Anzeige

„Junge Leute finden die Erklärräume klasse“

Alle reden über das neue News-Studio von RTL. Dabei ist fast ins Vergessen geraten, dass vor gut einem Jahr das ZDF seine "grüne Hölle" für Claus Kleber & Co. ins Leben rief. Im MEEDIA-Gespräch erklärt Elmar Theveßen, der Leiter der Aktualität des Zweiten, was es gebracht hat - und vor allem: Woran seine Redaktion noch schraubt. "Momentan zeichnen wir die überwältigende Mehrheit unserer Erklärräume auf", räumt Theveßen ein und verrät: Künftig soll in den 3D-Räumen trotzdem noch viel mehr passieren.

Anzeige

Ihr neues Nachrichtenstudio ist jetzt gut ein Jahr auf Sendung. Hat die 30 Millionen Euro schwere Investition denn auch die gehofften Effekte gebracht?
In diesem Jahr haben wir eine Menge gelernt – und das ein oder andere auch schnell nachjustiert, ohne dass das jemand groß bemerkt hat. Uns war es von vornherein wichtig, dass wir uns auf einer Lernkurve bewegen, um mit der Technologie richtig warm zu werden.
Und, hat das geklappt?
Mit unserem Studio haben wir auf jeden Fall Erfolg. Das zeigen uns die qualitativen und quantitativen Studien, die wir bei Marktforschern in Auftrag gegeben haben – insgesamt bis heute drei Stück. Die Zustimmung für unser Projekt hat dabei ständig zugenommen. Wir liegen jetzt bei 82 Prozent der Befragten. Was uns dabei sehr freut ist, dass die Leute insbesondere unsere "Erklärräume" positiv bewerten, in denen wir mit aufwändigen Animationen Sachverhalte anschaulich und so verständlich machen. Aber natürlich gibt es auch noch ein paar Schrauben, an denen wir weiter drehen müssen.
Zum Beispiel?
Uns beschäftigt nach wie vor die Größe des Studios. Ein Teil der Befragten, wenn auch nur ein sehr kleiner von ihnen, sagt uns, die Moderatoren wirkten in unserem neuen Studio zu distanziert. Aber daran arbeiten wir, wie an einem neuen Intro der "heute"-Sendung bereits seit einigen Wochen zu sehen ist. Dort fahren wir jetzt nicht mehr mit der Kamera am Anfang der Sendung zurück, um das Studio möglichst komplett ins Bild zu nehmen, sondern von einer Draufsicht sehr schnell und nah an den Moderator ran, der dadurch markanter wird. In einem nächsten Schritt werden wir auch die Anmutung des "heute-journals" überarbeiten. Wir hoffen, das bis Weihnachten umsetzen zu können.
Wie wird die Sendung mit Claus Kleber, Marietta Slomka und Maybrit Illner künftig aussehen?
Da werden wir – im Gegensatz zur "heute" – am Anfang in der Totalen bleiben. Wir legen schon sehr viel Wert darauf, dass man auch die Größe des Studios weiterhin sehen kann. Denn auch das sagt uns die Medienforschung andererseits ganz klar und eindeutig: Die Zuschauer schätzen die Weitläufigkeit unseres Studios. Das wollen wir in keinem Fall wegretuschieren , indem wir nur noch Nahaufnahmen zeigen.
Auf der einen Seite wollen Sie dicht am Moderator sein, auf der anderen Ihr Studio zeigen. Hört sich nach einer ziemlichen Zwickmühle an, oder?
Ja, das ist es. Ich glaube aber, dass uns das inzwischen ganz gut gelingt. In den ersten Wochen nach dem Start haben wir damit ja noch experimentiert. Da lief der Moderator noch durch dieses große Studio, war dabei aber eben auch relativ total. So etwas sehen Sie bei uns fast gar nicht mehr – außer in unseren Erklärräumen, in denen wir aber auch viel häufiger an den Moderator ranschneiden. Wir sind übrigens sehr gespannt, wie RTL mit diesem Problem umgeht. Weil das alle umtreibt, die mit modernen Studios arbeiten oder diese planen, werden wir uns austauschen: ZDF, ARD und RTL kommen Ende dieses Monats zu einem Workshop zusammen, um über Nachrichtenstudios zu reden.
Wenn Sie sich die Fernsehlandschaft auf unserer Welt ansehen: Wie sehr "State of the Art" sind Sie denn noch mit Ihrem Studio? Zum Start hieß es ja, es gebe nichts Vergleichbares zu Ihrem Modell.
Unseres Wissens nach gab es bisher noch keine Nachzügler, obwohl viele bei uns nachfragen, wie wir ausgestattet sind und welche Erfahrungen wir gesammelt haben – von unseren Partnersendern in der Europäische Rundfunkunion bis hin zu Kollegen aus den USA und China. Klar ist aber: Ein neues, so komplexes Studio bedarf immer einer Menge an Vorlauf.
