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dapd: Risiken und Nebenwirkungen

Geschichtsschreibung mit Risiken: Seit Montag, sieben Uhr in der Früh', sind der deutsche Dienst der AP und der ddp passé. Cord Dreyer – einst selbst Führungskraft des Marktführers dpa - hat beide Dienste zur neuen dapd-Nachrichtenagentur verschmolzen. Er will seinen Wettbewerbern das Leben schwer machen und bastelt dafür sogar an einem eigenen Sportdienst. Das Problem ist nur: Der Start von dapd birgt zwar großes Potenzial. Dreyer kann aber ebenso gut binnen weniger Monate kläglich scheitern.

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Geschichtsschreibung mit Risiken: Seit Montag, sieben Uhr in der Früh‘, sind der deutsche Dienst der AP und der ddp passé. Cord Dreyer – einst selbst Führungskraft des Marktführers dpa   hat beide Dienste zur neuen dapd-Nachrichtenagentur verschmolzen. Er will seinen Wettbewerbern das Leben schwer machen und bastelt dafür sogar an einem eigenen Sportdienst. Das Problem ist nur: Der Start von dapd birgt zwar großes Potenzial. Dreyer kann aber ebenso gut binnen weniger Monate kläglich scheitern.
Die Ausgangslage: Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) genießt einen enormen Wettbewerbsvorteil, denn sie hat das Vertrauen vieler Verleger inne. Sie waren es immerhin, die den Nachrichtendienstleister vor nun 61 Jahren ins Leben riefen. Und sie sind es, die den genossenschaftlich geführten Laden nach wie vor besitzen. Eine Liaison, die allerdings sehr wohl auch endlich sein kann, wie das Beispiel der Essener WAZ-Gruppe zeigt. Ihre Titel in Nordrhein-Westfalen und Thüringen verzichten seit bald zwei Jahren gänzlich auf dpa-Inhalte. Dass die WAZ Genosse der dpa blieb, beweist zudem: Eigentümer wollen nicht immer auch Kunden sein. Eine Erkenntnis, die Dreyer äußerst zupass kommen dürfte.
Die Chancen: Dreyers dapd (kleingeschrieben), der ein Kunstname ist und anders als der AP-Nachfolger DAPD (großgeschrieben) mit "Deutschem Auslands-Depeschendienst" keine ausgeschriebene Form mehr verpasst bekam, kann vor allem mit dem Preis punkten. Der dapd will Verlage mit diesem Preismodell ködern, sich gegen den Marktführer und für den neuen Herausforderer zu entscheiden: dpa-Abopreis minus Abopreis für den Sport-Informations-Dienst (sid) und dann nochmals abzüglich 25 Prozent. Dreyer, der früher einmal das dpa-Büro Hannover und den Finanzdienst dpa-AFX leitete, weiß um die Preise seines heutigen Konkurrenten. dapd könnte also notleidenden oder vorbeugenden Verlagen in die Arme laufen, sollte es Dreyer gelingen, die Qualität hochzuhalten.
Die Risiken: Während die Eigentümer des Deutschen Depeschendienstes (ddp), Martin Vorderwülbecke und Peter Löw, erst den hiesigen Ableger der Associated Press (AP) übernahmen, die reichhaltigen internationalen Meldungen und Fotos der AP für 15 Jahre lizensierten und nun Dreyer ddp und AP inhaltlich fusionieren ließen, baute auch die dpa um. Sie hat mit dem ehemaligen Spiegel-Online-Chef Wolfgang Büchner einen brillanten Strategen an der Spitze, der zuvor auch für AP-Deutschland und Reuters in die Tasten haute. Vernetzter Newsroom, stärkerer Kontakt mit den Kunden über eine Web-2.0-Plattform, moderne Sprache, mehr Mut bei der Themenauswahl, tiefere Recherche, Herausstellen der exklusiven Inhalte: Büchners dpa will genau das, was sich auch Dreyer wünscht. Wenn Kunden mit "ihrer" dpa zufrieden sind und sie Nachrichtenjournalismus nicht als austauschbare Ware begreifen – warum sollten sie wechseln?
Die Nebenwirkungen: Das Zusammengehen von ddp und AP ist ein echtes Problem. Hier die ehemaligen AP’ler, die sich stets für die besten Qualitätsjournalisten hielten und ihre ddp-Kollegen belächelten, wie allein die fluchtartigen Wechsel wichtiger Ex-AP-Mitarbeiter (3) mit Peter Zschunke (Netzwelt), Froben Homburger (Inland) und – über den Umweg AP-International – Michael Fischer (Kanzleramtsexperte) belegen. Und da die ddp’ler, die unter großer finanzieller Entbehrung ihre einst insolvente Agentur und damit auch ihre bedrohten Jobs retteten, nun aber mit Kollegen zusammenarbeiten müssen, die deutlich mehr verdienen als sie. Im dapd-Intranet musste sich ihr neuer gemeinsamer Chef Dreyer deshalb in einem FAQ zum Start des fusionierten Dienstes selbst fragen: "Wieso verdienen DAPD-Mitarbeiter mehr als ddp-Kollegen und arbeiten weniger?" und "Wieso gibt es keine einheitliche Regelung/Haustarifvertrag für alle Mitarbeiter?"
Die Zukunft: Sie wird rasch zeigen, ob Dreyers Plan aufgeht oder nicht. Zum Jahreswechsel laufen etwa beim Berliner Tagesspiegel die dpa-Verträge aus – und nicht, wie ursprünglich verlautbart, schon im Sommer 2010. Wird der "Tagesspiegel" abtrünnig? Das wäre eine Signalwirkung, die Büchner nicht schmecken dürfte. Binnen weniger Monate dürfte sich auch zeigen, ob das medienwirksamste Dreyer-Instrument seine Wirkung entfaltet oder der große Wurf misslang, mit gut einer Handvoll von der Tagesaktualität freigestellten "dapd Sources"-Redakteuren in einer Nachrichtenagentur eine Art ständiges Politmagazin zu installieren. Björn Sievers, der vor seiner Zeit bei Focus Online sechs Jahre selbst bei ddp gearbeitet hatte, notierte bereits folgerichtig in seinem Blog dieses "Missverständnis mit der Exklusivität" und riet Agenturen davon ab, auf Exklusivität zu setzen: "Investiert in Brot und Butter!"
Wirklich spannend dürfte auch werden, ob sich Dreyer damit zufrieden gibt, kein eigenes Sportprodukt auf den Markt zu werfen – zusätzlich zum Fotoangebot des Top-Sports, das er vor allem von der AP übernimmt. Im Interview mit MEEDIA sagte Dreyer gestern: "Solange es unabhängige Sportanbieter auf dem Markt gibt, sehen wir da keinen Handlungsbedarf." Also keine Alternative zum Sport-Informations-Dienst, einer Tochter des deutschen Ablegers der AFP, mit der dapd ohnehin im Clinch liegt? Gut möglich, dass Dreyer erst einmal an einem Konzept basteln will, bevor er in dieser Angelegenheit den Mund voll nimmt. In seinem Führungsstab ist jedenfalls längst zu erfahren, dass dapd für die Sport-Frage eine ganze Projektgruppe installiert hat. Zwei externe Berater inklusive.
Update 7. September, 8.50 Uhr: Berichtigt wurde die Angabe über Dreyers dpa-Stationen (nicht Chef Landesdienst Nord) und zum Wechsel Fischers zu dpa (nicht direkt von dapd).

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