Sarrazin-Talkrunde: wie Fische an der Angel

Thilo Sarrazin ("Deutschland schafft sich ab"), sah sich gestern bei „Hart aber Fair“ innerhalb weniger Tage zum zweiten Mal Kritikern gegenüber. Das Format unterschied sich vom Beckmann-Montag, blieb aber in Farbe und Ergebnis mühsam und anstrengend: Fair war es schon - hart nicht. Die eigentliche Härte bestand für Zuschauer in einer tragischen Sammlung unverbundener Brüche. Der Wunsch danach, dass die Beteiligten sich gemeinsam in ein Boot setzen, um nach Lösungen zu suchen, blieb unerfüllt.

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Frank Plasberg aus Wermelskirchen, der eher steife Preuße unter den TV-Moderatoren, eröffnete die gestrige "Hart aber Fair"-Sendung  (Titel: "Rechthaber oder Rechtsausleger") angestrengt locker mit einem kleinen Scherz: Er verwies humoristisch auf die vielen Bäume, die für die Produktion von Thilo Sarrazins Buch fallen müssten. Niemand lachte. Unter anderem deshalb, weil niemand so wirklich verstehen konnte, was die ungelenke Bemerkung sollte.

Plasberg, der strukturierte Mann mit dem Charme einer Raufasertapete wählte mit seinem Warm-up-Joke einen bemüht unkonventionellen Einstieg in das Thema der letzten Woche: Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab", seine Bemerkungen zu "Juden-Genen", Migration und der Erblichkeit von Intelligenz. Sein Eingangs-Scherz verhallte unverbunden – haarscharf neben jeder intendierten Spur.
 Pars pro toto: Im Grunde genommen hätte man nach den humoristischen, ersten dreißig Sekunden abschalten können, weil jedem Zuschauer mit dem Misserfolg von  Plasbergs Anwärmwitz alle nötigen Informationen zum weiteren Verlauf – und zum qualitativen Ergebnis – der gesamten Sendung vorlagen. Das Resümee: Das Wesentliche blieb unverbunden.
Letztlich gelang es "Hart aber Fair" nicht, die Gäste als Protagonisten kontroverser Positionen miteinander auch nur ansatzweise in ein  gemeinsames Boot zu bewegen. Schade. Ein wenig traurig, aber sicher auch ein Symptom für das zugrunde liegende Thema.
Die Gäste waren zusammengekommen, um sich auseinanderzusetzen. 
Doch nur der zweite Teil dieses Satzes wurde spürbar: Auseinander. Es brach nicht einmal zusammen, was zusammen hätte gehören können, sondern mit wenigen Ausnahmen (Arnulf Baring) wurde auch die Bühne von "Hart aber Fair" für die individuellen Interessen der Selbstdarstellung Beteiligter genutzt: Zunächst einmal Plasberg selbst, der bei oberflächlicher Betrachtung für sich verbuchen kann, vieles anders gemacht zu haben, als Beckmann innerhalb seines moderativen Waterloos vergangenen Montag.
Allein: Der Vergleich hinkt, weil "Hart aber Fair" formatseitig offene Gesprächsräume durch Einspieler, kurze Beiträge und eine Bilanz eigegangener Zuschauer-Kommentare  so "wegstrukturiert", dass die wirklichen  Moderationsqualitäten von Plasberg in der Steuerung kontroverser, offener Gesprächssituationen sich nie einer detaillierten Prüfung unterziehen müssen. So hat er es leichter, als Beckmann & Co., und: Wer weiß, wofür das gut ist.
Immerhin hat Plasberg im Gegensatz zu Beckmann am Montag Sarrazin auf dessen Bitte hin ausreden lassen. Nicht ohne persönlich auf diesen Umstand zu verweisen.
Die Gäste des "fairen" und kaum "harten" Vereinzelungs-Szenarios: Rudolf Dressler, SPD-Mann und ehemaliger Botschafter in Israel, blieb so zurückhaltend am gestrigen Abend, dass man fast befürchtete, er sei in fortgeschrittenem Alter während der Sendung zwischenzeitlich ein wenig eingenickt.
Michel Friedmann, Sarrazin-Kritiker und vorwiegend narzisstischer Solariums- Moralist, kontrollierte sich für seine Verhältnisse relativ lange. Das sonnengebräunte, um sich selbst drehende Gesamtkunstwerk Friedmann fand zunehmend markige Worte und belegte – einmal wieder, wie wenig sein Nachname zum eigenen Verhalten passt: Friedmann beschrieb Sarrazins Äußerungen  als "respektlos und menschenverachtend". Sarrazin, so Friedmann, entfache "kein Begegnungsfeuer, sonder ein Brandstiftungsfeuer" und "huste Befremdungsängste aus". Wow.
Eine inhaltliche Annäherung an die mögliche Qualität dieser Einschätzungen verhinderte Friedmann selbst: Nicht jedem Zuschauer gelingt es, sich durch die gestisch-mimische (und moralisch künstlich aufgeregte) Selbst-Inszenierung Friedemanns durchzubaggern, um einen Bezug zu eventuell vorhandenen Inhalten herzustellen oder diese gar schätzen zu lernen.
Friedmann selbst war darüber hinaus bislang in der Gestaltung eigener Moderationsrollen ein Musterbeispiel für Moderatoren, die mit Druck und physischer Distanzlosigkeit überlebenswichtige Grenzen ihrer Gesprächspartner überschreiten.  Auch gestern konnte man kann nicht anders und blieb an jenen, inneren Bildern  hängen, wenn Friedmann als Plasberg-Gast von "Menschenverachtung" sprach.

