„Dichter ran an die Leser und ihren Alltag“

Unter den Regional-Blattmachern gilt er als Shooting-Star: Lars Haider, seit 2009 Chefredakteur beim Weser-Kurier, holte für die Bremer Tageszeitung den ersten Platz beim Deutschen Lokaljournalistenpreis. Diese Auszeichnung hatte er bereits 2005 als Redaktionsleiter der Elmshorner Nachrichten erhalten. Nach seiner Ausbildung bei Axel Springer wirkte er u.a. als Vize-Chef der Berliner Morgenpost. MEEDIA sprach mit dem 40-Jährigen über sein Erfolgskonzept, den digitalen Wandel und die Zeitung der Zukunft.

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Herr Haider, erstmal herzlichen Glückwunsch zum Deutschen Lokaljournalistenpreis. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Ich versuche, meine Begeisterung auf die Redaktion zu übertragen.
Sie konnten bei der Jury durch ihr Projekt "Überraschend nah" punkten. Was hat es damit auf sich?
Mit unserem Konzept "Überraschend nah" wollten wir, wie der Name es bereits verrät, dichter als bisher an unsere Leser und ihren Alltag heran. Dafür haben wir Serien wie "Die großen Herausforderungen des Lebens" oder "Erste Hilfe in alltäglichen Notfällen" konzipiert, und Teile der Lokalredaktion in Bremens größte Schule ausgelagert und von dort berichten lassen.
Worum ging es bei den großen Herausforderungen und bei den alltäglichen Notfällen?
Die großen Herausforderungen des Lebens waren für uns zum Beispiel die Geburt des ersten Kindes, Heiraten, Ruhestand. Auf jeweils einer Doppelseite haben wir erzählt, wie Menschen in unserem Verbreitungsgebiet sich darauf vorbereitet haben beziehungsweise wie sie damit umgegangen sind, dazu gab es Tipps von Experten. Bei der anderen Serie haben wir uns mit 50 alltäglichen Notfällen, Automat zieht EC-Karte ein, Auto abgeschleppt, etc., beschäftigt und wer und/oder was dabei hilft. Die dazu erschienene Broschüre ist heute Pflicht in allen Bremer Polizeirevieren.
Demnach haben Sie mit ganz alltäglichen Themen den Preis geholt und damit auch dazu beigetragen, dass sich die Auflage stabilisierte. 
Darüber hinaus geht es uns darum, unsere Leser jeden Tag zu überraschen: Sei es mit einer der bereits genannten Serien, sei es durch einen Reporter, der 30 Berufe vom Kanalarbeiter bis zum Vorstand testet. Oder sei es dadurch, dass wir Themen anders sehen und bewerten als andere, Stichwort: Kachelmann. Ein Leser schrieb gestern: "Unerwartet erhält man im Weser-Kurier Informationen, die nicht Abklatsch normaler Nachrichten sind." Das ist es.
Was haben Sie im Fall Kachelmann denn anders gemacht?
Wir haben uns im Wesentlichen auf die Tatsachen beschränkt und relativ früh die Frage nach einem fairen, weil vorurteilsfreien Prozess gestellt. Und wir haben auch die Rolle der Medien und ihrer Protagonisten thematisiert.
Was ist Ihre Vision für den Weser-Kurier?
Das Entscheidende ist, dass die Zeitung Autoren hat, die den Weser-Kurier unverwechselbar machen. Im besten Fall wollen wir eine tägliche Wochenzeitung sein, die stark auf längere Texte, auf Hintergründe und Analysen setzt.
Dementsprechend wollen Sie auf Agenturmeldungen weitestgehend verzichten und die Zeitung zur Autorenzeitung umbauen. Sind Sie damit schon am Ziel?
Unser Ziel ist, dass wir bis zum Ende des Jahres etwa 90 Prozent unserer Texte selbst schreiben und nur noch zehn Prozent klassische Agenturmeldungen sind. Dafür haben wir nach wie vor eigene Auslandskorrespondenten, haben gerade unser Berliner Büro von einem auf zwei Reporter aufgestockt, beschäftigten seit 1. September zudem eine Korrespondentin in Hamburg. Denn interessanterweise hat eine Befragung ergeben, dass unsere Leser sich mehr Informationen aus Hamburg wünschen.
