„Popstars“: das Grauen von Duisburg

ProSieben sollte Thomas Stein nachträglich die Gage verdoppeln. Der "Popstars"-Juror blieb am gestrigen Abend einziger Lichtblick einer musikalischen Katastrophe. Wer bislang an Theorien Gaußscher Verteilungskurven glauben mochte, sah sich bei der gestrigen "Popstars"-Folge eines Besseren belehrt: Selbst für hartnäckige "Popstars"-Fans war die Qualität von Show und Stimmen so unterirdisch, dass eine Wiederholung von Wettervorhersagen der letzten zwölf Monate mehr Unterhaltungswert geboten hätte.

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Das letzte "Popstars"-Casting in Duisburg vor dem "Talent-Check" (nächste Phase der aktuellen Popstars-Staffel) hätte man sich schenken können: Unter anderem deshalb, weil ein Talent-Check nur Sinn zu machen scheint, wenn etwas vorhanden ist, was zu checken sich lohnt.

Das einzige Talent in Duisburg bestand im sehenswert–senioren Juror Thomas Stein. Der grundsätzlich moderate Profi verstand – wieder und wieder- die Welt nicht mehr und bildete mit seiner Neigung zum Widerspruch nachträglich den einzigen Grund dafür, Popstars am gestrigen Abend überhaupt eingeschaltet zu haben.

Thomas Stein, "DSDS"-Juror der ersten Stunde, ist neues Jury-Mitglied bei "Popstars". Die mediale  Zeit nach "DSDS" verbrachte Stein wesentlich als Grüß-Onkel auf Oliver Geißens Reste-Rampe "Chart-Show" und gab dort -in Korrespondenz mit dem Ansatz der Chart-Show-  eher eine Figur ab, die an Heinrich Lübke in besten Zeiten erinnerte.

Als Steins  Nominierung in die "Popstars"-Jury bekannt wurde, schienen Sorgen also berechtigt.

Seit gestern weiß man, sie sind überflüssig. Thomas Stein war sehenswert und bildete den einzigen, unterhaltsamen Aspekt einer qualitativ desaströsen "Popstars"-Folge, die immerhin 15,6 Prozent Quote in der Zielgruppe erzielen konnte. Das Duisburger "Popstars"-Casting bot die gewohnte Sammlung beschädigter Kandidaten-Biographien und schwerer Schicksale: Natürlich empfindet man  Bedauern darüber. Selbst dieses Bedauern allerdings wird für manche Zuschauer inzwischen zur abgegriffenen Routine: Zu deutlich betont das Format "Popstars" Schicksal statt Stimme und Therapeuten- statt Jurorenrollen. Dieser Ansatz  ermüdet. Man kann Zuschauern nicht verdenken, innerhalb eines Wettsingens nach gefühlten zwanzig anerkannt schweren Lebensgeschichten, nach Zusammenbrüchen und immer neuen Kandidatentränen, einfach einmal wieder eine geile Stimme hören zu wollen.

Die gestrige Folge sah eine Jury bei krampfigen Versuchen, mit Scheinargumenten, Plastikgefühlen und partiell abenteuerlichen Entscheidungen Kandidaten -als trockene Sandkörner in der musikalischen Duisburger Popstars-Wüste-  gegen jede hörbare Realität zu blühenden Pflänzchen mit Potential  aufzublasen.

Das Niveau der Stimmen war unterirdisch, und manches Jury-Urteil schien geboren aus der Sorge, das Duisburger Casting ergebnislos beenden zu müssen, ohne überhaupt auch nur eine halbwegs stimmtaugliche Kandidatin vorweisen zu können.
So wurde mit Mühe in die nächste Runde des "Talent-Checks" gehievt, was kaum für Badewannen – Singsang taugen mochte.

In der Geschichte von Casting-Shows muss man lange suchen, um derart viele  "Stars in spe" finden zu können, die derart wenige Töne treffen. Dass eine gesamte Kandidatengruppe vordringlich herausragende Stimmen zeigt, ist nach Kriterien von Wahrscheinlichkeitsrechnungen kaum möglich. Um so beachtlicher scheint es, dass im Verlauf des Duisburger Abends diese Leistung am anderen Ende der Skala erbracht werden konnte: Man sah eine Gruppe von Kandidatinnen, die derart  konsequent und dünnstimmig an allen Tönen vorbeisang, dass dies durchaus als bemerkenswertes Phänomen in die Geschichte der Mathematik eingehen könnte.

Das wirkliche Mitgefühl galt Thomas Stein, dessen kopfschüttelnde Mimik ob der Jury-Kollegen-Urteile, dessen offene und substantielle Kritik an musikalischer Kandidatinnen-Qualität wohltuend realistisch wirkte. 

Stein hatte es schwer: Neben der Qualität von Kandidatinnen, neben vielen Jury-Meinungen  in immer neuer  Suche nach Antwort auf die Frage, wann genau er wohl durch vorschnelles Abnicken einer hörbar falschen Entscheidung die eigene Außenwirkung als anerkannter Musikfachmann beschädigen würde.

Menschen dabei zusehen zu wollen, wie sie leiden, mag moralisch verwerflich sein. Wer gestern in einem Anfall moralischer Flexibilität in dieser Frage bei Thomas Stein eine Ausnahme machte, wurde von Steins versteinerten Gesichtszügen als Reaktion auf wohlwollende Kollegen-Urteile entschädigt: Immer, wenn die Reihe der Jury-Kommentare bei Detlef D! Soost (also an der anderen Seite des Podiums) startete, wurde der wahre Unterhaltungswert durch Steins Mimik repräsentiert:  Der Mann litt. Er wand sich – und zwar zurecht. Es war ein musikalisch mühseliger, paradoxer Abend.

"Jetzt darf ich mich auf meinen Lorblättern nicht ausruhen!" resümierte Sash, Friseur-Azubi aus Aachen, die es gegen 22.25 MEZ als Letzte der Kandidaten in den sogenannten "Talent-Check" geschafft hatte.

Sash, die in ihrem "Popstars"-Online-Profil die Frage nach ihrem persönlichen Markenzeichen damit beantwortet, "keine operierten Augen" zu haben, antwortet dort auch auf die Frage nach "Ihrer Rolle in der ‚Popstars‘-Gruppe":  "Ich bin Sash. Mehr kann ich dazu nicht sagen."
In der Tat ist damit alles gesagt. Haare zu schneiden, wird für Sash nicht nur Vergangenheit, sondern auch Zukunft bedeuten.

Auch für manchen Profi aus der "Popstars"-Produktion, so dachte man gestern, hätte Sashs Berufsweg durchaus eine sinnvolle Alternative zur getroffenen Berufswahl bieten können.

Christopher Lesko

Mehr über den Autor www.lesko.ch

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