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Ende des Hypes: Warum Twitter nervt

Es ist so eine Sache mit Twitter: Für die einen ist der 140-Zeichen-Dienst der schnellste Verbindungskanal zum Echtzeit-Web, für andere eine reine Schwatzbude. Rund 1000 Tage nach seinem Twitter-Start hat MEEDIA-Autor Nils Jacobsen Bilanz gezogen und festgestellt: Twitter nervt zunehmend. Der Mikroblogging-Dienst ist längst Mainstream, wird mit unnützen Informationen überflutet und verleitet zu immer unreflektierterem Mitteilungsdrang. Der Dienst wird zunehmend spaßfrei, der Hype scheint vorbei.

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Es ist so eine Sache mit Twitter: Für die einen ist der 140-Zeichen-Dienst der schnellste Verbindungskanal zum Echtzeit-Web, für andere eine reine Schwatzbude. Rund 1000 Tage nach seinem Twitter-Start hat MEEDIA-Autor Nils Jacobsen Bilanz gezogen und festgestellt: Twitter nervt zunehmend. Der Mikroblogging-Dienst ist längst Mainstream, wird mit unnützen Informationen überflutet und verleitet zu immer unreflektierterem Mitteilungsdrang. Der Dienst wird zunehmend spaßfrei, der Hype scheint vorbei.

Twitter und ich – das ist wie eine Beziehung, die in die Jahre gekommen ist. Nach mehr als 1000 Tagen trennt man sich nicht so leicht, aber die Gedanken, den Mikroblogging-Dienst zu quittieren, sind schon länger da. Damit stehe ich nicht alleine da: "Twitterfasten" nennen die einen ihre selbstgewählte Entzugskur, während die nackten Zahlen selbst eine klare Sprache sprechen: Um nicht mal 2 Prozent legte das Wachstum der deutschsprachigen Twitter-Accounts in den vergangenen drei Monaten zu – auf Jahressicht wurden noch 58 Prozent mehr Accounts registriert! Deutlich wird: Der Twitter-Hype ebbt ab und hat seinen Höhepunkt wohl überschritten.

Aber warum eigentlich? Nach fast drei Jahren Twitter-Nutzung sind es folgende fünf Punkte, die mich besonders nerven:

• Twitter im Mainstream

Eine Webseite, deren Nutzerzahlen von Lady Gaga angeführt wird, ist verdächtig. Vor rund einer Woche war es schließlich so weit: Die nur schwer erträgliche US-Popsirene hat den Twitter-Thron bestiegen. Das ist schlimm genug, doch schlimmer noch ist: Monate zuvor ging die Mikroblogging-Regentschaft an Britney Spears.

Vorbei sind die Tage, in denen Lance Armstrong zu den Top-Ten-Twitterern zählte und Trainingsfotos vom Kalokos aus Hawaii postete und sich Ashton Kutcher mit CNN ein legendäres Wettrennen um den millionsten Follower lieferte. Vorbei ist auch jene Zeit, als der Mikroblogging-Dienst eine Spielwiese für die Internet- und Medienbranche war und der ehemalige Xing-CEO Lars Hinrichs twitterte: "Finally 200 Followers".

Twitter ist im Mainstream angekommen, seit Oprah Winfrey den Mikroblogging-Dienst den Todeskuss verlieh – und das geschah bereits im vergangenen Jahr. Mainstream an und für sich muss nicht mal das Killerkriterium sein, schließlich muss mit Fug und Recht dasselbe von Facebook behauptet werden. Aber:

• Statisches Twitter: Wo bleibt die Weiterentwicklung?

Während Facebook in den vergangenen zweieinhalb Jahren in der Profil-Gestaltung, Interaktion und Feature-Entwicklung eine echte Evolution vollzogen hat, haben sich bei Twitter nur das Design und einige Twitter-Clients verändert. Natürlich: Minimalistisch soll es sein, das erklärt die Begrenzung auf 140 Zeichen von selbst. Aber: Neueingeführte Features wie Facebooks "Like"-Button vermisst man beim Mikroblogging-Dienst schmerzlich. Immer wieder liest man, Twitterer würden einen Tweet mit einem Klick einfach gerne "liken" statt ihn zu "retweeten".

Und dann sind da noch die unsäglichen "Down-Times", die den "Fail-Whale" zum Kult gemacht haben, die geknackten Accounts und verschwundenen und dann verdreifachten Tweets: Es gab wohl selten in der Internet-Geschichte einen hochgehypten Dienst, der so technisch störungsanfällig ist wie Twitter.