Denken Sie darüber nach, die Verträge mit den Agenturen zu kündigen?
Nein. Aber wir haben auch nur noch zwei.
Sie sind ein Springer-Gewächs. An der konzerneigenen Journalistenschule haben Sie Ihr Volontariat absolviert, es folgten u.a. Stationen  beim Hamburger Abendblatt und bei der Berliner Morgenpost, wo Sie zuletzt als stellvertretender Chefredakteur tätig waren.  War der Schritt groß von einer Metropolen-Zeitung zu einer Regional-Zeitung zu gehen?
Ja. Zum einen, weil ich aus einem großen, internationalen Konzern in ein regionales  Medienhaus gekommen bin. Zum anderen ist der Weser-Kurier die erste Zeitung, bei der ich allein verantwortlich bin. In Berlin hatte ich im Notfall immer noch jemanden, an den ich mich wenden konnte.
Was hat sie an dem Job in Bremen gereizt?
Ich habe so viele Dinge bei Axel Springer gelernt, dass ich die Chance ergreifen wollte, das alles einmal auf eigene Verantwortung und eigenes Risiko auszuprobieren.  Dafür ist Bremen ein ideales Feld: Wenn Sie hier etwas machen, erreichen sie wegen der großen Reichweite des Weser-Kuriers nahezu die ganze Stadt und bekommen ein unmittelbares Feedback. Das macht Spaß.
Wie sieht Ihr Alltag hier aus?
Ich bin viel in Stadt und Region unterwegs, stelle mich und den neuen Weser-Kurier wann immer es geht vor, baue aber auch die Kontakte nach Berlin und in den Rest der Republik aus. Das macht etwa ein Drittel meiner Arbeit aus, dazu kommt, dass ich inzwischen verschiedene Ehrenämter habe, zum Beispiel Vorsitzender der Bremer Bürgerstiftung bin. Die meiste Zeit verbringe ich aber nach wie vor in der Redaktion.
Sind Sie auch beim Blattmachen dabei?
Nicht den ganzen Tag, das geht nicht, aber soviel es irgend möglich ist. Konferenzen versäume ich äußerst ungern und selten. Zum Glück kann man sich heute ja über Blackberry oder Laptop von jedem Ort und jederzeit ein Bild vom Blatt machen.
Der Weser-Kurier will nun auch wie die Süddeutsche Zeitung, die WAZ oder der Stern ein eigenes Recherche-Ressort gründen. Die Abteilung soll auch die Volontäre betreuen. Was haben Sie vor?
Wir haben mit Christine Kröger eine Kollegin, die investigativ im Rocker- und Neonazi-Milieu recherchiert und dafür mehrere Preise erhalten hat. Sie wird als Chefreporterin das Ressort leiten, einen weiteren Kollegen suchen wir gerade. Das Ressort wird auch für die Ausbildung unserer Volontäre zuständig sein.  Mir ging es darum, dass die Erfahrung, die Frau Kröger hat, an die Volontäre weitergegeben wird. In dem Ressort werden gemeinsam mit den Volontären, die dort eine Station während ihrer Ausbildung machen, Gruppen für Rechercheaufgaben entstehen. Der Vorstand steht voll hinter der Idee.
Gehörte der Online-Auftritt des Weser-Kurier auch zu den Baustellen, die Sie in Angriff genommen haben?
Ja. Wir hatten vor gut einem Jahr noch einen nahezu automatisierten Online-Auftritt. Jetzt haben wir eine eigene, junge  Redaktion, die eine stark regional geprägte Seite macht. Mit Erfolg: In den vergangenen zwölf Monaten haben wir die Zahl unserer Visits nahezu verfünffacht, sind knapp vor einer Million. Das läuft richtig gut. Dazu haben wir im vergangenen Jahr einen neuen Newsroom gebaut, in dem Online und Print zusammensitzen.
Welche Strategie verfolgen Sie mit dem Online-Auftritt?
Alles, was die umliegenden Konkurrenten, also beispielsweise Radio Bremen oder die Bild-Zeitung haben könnten, stellen wir sofort online, von aktuellen Sportergebnissen bis zu Pressekonferenzen oder Bürgerschaftssitzungen. Exklusive Geschichten reißen wir online an und verweisen auf Print. In Print wiederum gibt es Hinweise auf weiterführende Bilderstrecken, Videos etc. auf weser-kurier.de.