Die ARD will ihre "Tagesschau" in knapp zwei Jahren aus einem neuen Studio senden – allerdings nicht aus virtuellen Räumen, sondern weiterhin aus einer sogenannten Realkulisse heraus: Ein großer Monitor soll den Hintergrund bilden, auf den Moderatoren per Fingerzeig Grafiken bewegen können – wie auch mit Touchelementen auf ihrem Moderationstisch, wie wir sie von Smartphones und Tablet-PCs wie dem iPad kennen. Stört Sie das nicht, dass Sie diese Entwicklung verpassen?
Nein, wir verpassen da nichts und könnten Ähnliches auch mit unseren Möglichkeiten umsetzen. Wir haben uns nun mal grundsätzlich für einen anderen Weg entschieden – werden so etwas aber etwa in unserem "Morgenmagazin" verstärkt einsetzen. Das ist aber auch nicht völlig trivial: Diese Technik lässt großen Raum für Bedienfehler. Letztlich sind das für mich zwei unterschiedliche Modelle, die beide für sich spannend sind.
An Ihr neues Studio war stets die Hoffnung geknüpft, mehr junges Publikum für das klassische Fernsehen zu begeistern. Klappt das denn, wenn Sie in Ihre Quoten schauen?
Wir haben da unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Das "heute-journal" hat etwas zugelegt, die "heute" leider etwas verloren – im Vergleich zum Vorjahr wohlgemerkt, wobei wiederum die "heute" 2009 eine höhere Quote hatte als 2008. Wir sind mit unserer Analyse, wie viel das neue Studio der Quote bringt, noch nicht am Ende angelangt. Aber wir haben das alles ja in erster Linie auch nicht gemacht, um die Quote exorbitant zu steigern, sondern um Zuschauern mit dieser Technologie die Nachrichten verständlicher zu machen. Und das gelingt uns über alle Altersgruppen hinweg, wie uns die Marktforschung bestätigt, die dafür unter anderem sogenannte Fokusgruppen befragt hat: Zuschauer, die für uns sicht- und hörbar hinter einer Glasscheibe saßen, unsere Sendungen sahen und darüber diskutierten. Da sagten vor allem junge Leute, dass sie die Erklärräume klasse finden.
Finden Ihre Fokusgruppen alles prima – oder nicht auch etwas blöd?
Natürlich finden die nicht an allem Gefallen. Manche stören sich etwa an unserem Moderationstisch, der ihnen zu groß ist. Wenn man nur "heute" und "heute-journal" betrachtet, ist das auch logisch. In anderen Sendungen wie dem "Mittagsmagazin", das wir auch in diesem Studio produzieren, nutzen wir die möglichen Positionen an dem Tisch eher aus. Andere wiederum fragen sich, warum wir mit den Erklärräumen in allen Formaten in die Tiefe der Themen eintauchen. Da müssen sich die "heute" und das "heute-journal" noch stärker voneinander unterscheiden. Und auch das Styling ist Thema: Wir setzen bisher auf gedeckte Farben. Der ein oder andere hätte es aber lieber etwas farbenfroher.
Wie verlockend ist es eigentlich, all die Möglichkeiten auch einzusetzen, die sich Ihnen bieten?
Die Verlockung ist natürlich groß. Den Ehrgeiz bremst dann aber der Alltag verlässlich ein: Nicht alles lässt sich in der Aktualität auch immer umsetzen. Und wer unsere Sendungen über die ganze Zeit verfolgt hat, der wird festgestellt haben, dass die Schlagzahl, in der wir virtuelle Räume einsetzen, merklich abgenommen hat. Die wird aber in den nächsten Monaten auch wieder anziehen: Wir haben inzwischen, in dem beschriebenen Lernprozess, die nötige Expertise gewonnen, wie wir damit verlässlich umgehen. Übrigens auch mit neuen Mitteln. Zum Beispiel wird sich das Setting künftig auch immer wieder mal um den Moderator herum bewegen, er also in einer virtuellen Grafik stehen.
Wie viele Ihrer Erklärräume zeichnen Sie denn auf?
Momentan zeichnen wir die überwältigende Mehrheit unserer Erklärräume auf, ich würde mal sagen 90 Prozent, die wir dann in die Livesendung einspielen. Wir können aber auch live, geprobt haben wir dafür genug. Es entspannt nur alle Beteiligten, wenn wir vieles Aufzeichnen. Außerdem haben wir ja auch die Möglichkeit, 2D in 3D zu zeigen. Das werden wir künftig auch häufiger machen, also in den Raum eine große Tafel mit Grafiken und Animationen stellen. Das ist nicht so aufwändig wie tiefe 3D-Räume, bringt aber auch viel und ist auch eher dafür geeignet, live über den Sender zu gehen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige