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Chaos bei Springer-Preisverleihung

Trotz stets munterer Worte des Vorsitzenden Mathias Döpfner ("Mir geht es im Moment in dieser Krise erschreckend gut") und Rekordzahlen spart sich die Axel Springer AG 2009 die aufwändigen Gala-Veranstaltungen. Jemand bei der Axel Springer Akademie hatte darum wohl die Idee, die Verleihung für den Axel Springer Preis online live zu übertragen. Das ist modern und spart Geld. Die vermeintlich ebenso preiswerte wie innovative Idee wurde aber von technischen Problemen und chaotischem Chat-Geplapper überschattet.

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Trotz stets munterer Worte des Vorsitzenden Mathias Döpfner („Mir geht es im Moment in dieser Krise erschreckend gut.“) und Rekordzahlen hat die Axel Springer AG kein Geld mehr für Veranstaltungen übrig. Jemand bei der Axel Springer Akademie hatte darum wohl die Idee, die Verleihung für den Axel Springer Preis online live zu übertragen. Das ist modern und spart Geld. Die vermeintlich ebenso preiswerte wie innovative Idee wurde aber von technischen Problemen und chaotischem Chat-Geplapper überschattet.

Am Mittwoch, 5. Mai um 12 Uhr, sollte es losgehen mit der Online-Preisverleihung. Ein Countdown zählte rückwärts, ein Image-Filmchen mit Akademie-Leiter Jan-Eric Peters und ehemaligen Preisträgern stimmte ein. Oben drüber stand: „Hier sind Sie richtig!“ Leider lief danach vieles falsch. Um 12 Uhr passierte zunächst: nichts. Die Server bei Axel Springer waren offenbar komplett überlastet. Nach einigen Minuten ging dann zunächst die Chat-Box online, bei der Nutzer ungefiltert das Vorgehen kommentieren konnten. Auch dies nur auf dem Papier eine gute Idee. Die Macher bei der Axel Springer Akademie haben vielleicht noch nie einen Live-Chat über die Bühne gebracht. Es kam jedenfalls, wie es kommen musste – es ging wild durcheinander.

Jan-Eric Peters moderierte den Chat. Währen die Nutzer-Beschwerden über die mangelhafte Technik bereits im Sekundentakt eintrafen, begrüßte er noch in bester PR-Laune:

„Herzlich willkommen zur Verleihung des 18. Axel-Springer-Preises für junge Journalisten! Heute mit einer Premiere: Zum ersten Mal wird ein Journalistenpreis in Deutschland live im Internet vergeben. Vorhang auf!“

Der Vorhang blieb aber erstmal zu. Erst ganz allmählich bekam man bei Springer die Server-Last in den Griff. Es mochte vielleicht auch daran liegen, dass einige Nutzer genervt dem Online-Spektakel den Rücken kehrten. Chat-Dialoge wie der folgende waren typisch für die Veranstaltung:

Ragna: ist lustig hier….danke an die technik ;o)
Daniel AJ Sokolov: Wieso ist jetzt der bisherige text weg? Ich war grad noch beim lesen…
Judithvz: es funktioniert
coco: könnt ihr nicht vielleicht die preisträger auch im Chat bekannt geben? Bei mir funktioniert gar nüschts!
karla: und die preisträger erfahren das auch so über das internet????? oder gibt’s auch noch eine richtige verleihung? aber film läuft…

Ragna: grins
Lunes: Kann einer die Filme beschreiben?
Gruner: Gibt’s eigentlich ein Buffet hinterher?
Ragna: gäääääääähn

Und zwischendurch immer mal wieder Glückwünsche an die Preisträger und Dankesworte der Preisträger selbst und Einwürfe der Jury („ Jan-Eric Peters: Hallo Frau Schausten in Köln, kommen Sie durch?“) und Klagen der Nutzer und so weiter und so fort. Die Live-Übertragung versank im Online-Chaos der überforderten Technik und des nicht kanalisierten Geplappers der Chatter. Hätte man sich im Prinzip auch vorher überlegen können. Eine Live-Übertragung im Internet ist per se immer eine wackelige Angelegenheit. Da muss man schon ordentlich in die Server-Kapazitäten investieren. Vor allem, wenn man die Sache selbst über die nicht gerade reichweitenschwache Bild.de-Website groß ankündigt.

