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Wie SID-Chef Cremer die Agentur umbaut

Was waren das noch für Zeiten: Da residierte der Sport-Informations-Dienst (SID) über Jahrzehnte noch bei Neuss – mit eigener Kneipe und Ausnüchterungskammer für den Chef. Mit Michael Cremer, dem aktuellen Geschäftsführer des Fachdienstes, wird aber gerade alles anders. Er setzte seine Redakteure in einen schnieken Newsroom nach Köln um und rüstet mit ihnen fleißig auf – Film und Foto inklusive. So macht, neben dem neuen dapd, mit dem SID ein weiterer Dienst dem Marktführer dpa mehr Konkurrenz denn je.

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Was waren das noch für Zeiten: Da residierte der Sport-Informations-Dienst (SID) über Jahrzehnte noch bei Neuss – mit eigener Kneipe und Ausnüchterungskammer für den Chef. Mit Michael Cremer, dem aktuellen Geschäftsführer des Fachdienstes, wird aber gerade alles anders. Er setzte seine Redakteure in einen schnieken Newsroom nach Köln um und rüstet mit ihnen fleißig auf – Film und Foto inklusive. So macht, neben dem neuen dapd, mit dem SID ein weiterer Dienst dem Marktführer dpa mehr Konkurrenz denn je.
Unter den Nachrichtenagenturen in Deutschland war der SID schon immer etwas Besonderes, bisweilen sogar etwas Zweifelhaftes. Er stand und steht dem Gegenstand seiner Berichterstattung nahe, manchmal sogar extrem. So attestierte ihm Fußballikone Franz Beckenbauer schon vor fünf Jahren zum Sechzigsten, er sei ein "in seiner Grundeinstellung klar positiv ausgerichteter Begleiter des Sports". Diese Haltung, im Zweifel pro Sport, ist aber gewiss auch ein Vorteil: Der SID kommt so meist dicht an Spitzensportler und deren Funktionäre ran. Seine Philosophie ist damit für den Sportjournalismus Fluch und Segen zugleich.
Bis Mai werkelten die 60 festen Mitarbeiter der SID-Zentrale noch in einem Eigenheim der Gründerfamilie um Alfons Gerz, dem "Haus der Medien" in Neuss. Ein Ort mit Geschichte, denn bis zuletzt tastete niemand das Büro des Gründers an, der 1995 starb. Ein Sportliebhaber, der den SID mit teils harter Führung zu dem machte, was die Agentur heute ist: Ein Sportdienstleister mit hervorragendem Netzwerk, das Exklusivität bietet. Gerz war auch ein Mann, der seine rheinländische Art bis in die SID-Redaktion hinein auslebte: Neben seinem Büro hielt er sich einen eigenen Schankraum, dahinter sogar ein Zimmer mit stets frisch bezogenem Bett – für die Nebenwirkungen.
Dieser Charme ist allerdings längst reif fürs Museum, denn im SID hat mit Geschäftsführer Michael Cremer derzeit ein Mann das Sagen, der die Agentur auf die Professionalität trimmt, die zweifellos nötig ist, um auch künftig bestehen zu können. Im Sommer bezogen seine Redakteure in Köln einen neuen Newsroom, mit Direktanschluss an den Hauptbahnhof, der zu den Stadien der Republik führt. Wie praktisch.
Eine Effizienz, die Cremer auch der Redaktion verpasst: Nach und nach lässt der 41-Jährige seine Redakteure zu journalistischen Allroundern ausbilden. Sie sollen damit nicht mehr nur mit Papier, Bleistift und Laptop umgehen können, sondern auch mit Videokamera und Mikrofon. Mit anderen Worten sollen schon bald möglichst alle SID-Mitarbeiter in der Lage sein, auch Videobeiträge zu produzieren, um neben Meldungen auch O-Töne abzusetzen, für Webseiten wie für TV-Sender. Das ganze ist bereits seit den Olympischen Spielen in Vancouver am Start.
Ein Projekt, bei dem nicht nur Chefredakteur Timon Saatmann hilft, den Cremer vom Fernsehsender N24 holte, sondern den vor allem in dieser Konsequenz die Mitbewerber des SID bisher ablehnen, weil sie nicht an die Wirtschaftlichkeit von Video-Diensten glauben. Sie können jedenfalls auf einem Youtube-Channel verfolgen, wie weit das SID-Vorhaben gediehen ist. Cremers Videodienst mangelt es allerdings bislang an den nötigen Rechten, um beispielsweise auch Spielszenen präsentieren zu können. Ein Manko, das er rudimentär glätten lässt, indem seine Redakteure bei Bedarf Fotos einblenden. Dazu passt, dass Cremer aktuell auch den Dienst SID-Images ausbauen lässt.
Das alles sei eine "zeitgemäße Interpretation der Gründungsidee: enger dran am Sport zu sein als eine Generalagentur und das jetzt mit modernsten Mitteln", sagt Cremer, dessen Agentur schon seit zehn Jahren eine Tochter des deutschen Dienstes der Agence France-Presse (AFP) ist und für Sportliches aus aller Welt auch Reuters auswertet. "Wir aktualisieren den SID ganz einfach."
Ihm helfe, sagt Cremer, dass sich "die Agenturkunden nun auch für ihre Sportberichterstattung häufig zwei Quellen beschaffen wollen". Wer wie die WAZ-Titel in Nordrhein-Westfalen und Thüringen zwar komplett auf dpa-Inhalte, nicht aber auf ein Sportressort verzichten will, der kommt bis heute ohnehin nicht am SID-Angebot vorbei. Auch deswegen sei die neue Konstellation auf dem hiesigen Agenturmarkt für ihn "nicht fürchterlich neu", auf dem sich gerade der ehemalige deutsche Dienst der Associated Press und der Deutsche Depeschendienst zum dapd zusammengeschlossen haben – aber just ohne Sportberichte.
Dass dapd-Chef Cord Dreyer nun von Beratern prüfen lasse (letzter Absatz), ob sich ein eigener Sportdienst lohne und wie aufziehen ließe, mache Cremer deshalb auch "keine Bange", wie er sagt. Ganz rosig indes lief es auch für seinen Dienst zuletzt nicht: Ausgerechnet die auf Sorgfalt und Vollständigkeit so bedachte Frankfurter Allgemeine Zeitung sprang ihm neulich als Kunde ab. Das zeigt, unter welchem Druck auch der SID steht, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Cremer aber, so stellt es sich dar, könnte dafür durchaus die richtigen Entscheidungen treffen.
Bilder von der Eröffnungsparty des neuen SID-Newsrooms an diesem Montag zeigt MEEDIA hier. Und der SID bietet jedermann einen kleinen täglichen Einblick in sein Angebot über seinen kostenfreien Newsletter "Sport heute".

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