Kachelmann: 67 Seiten Befangenheitsantrag

Es ist der Prozess des Jahres, doch der erste Verhandlungstag dauerte nur wenige Minuten. Noch bevor vor dem Landgericht in Mannheim am Montagmorgen die Anklage gegen Jörg Kachelmann wegen schwerer Vergewaltigung verlesen werden konnte, vertagte sich die Kammer. Grund ist ein Befangenheitsantrag der Anwälte des TV-Moderators, dessen Gründe in einem 67 Seiten umfassenden Schriftstück aufgelistet sind. Damit wollen die Verteidiger erreichen, dass der Vorsitzenden Richter Michael Seidling abgelöst wird.

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Bereits gestern schickten Kachelmanns Anwälte das Schreiben per Fax an die Geschäftsstelle, weshalb heute nicht einmal die Anklage verlesen wurde. Der Antrag erstreckt sich auch auf eine beisitzende Richterin. Ein schnelles Ende für den ersten Verhandlungstag, zu dem auch das mutmaßliche Opfer erschienen war. Die 37-jährige Radiomoderatorin wird als Nebenklägerin gleichfalls von einem Anwalt vertreten. Am kommenden Montag, 13. September, soll der Prozess fortgesetzt werden.
Im Verfahren geht es um die Anschuldigung von Kachelmanns Ex-Freundin, nach deren Aussage der Moderator sie vergewaltigt und mit dem Tode bedroht habe, nachdem sie ihn auf seine zahlreichen Affären angesprochen und die Beziehung beendet hatte. Vier Monate saß der 52-Jährige deshalb in Untersuchungshaft, am 19. Mai erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Ende Juli wurde er entlassen, weil Gutachten die Angaben der Frau dem Oberlandesgericht Karlsruhe zufolge nicht eindeutig stützten und es denkbar sei, dass die Anschuldigungen erfunden seien.
Auf Journalistenfragen erklärte Kachelmann-Verteidiger Reinhard Birkenstock, dass er zu Einzelheiten des Befangenheitsantrags gegen Michael Seidling und die Richterin Daniela Bültmann keine Auskunft geben werde. Birkenstock warf den Behörden, besonders der Staatsanwaltschaft, vor, sie hätten gezielt "die Medien gegen Herrn Kachelmann eingesetzt". So seien Falschinformationen breit gestreut worden, wie etwa, dass es DNA-Spuren des Moderators am "Tatmesser" gegeben habe, was nicht der Wahrheit entspreche.
Es ist aber davon auszugehen, dass sich das Begehren im Kern auf die Begründung stützt, mit der Vorsitzende Richter die Haftbeschwerde Kachelmanns abgelehnt hatte. Darin hatte Seidling ausgeführt, die Einlassungen des mutmaßlichen Opfers seien glaubwürdig, die des Inhaftierten dagegen nicht. Nach Überzeugung der Kammer ist Kachelmann dringend verdächtig, sich der "besonders schweren Vergewaltigung" und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht zu haben. Nach Aktenlage seien keine Anhaltspunkte vorhanden, die auf einen minderschweren Fall hindeuteten, so das Gericht am 1. Juli zur Begründung der Ablehnung der Haftbeschwerde. Aufgrund der bei Vergewaltigung in einem schweren Fall geltenden Mindestrafe von fünf Jahren Haft sei die Untersuchungshaft  gerechtfertigt.
Das Gericht wies explizit darauf hin, dass es  die Aussage des mutmaßlichen Opfers zur Tat sowie zum Geschehen vor und nach der Tat nach Aktenlage für "glaubhaft" halte. Demgegenüber seien die Einlassungen Kachelmanns zum Tatabend, zur Art der Beziehung und zum Bild seiner Persönlichkeit hingegen "wenig plausibel". Verteidiger Birkenstock hatte in diesem Zusammenhang von einem "Justizskandal" gesprochen. Das Oberlandesgericht hatte dieser Sichtweise als nächsthöhere Instanz widersprochen und den Moderator ohne jegliche Auflagen als nicht dringend tatverdächtig aus der Haft entlassen.
Aufgrund der Aussage der 37-Jährigen Radio-Moderatorin war Kachelmann nach seiner Rückkehr von den Olympischen Winterspielen in Vancouver am 20. März am Flughafen in Frankfurt verhaftet worden. Sie ist im Prozess als Nebenklägerin vertreten und war zum Verhandlungsbeginn im Landgericht erschienen. Zum Prozess hat Kachelmann sein Anwaltsteam ergänzt und wird nun auch von der Heidelberger Strafverteidigerin Andrea Combé vertreten.

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