Querkopf Sarrazin – Balsam für die Auflage

Nun hat Thilo Sarrazin der Politik und der Bundesbank diese Woche doch noch den Gefallen getan und ist freiwillig als Bundesbank-Vorstand zurückgetreten. Kurz vorher hat er aber Spiegel und Focus noch eine schöne Auflagen-Steigerung beschert. Und der Star-Schriftsteller Jonathan Franzen hat seinen neuen Roman “Freiheit” herausgebracht und sich ganz nebenbei im FAZ-Interview als glühender Feind des Internet geoutet. Der MEEDIA-Rückblick auf eine ganz besonders meinungsstarke Medienwoche.

Anzeige

Spiegel und Focus laufen immer öfter im Titel-Gleichtakt, seit Wolfram Weimer das Regiment beim Focus führt. Am vergangenen Montag hatten beide den Provo vom Dienst, Thilo Sarrazin, auf dem Cover. Wie aus Verlagskreisen zu hören ist, sollen beide Blätter damit sehr gut gefahren sein. Von bis zu 20 Prozent Plus bei der verkauften Auflage ist die Rede. Der Stern hat Sarrazin dann am Donnerstag nur noch eingeklinkt und titelt mit dem Thema “Männer und Medizin – eine schwierige Beziehung”. Das wiederum klingt fast wie Focus-Nutzwert von der alten Markwort-Schule.

Im Geiste war Sarrazin auch dabei, als Kanzlerin Angela Merkel dem dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard einen Preis überreichte und dabei die Kraft der Freiheit, also der Meinungsfreiheit in höchsten Tönen lobte. Der Karikaturist bekam also Lob und Preis, der Bundesbankvorstand Sarrazin wurde für seine sperrigen Meinung aus dem Amt gedrängelt. Die Kanzlerin versuchte den Widerspruch vorauseilend aufzulösen. Das Thema Sarrazin sei gerade kein Thema der Gefährdung der Meinungsfreiheit, “sondern es geht darum, ob und gegebenenfalls welche Folgen zum Beispiel ein Buch für einen Autor in einer besonders wichtigen öffentlich-rechtlichen Institution haben kann oder nicht.” Ein typischer geschraubter und gedrechselter Merkel-Satz. Und was bedeutet er, wenn man das ganze “ob und gegebenenfalls” und “haben kann oder nicht” weglässt? Meinungsfreiheit gilt für Personen, die wichtige öffentliche Institutionen vertreten nicht. Oder nicht? Oder gegebenenfalls doch? Man kann es sich aussuchen.

Die FAZ räumte am Donnerstag ihre komplette Medienseite für einen lesenswerten Hintergrundbericht zum gescheiterten Serbien-Engagement der WAZ frei. Autor Michael Martens berichtete kundig und spannend über die Verstrickungen und Probleme, die die WAZ und ihr Geschäftsführer Bodo Hombach im “Reich der Oligarchen” (so der Titel des Stücks) plagen. Unbedingt lesen, bevor der Text online hinter der Bezahlschranke verschwindet!

Ebenfalls in der FAZ in dieser Woche war ein Interview mit dem US-Schriftsteller Jonathan Franzen (“Die Korrekturen”). Dessen neues Buch “Freiheit” wird mal wieder als der ultimative us-amerikanische Gesellschaftsroman gefeiert. Im Interview zog Franzen eher unreflektiert übers Internet her. “Der Feind ist nicht das Fernsehen, sondern das Internet, das jeden neuen Tag in eine Million bedeutungsloser Partikel zerbricht.” Er, Franzen, konkurriere als Romanautor mit dem Internet, “aber nicht weil ich glaube, dass das Internet etwas besser kann, sondern im Gegenteil: weil ich denke, dass das Internet und die sozialen Netzwerke bösartige Drogen sind, die enormen gesellschaftlichen Schaden anrichten.” Darf Herr Franzen sowas sagen? Natürlich! Wir haben ja Meinungs-”Freiheit”!

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige