Sarrazin: Ein Mann wird zum Feind-Bild

Eine seltsame Dramaturgie: Erst baute die Bild Thilo Sarrazin als "Klartextpolitiker" auf und druckte Auszüge aus dessen Buch. Doch seit der SPD-Politiker von einem "Gen der Juden sprach" ändert sich der Ton. Via Titelzeile attackiert die Redaktion heute den Noch-Bundesbank-Vorstand. Unter der Überschrift "'Arschloch!' Sarrazin beschimpft Michel Friedman" erzählt die Bild die Geschichte eines gescheiterten Friedman-Interviews mit dem Buchautoren. Zudem nimmt sich nun auch Franz Josef Wagner Sarrazin zur Brust.

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Auf der ersten und zweiten Seite der heutigen Bild-Ausgabe erzählt das Boulevard-Blatt mit vielen Insider-Details die Geschichte des gescheiterten Interviews zwischen Sarrazin und Michel Friedman. Direkt nach der Buchvorstellung in der Bundespressekonferenz am Montag traf der jüdische Publizist und Moderator den SPD-Politiker, um mit ihm ein Interview für die B.Z., die wie auch die Bild von Springer verlegt wird, zu führen. "Das Gespräch endete im Eklat, Sarrazin beschimpfte Friedman als ‚Arschloch’", schreibt die Bild.

Offenbar war die Stimmung während des gesamten Gesprächs "furchtbar", wie sich der Publizist erinnert. Hauptthema sollen Sarrazins-Thesen zu einem angeblichen Juden-Gen gewesen sein. "Ich habe ihn gefragt, welches spezielles Gen damit gemeint sei und welche Eigenschaften ich aus diesem Gen zu erwarten habe", erzählt Friedman der Bild. Der Bundesbank-Vorstand soll dann zunehmend unwirsch auf die kritischen Fragen reagiert haben. "Am Ende brach Sarrazins Presseagent das Interview entnervt ab". Erst dann soll der umstrittene SPD-Politiker gesagt haben: "Herr Friedman, heute waren sie ein Arschloch."

Noch während Friedmann an der Transkription des Gesprächs arbeitete, bekam die B.Z.-Redaktion Post vom den Anwälten des Sarrazin-Verlages. Inhalt des Briefes: Das Springer-Blatt soll auf keinen Fall eine unautorisierte Version des Interviews drucken. Weiter erzählt die Bild, wie die Berliner-Redaktion brav den Text einreichte und eine völlig entschärfte Version zurückbekam. So weit, so normal im journalistischen Alltag. Dass die Bild der Autorisierung und der Anwaltspost soviel Platz einräumt, ist erstaunlich, genauso wie der Umstand, dass die überregionale Zeitung dem regionalen Boulevard-Blatt zur Hilfe eilt.

Es scheint fast so, als hätte sich Sarrazin mit der Diskussion über das angebliche "Juden-Gen" bei Springer wenig Freunde gemacht. Die Aussöhnung mit Israel ist im Berliner Medienhaus seit jeher ein hohes und geachtetes Gut. So heißt es in den Unternehmensgrundsätzen, die weitestgehend von Verlagsgründer Axel Springer bereits 1967 formuliert wurden: "Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes."

Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich auch Franz Josef Wagner via Brief zu Wort meldet. Er schreibt: "Ihre Ächtung geschah, als Sie von einem Gen der Juden sprachen." Weiter heißt es: "Ihr Buch ist wichtig. Aber was Sie in dem Interview über Juden sagen, ist scheiße, beschämend, widerlich."

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