Auch die deutsche Journalistin Asli Sevendim (WDR) mit türkischen Eltern wirkte  bei aller möglichen, "sachlichen Berechtigung" ihrer Beiträge in ihrer Sarrazin-Kritik polarisierend, aggressiv und ohne wirkliche Bereitschaft zur Verbindung.

Allein der seniore Historiker Arnulf Baring hielt die Füße auf der Erde: Er stritt sich, wenn ein Streit lohnte, kritisierte Polarisierungen und suchte immer einmal wieder Kontakt und Verbindung. Von Plasberg auf sein zwischenzeitliches Schweigen angesprochen, antwortete er: "Ich kann manches gar nicht beurteilen. Deshalb halte ich lieber den Mund."

Thilo Sarrazin selbst war dankbar, aussprechen zu können. Auch ihm rissen Verbindungen: Die Psychologin Elisabeth Stern, auf die sich Sarrazin in seinem Buch bezieht, entzog ihm als Antwort auf eine "Hart aber fair"-Frage die fachliche Berechtigung für seinen Bezug und daraus abgeleitete Schlüsse. Sarrazin ignorierte dies. Minuten später weitere Brüche: So geriet plötzlich das letzte Kapitel seines Buches – zentraler Bestandteil der Kritik seiner Gegner – zu einer vom Autoren  intendierten "Satire".
Die Brüche im Umfeld: Da prüft die SPD ein Partei-Ausschlussverfahren, während Umfragen ergeben, dass ca. 90 Prozent der Parteimitglieder Sarrazin stützen.
Und während im Vorstand der Bundesbank die Frage bewegt wird, ob Sarrazin als Mitglied des Vorstandes noch haltbar ist, trennt Sarrazin selbst bei Plasberg paradoxerweise sein Amt im Vorstand von der "privaten Autorenrolle" und verweist auf die "freiheitlich demokratische Grundordnung und die Meinungsfreiheit für private Autoren": Als gäbe es genetisch die Option auf zwei unabhängige "Sarrazine". Man hört zu und denkt: Mal ehrlich, das geht doch alles gar nicht, oder?
So geriet das Gemisch des unverbundenen Trennungsgewirrs auf allen Ebenen primär zu einer sozialen Belastung für Zuschauer. Bei allem Ernst des Themas blieb die Diskussion orientierungslos und zerfasert. Für einen Mann, der es innerhalb einer Woche über Beckmann und Plasberg in die Headlines von Bild, der B.Z. und Spiegel Online geschafft hat, ist die Außenwirkung Thilo Sarrazins als Person so spannend wie ein Testbild im TV. Vielleicht ist Sarrazin im Grunde seines Herzens sogar ein netter Typ, auch wenn er alles dafür tut, dass man es nicht so schnell merkt.
In jedem Fall bietet er auch Fläche für Projektionen aus allen Richtungen. Ein Teil von Wahrheit unter der Oberfläche mag sein, dass in der Tat große Themen von Deutschen letztlich ziemlich lausig geklärt werden konnten. Ein Teil der Wahrheit mag sein, dass Integration, dass Klarheit, Ehrlichkeit und Verbundenheit aus sehr verschiedenen Gründen – entgegen unserem Selbstbild – eben nicht zu unseren ganz großen, deutschen Kompetenzen gehören.