Für Unmut unter Nutzern sorgte auch die Verleihung des 2. Preises der Kategorie Internet an ein Team der Axel Springer Akademie. Beschwerden konterte Jan-Eric Peters mit dem Hinweis, dass es eigene Teams der Akademie besonders schwer hätten zu gewinnen:

„Die Jury ist unabhängig, das macht nicht die Akademie. Im Gegenteil: Weil die Jurys zu recht extrem auf ihre Unabhängigkeit bedacht sind, haben es Einreichungen aus dem eigenen Haus eher schwerer.“

Die Verleihung war noch nicht einmal wirklich live. Es wurden lediglich vorbereitete Filmchen eingebunden und der Chat bereitgestellt. Technisch sollte so etwas auch bei einiger Serverlast für einen Großkonzern machbar sein. Die Preisträger und ihre ausgezeichneten Beiträge gingen in dem Chaos komplett unter. Es wurde offenbar am falschen Ende gespart.

Gruner + Jahr wird seinen Henri Nannen Preis am Freitag ganz offline im Hamburger Schauspielhaus verleihen. Es gibt halt Dinge, für die ist das Internet nicht der richtige Rahmen. Jan-Eric Peters verkündete im Chat, dass die Preisträger des Axel Springer Preises auch noch nach Berlin eingeladen werden und neben einem „dicken Scheck“ (O-Ton Peters) auch etwas „Warmes für den Magen“ bekommen. Nach einer guten Stunde war der Spuk vorbei und das schmerzfreie Schlusswort von Jan-Eric Peters lief über den Chat. Immerhin bewies er ganz am Ende eine gehörige Portion Pragmatismus:

„Außerdem wird der vollständige Chat als Pdf veröffentlicht (damit Medienjournalisten und Blogger ein paar hübsche Stellen zitieren können, wenn sie sich lustig machen wollen ;-)“

Nach dem Motto: Wenn man sich schon blamiert, kann man wenigsten noch die Klicks mitnehmen. Es dürfte trotzdem die erste und letzte Preisverleihung dieser Art gewesen sein.

Der Vollständigkeit halber hier noch sämtliche Preisträger im Überblick:

I. Kategorie Print

1. Preis Lokale/Regionale Beiträge:

Jürgen Bock, Serie „Notfallversorgung in Stuttgart“, Stuttgarter Nachrichten vom 9. Februar bis 19. April 2008

1. Preis Überregionale/Nationale Beiträge:

Jan Grossarth, „Und vergib uns unsere Kohlenstoffschuld“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Mai 2008

1. Preis Wochen- /Monatspublikationen

Alice Bota, „Wo Geburt und Tod sich treffen“, Die Zeit vom 25. September 2008

II. Kategorie Fernsehen

1. Preis

Rebecca Gudisch, Tilo Gummel, „Kindersklaven“, gesendet am 15. August 2008 vom WDR (Redaktion „die Story“)

2. Preis

Florian Bauer, „Ein Angebot, Dopingverschleierung, Spanien – Über die Hintergründe einer Email“, gesendet am 19. Juli 2008 von ARD (Sportschau LIVE)

3. Preis

Lutz Ackermann, Anita Blasberg, Marian Blasberg, „Die Weggeworfenen – Geschichte einer Abschiebung“, gesendet am 17. Dezember 2008 vom ZDF

III. Kategorie Hörfunk

1. Preis

Anne Allmeling, Elif Senel, „Leben ohne Hayat – Was hinter einer Nachricht steckt“, gesendet am 19. September 2008 vom WDR 5 (Neugier genügt)

1. Preis

Ulrike Jährling, „Ein Leben wie in der Oper“, gesendet am 10. Dezember 2008 vom Deutschlandradio Kultur (Kinderfunk KAKADU)

3. Preis

Christoph Pfaff, Anneli Beyer: „Der Durchschnitts-Deutsche als Experiment“, gesendet am 14. Oktober 2008 von delta radio

IV. Kategorie Internet

1. Preis

Sebastian Christ, „Die Folgen der Entvölkerung“, www.stern.de/demografie , online seit: 1. September 2008

2. Prei

Team 4 der Axel Springer Akademie, „Machtmaschine“, http://www.macht-maschine.de , online seit 25. November 2008

(Team 4: Dörte Apel, Yvonne Beister, Christina Brüning, Hans von der Burchard, Gabriele Eisenrieder, Jan Friedrich Esser, Kritsanarat Khunkham, Martin Kleinemas, Alexander Kohnen, Katrin Löhr, Karen Merkel, Daniel Müller, Verena Töpper, Carl-Constantin Underberg, Christian Unger, Claas Weinmann, Lucas Wiegelmann, Franziska Wille, André Zeppenfeld)

3. Preis

Patrick Gensing, „Piratenpartei statt SPD: Die NPD auf dem Weg zur Regionalpartei“, http://npd-blog.info/?p=1178 , online seit Januar 2008

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