‚Unser Ziel? Berlusconi täglich zu verprügeln‘

Mitten in der Krise erlebte Italien eine kleine Mediensensation: Il Fatto Quotidiano. Dass dieses Blatt keines vor den Mund nimmt und eine durch und durch kritische Grundhaltung hat, wird schon bei den Namen der Rubriken deutlich. Die heißen dort nicht einfach Wirtschaft, Umwelt oder Justiz sondern "Wirtschaft und Lobby", "Umwelt und Gifte" oder etwa "Justiz und Straffreiheit" in Anspielung auf Silvio Berlusconis andauernde Bemühungen, ein Gesetz durchzubringen, das dem Staatschef Immunität garantiert.

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Im Leitartikel zur ersten Ausgabe von schrieb Gründer und Chefredakteur Antonio Padellaro am 23. September 2009, das erste Ziel der Zeitung sei es, Berlusconi "täglich zu verprügeln". Seitdem hat das Blatt eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte geschrieben: Die Auflage von "Das Tagesgeschehen" (so die wörtliche Übersetzung) hat sich von Null auf knapp 110.000 gesteigert. Dabei macht die Zeitung auf den ersten Blick einen Eindruck wie viele andere Zeitungen auch: Überschriften mit Unterzeilen, eher wenig Fotos und ein unaufgeregtes, zurück genommenes Layout.
Das Erfolgsgeheimnis von Il Fatto Quotidiano ist eine neue Glaubwürdigkeit des Mediums Zeitung in einem Land, in dem ein Großteil der Printmedien und die Mehrheit der Fernsehsender einem einzigen Mann, nämlich dem Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehören. Seit Jahren haben die Italiener verinnerlicht, dass das, was in der Zeitung steht, oft nicht stimmt und dass das, was das Fernsehen zeigt, nur die halbe Wahrheit oder schlicht Propaganda ist. Immer wieder haben die staatlichen Sender Rai 1 und Rai 2, deren Direktoren Berlusconi nahestehen, Korruptionsvorwürfe gegen den Ministerpräsidenten schlicht ignoriert.
Jetzt gibt es mit Il Fatto Quotidiano eine Tageszeitung am Kiosk zu kaufen, deren Chefredakteur und Mitarbeiter ebenso unabhängig wie kritisch sind. Renommiert sind sie außerdem. Auf der Homepage schreiben außerdem in über dreißig Blogs bekannte Journalisten, Autoren, Anwälte, Dozenten oder Staatsanwälte über Korruption, über die Mafia, über Umweltsünden oder Misswirtschaft. Da ist etwa der Journalist Marco Travaglio, der die politische Magazinsendung "Anno Zero" moderiert, die Berlusconi am liebsten abschaffen möchte, und der seit Jahren auch für die linksliberale "La Repubblica" über das Spannungsverhältnis zwischen Justiz und Politik schreibt. Solchen Autoren glauben die Leser.
Die Sprache von "Il Fatto Quotidiano" ist gern einmal böse oder zynisch, aber einfach und direkt. Anders als in vielen anderen italienischen Zeitungen, in denen die Artikel manchmal einen inhaltlichen Verlauf nehmen wie ein Pfeil, der von hinten durch die Brust ins Auge kommt, pflegen die Autoren einen gradlinigen, schlichten Schreibstil, der den Inhalt schnell auf den Punkt bringt.
Das zeigt sich auch im Volumen der Zeitung. Etwa zwanzig Seiten ist eine Ausgabe stark. Nach dem Motto: Weniger ist mehr. Der Leser wird informiert, aber nicht überfordert. Mehr Hintergründe und Analysen liefert die Homepage. Unter der Rubrik Dokumente sind außerdem Anklageschriften gegen Politiker oder ehemalige Geheimakten einsichtbar.
Wie sehr der kritische Ton der Zeitung den Nerv der Zeit in Italien trifft, zeigen auch die Reaktionen der Leser. Gerade Artikel über Politik auf der Internet-Homepage verzeichnen bis zu 300 Kommentare an nur einem Tag.
Über die alternative Tageszeitung gibt es hier auch einen Beitrag des NDR-Medienmagazins "Zapp".

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