Wie sieht es im Mobil- und App-Bereich aus?

Wir testen gerade eine Mobil-Lösung, die möglichst noch in diesem Jahr starten soll. Die App ist dann der nächste Schritt. Und dann muss man auch irgendwann darüber nachdenken, wie das Ganze finanziert werden soll. Die Chancen, dass die Menschen dafür zahlen, sind nicht schlecht, weil die Bremer sehr mit ihrer Zeitung verbunden sind. Schon jetzt hat unser E-Paper mehr als 4.000 Abonnenten.
Im Vergleich zu anderen Tageszeitungen sind sie mit dieser App-Offensive spät dran.
Das liegt daran, dass wir so viele Baustellen gleichzeitig hatten: Der neue Newsroom, das veränderte Print-Konzept, Aufbau der Online-Redaktion, Start der Weser-Kurier-Buchedition – das ist alles in einem Jahr passiert und läuft teilweise noch. Die Layout-Umgestaltung ist beispielsweise noch immer nicht abgeschlossen. 
Was tun Sie, um die Redaktion zu verjüngen?
Wir haben mit dem neuen Wirtschaftschef Günther Hörbst und dem Kulturchef Hendrik Werner zwei Kollegen um die 40 eingestellt, die meisten Online-Redakteure sind um die 30. Zudem beschäftigen wir aktuell 13 Volontäre, von denen die jüngsten Anfang 20 sind. Ich hoffe, dass wir von denen künftig mehr übernehmen können. Sonst stehen wir irgendwann vor dem Problem, dass uns im Abstand von wenigen Jahren ein Großteil der Redakteure in die Rente verlässt, und wir keinen geeigneten Ersatz haben.
Zum Verjüngen gehört ja auch, dass die Zeitung sich den Weg ins Web 2.0 bahnt. Was macht der Weser-Kurier auf dem Gebiet? Sie haben selbst gebloggt…
… und damit aufgehört.
Warum?
Ich hatte das Gefühl, dass das ein paar Monate gut und lustig ist, sich aber abnutzt. Im Web hat alles seine Zeit, das ist extremer als in Print.
Wie wichtig ist das Web 2.0 für eine Zeitung? 
Der Dialog mit dem Leser ist grundsätzlich wichtig, ob nun über Online-Kommentare, über E-Mails oder über herkömmliche Leserbriefe. Mir ist wichtig, dass wir als Redaktion schnell erreichbar sind und reagieren, und natürlich müssen wir in den wesentlichen Plattformen vertreten sein, zum Beispiel bei Facebook. Bei Twitter haben wir inzwischen mehr als 5.000 Verfolger, das zeigt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind. Was wir dringend bräuchten, wäre ein Werder-Blog, ich glaube, dass der herausragend funktionieren würde.
Was halten Sie von dem neuen Trend der Hyperlocals?
Unser Ziel muss sein, dass weser-kurier.de der beste Führer durch Stadt und Region wird. Material dafür haben wir zur Genüge, etwa aus Serien wie "555 Dinge, die man in Bremen und Umgebung gemacht haben sollte" oder aus "23 x Bremen", unserer Stadtteilserie.  Um diese Inhalte online nutzbar machen zu können, müssen nun die technischen Voraussetzungen geschaffen werde. Mein Traum ist, dass der User mit seinem Smartphone oder Ipad für jeden Stadtteil oder jede Straße die wichtigsten Tipps unserer Redaktion abrufen kann, dazu Restaurantkritiken, Stau- und Baustellenwarner, etc. – und dafür gern etwas bezahlt.
Sie sind erst seit Februar 2009 Chefredakteur des Weser-Kurier und nach so kurzer Zeit schon sehr erfolgreich.
Wenn man Erfolg an Auszeichnungen misst, können wir wirklich zufrieden sein. Aber natürlich gehört auch Glück dazu, in einem Jahr den Deutschen Lokaljournalistenpreis und den Wächterpreis (2. Platz) zu gewinnen und dann auch noch die Theodor-Wolff-Preis-Verleihung ausrichten zu dürfen. Das dürfte sich so schnell nicht wiederholen lassen….

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