• Die Sache mit der Privatsphäre

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Das Grundkonzept von Twitter ist denkbar einfach: Wer etwas zu sagen hat, twittert es in 140 Zeichen. Und wenn er das nur interessant genug macht, werden ihm viele Leser folgen.

Anders als in sozialen Netzwerken wie Facebook und Xing brauchen die dazu jedoch keine Erlaubnis. Folgen kann jeder jedem – es sei denn, man blockiert einzelne Nutzer oder schützt seine Tweets vor der Öffentlichkeit. Dann kann man es aber auch gleich ganz lassen. Was Twitter fehlt, ist die Follower-Bestätigungsfunktion. Nicht zuletzt deshalb, weil kaum ein Twitterer mit der Öffentlichkeit, der er sich aussetzt, umgehen kann:

 • Von Informationsflut und – verlust: Ich bin, also twittere ich?

Segen und Fluch der sozialen Medien liegen bekanntlich sehr dicht beieinander. Auf der einen Seite bieten sie eine enorm effektive Möglichkeit, Informationen, die noch vor fünf Jahren linear per Mail, SMS oder Anruf mitgeteilt wurden, allen Freunden zugänglich werden zu lassen. Super: Die Urlaubbilder müssen nicht mehr an den ausgewählten Verteiler geschickt werden, sie werden mit einem Link einfach gepostet und so für alle Freunde sichtbar.

Und genau hier fängt das Problem an, das sich bei Twitter in schier unendlicher Weise multipliziert: Müssen alle wirklich immer alles wissen? Und schlimmer noch:  Weiß der Adressat beim Versenden seines Tweet eigentlich immer, dass wirklich die ganze Welt zu jeder Zeit lesen kann, was man in dem Augenblick mitzuteilen hatte?  Bei Betrachtung der Timeline wird schnell klar, dass manchem Twitterer die 140 Zeichen viel zu schnell von der Hand gehen – schließlich ist Twitter bekanntlich die "SMS an alle".

Das kann im Einzelfall durchaus unterhaltsam sein. Mit steigender Followerzahl gehen jedoch die eigentlich relevanten Nachrichten nach und nach unter. Natürlich kann man die irrelevanten Lautsprecher wieder entfolgen, aber was für ein Stress!

• Twitter-Stress: Zwischen Mitteilungsdrang und Rechtfertigungszwang
 
In ist, wer drin ist: Wer einmal begonnen hat, ernsthaft zu twittern und sich eine treue Followerschaft aufgebaut hat, möchte seinen Lesern auch etwas bieten – ansonsten wird die eigene Trägheit oder Langeweile mit "Entfolgen" abgestraft – Twitter-Manicas können sich über abtrünnig gewordenen Follower von Diensten wie "Unfollow" tatsächlich täglich unterrichten lassen.

Hier fängt der Mikroblogging-Dienst an, der durch seine dynamische Mitteilungsform in 140 Zeichen das Leben eigentlich erleichtern sollte, zum Stressfaktor zu werden: Man sollte mal wieder etwas twittern, man sollte es auch oft genug tun und natürlich hätte man gerne mehr Follower als seine Kollegen und Bekannten – so klingt Social Media Stress 2.0, wenn man ihn denn zulässt.

Wirklich irrwitzig wird es, wenn man sich dabei ertappt, dass man einen inneren Zwang verspürt, dass tägliche Leben auf Twitter abzubilden: Erlebnisse, die man gerade macht – Twitpic und passenden Tweet dazu. Freunde, die man gerade trifft: Checkin mit Foursquare plus detaillierte Mitteilung. Tolle Ausflüge, die man bei man irre tollen Sommerwetter unternimmt: Jubel-Tweet, "Hurra das Leben ist schön – und ihr alle müsst das wissen". Es gibt wohl Twitterer, die machen Dinge, weil sie sich anschließend so schön twittern lassen: Anstrengend ist das – für Twitterer und Gefolgschaft.

Und dann kann der Twitter-Stress ja auch noch in eine andere Richtung losgehen: Die Kollegen lesen schließlich immer mit. Da macht sich der betrunkene 4-Uhr-Tweet mit dem fortgeschrittenen Bar-Flirt nicht so wirklich gut, wenn man am nächsten Tag das Meeting verpasst. Und wie steht es eigentlich um die ausgedehnten Alsterspaziergänge, wenn man krankgeschrieben ist? Fest steht: Wenn der Mitteilungsdrang zum Rechtfertigungszwang wird, ist Twitter ernsthaft zum Problem geworden.

Daher gilt auch bei Twitter wie so oft im Leben: Weniger ist mehr – viel mehr!

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