Vielleicht haben wir es zu wenig geschafft, Tabus aus dem tiefen Ernst historischer Vergangenheit integrativ, sensibel und selbstbewusst zu bewältigen. Vielleicht haben wir uns zu sehr darum gekümmert, wie man uns "von außen" sieht, wie man uns nicht mehr sehen darf, anstatt von innen her wirklich tragfähigen Konsens zu bilden. Vielleicht auch haben wir nie in nötiger Klarheit besprochen, was genau es etwa für uns bedeutet, wenn die Halbwertzeit der Wahlversprechen von Politikern sukzessive gegen Null geht.
Vielleicht haben wir insgesamt verlernt, Dringliches von Wichtigem trennen zu können. Und vielleicht sind wir – wie die Fische an der Angel – Opfer unserer eigenen Relativierungs- und Begründungsreflexe geworden: Immer im Blick, auf der "guten Seite" zu sein und andere zu finden, die Schuld an irgendetwas tragen.
Vielleicht haben wir – ganz leise, innerlich – die wirkliche Hoffnung aufgegeben, dass "die Dinge gut werden können" und kümmern uns lieber um die Frage, wann wir als Gewinner der nächsten Fußball-WM wieder die deutsche Fahne in die Kamera halten dürfen.
Vielleicht schauen wir sozialen Randgruppen in Doku-Soaps lieber zu, als uns ernst um unsere eigenen dürftigen, schwachen und ungerechten Facetten  zu kümmern. Die Wahrheit könnte sein, dass wir alle viel mehr "liegen lassen", als wir es anderen zu gestatten bereit sind.

Auf Sarrazins Spielfeld stehen mehr und komplexere Themen, als der Bundesbanker es wahrnimmt. Und: Wir alle spielen mit. Nun müsste nur noch verstanden werden, dass Kommentatorenrollen nur sehr begrenzt dabei helfen können, ein Spiel zu gewinnen. Und, dass etwas nötig ist, was weder Plasberg und Beckmann wirklich haben schaffen können: Klarheit. Ernst. Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, und: die Fähigkeit zur Verbindung.

Sarrazin ist eben auch pars pro toto, ob wir es wollen, oder nicht.

Wie es anders geht, konnte man im Übrigen bei Plasberg auch erleben, nicht nur an Arnulf Baring: Die Redaktion fragte Türken in Düsseldorfer und Kölner Brennpunkt-Bezirken danach, ob die Verpflichtung zur deutschen Sprache in der Verfassung festgeschrieben werden solle.

Die Antworten waren ebenso natürlich, wie praktisch und entspannt: „Klar, natürlich…warum nicht…" usw.

Für mich persönlich haben eben diese Antworten einen anstrengenden Fernsehabend gerettet.
Nachtrag am Donnerstag, 16.15 Uhr: Soeben vermeldet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass der Vorstand der Bundesbank am Nachmittag einstimmig beschlossen hat, bei Bundespräsident Wulff die Entlassung des Vorstandskollegen Sarrazin zu beantragen.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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