem Ende ihrer Redakteurstätigkeit wurde Gisela Friedrichsen mit einem hoch dotierten Autoren-Vertrag ausgestattet. Jeder Auftritt von ihr vor Fernsehkameras und in Talkshows ist gleichzeitig auch Werbung für das Magazin.

Als Nachfolgerin sollte beim Spiegel die Autorin Beate Lakotta aufgebaut werden, die sich vor allem mit Sozialreportagen einen Namen gemacht hat. Bislang zeigt La Friedrichsen aber keine Neigung, auch nur ein Jota von ihrer Gerichtsreporter-Kompetenz abzugeben. Wenn die Friedrichsen einen Prozess will, dann bekommt sie ihn auch ohne Diskussion. Manchmal sogar zwei gleichzeitig. Als der Auftakt im Kachelmann-Prozess stattfand und am selben Tag das Urteil im Mordfall Dominik Brunner gesprochen wurde, gab es für die arbeitswütige Friedrichsen kein Halten. "Ich mache beides", soll sie gesagt haben. Hat sie dann auch gemacht. Das muss man auch erst einmal können. Gisela Friedrichsen ist einer der wenigen echten Stars, die der deutsche Journalismus zu bieten hat. Mit allen guten und negativen Folgen, die das Starsein so mit sich bringt.

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