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Bertelsmann-Chef: Substanz statt Glanz

Als Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski am Dienstag das Zahlenwerk seines Konzerns via Conference Call kommentierte, war seine Genugtuung spürbar. Der CEO redete nicht lange. Das brauchte er auch nicht, denn die Bilanz sprach für sich. Konzerngewinn um mehr als eine halbe Milliarde gesteigert, Umsatzrendite erstmals über 10 %: Das erste Halbjahr 2010 sieht Bertelsmann auf Rekordniveau, die Krise scheint Geschichte. Und der Vorstandschef sieht sich und seine Strategie auf ganzer Linie bestätigt.

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In einer Geschwindigkeit, die viele Experten noch vor Monaten für unmöglich gehalten hätten, hat sich der größte deutsche Medienkonzern erholt. Dabei war der konjunkturelle Aufschwung, abzulesen vor allem an dem Ergebnis der RTL-Group, sicher ein wichtiger Faktor. Dass die Bilanz allerdings so lupenrein ausfällt, ist Folge der energischen Kostensenkungspolitik, die Ostrowski allen Unternehmensbereichen bereits im Herbst 2008 verordnete. Die Nüchternheit und Bodenständigkeit, die den 52-Jährigen charakterisieren und von Beobachtern mit Blick auf seine Position oft als Makel interpretiert werden, ließen angesichts der aufziehenden Weltkrise im Denken des Managers keine andere Option als eine frühe und entschlossene Reaktion auf die unausweichliche Werbeflaute.
Das kühn erscheinende Sparprogramm im Volumen von einer Milliarde Euro war ein unternehmerischer Reflex, eine Notbremse, die Schlimmeres verhüten und die Handlungsfähigkeit erhalten sollte. Das passte in einem traditionell dezentral geführten Konzern wie Bertelsmann nicht jedem, das führte zu Diskussionen wie auch zur Frage, ob das Management den Bogen nicht überspanne und im Sparwillen zu ehrgeizig sei. Dabei war das Kostenprogramm nur die eine Seite der Krisenmaßnahmen. Aus seiner Zeit an der Spitze des Dienstleisters Arvato hatte Ostrowski Erfahrungen in den robusteren Segmenten des Konzerns gesammelt und gelernt, dass diese nur durch ständige Wandlung und Anpassung an die Märkte auf Dauer überlebensfähig bleiben.
So intensivierte der Vorstand trotz der Sparzwänge seine Bemühungen in den wachstumsstarken Geschäftsbereichen. Unter dem Ostrowski-Vertrauten Markus Dohle, dem dieser das US-Buchgeschäft anvertraute, machte Random House einen Gewinnsprung und entwickelte die E-Book-Sparte zum Wachstumsmotor. Auch das China-Geschäft zählt inzwischen zu den Hoffnungsträgern für die langfristige Unternehmensentwicklung. Und auch wenn man in Gütersloh nicht offen darüber spricht, erledigt Arvato seit Jahren elementare Aufgaben als Partner von Weltmarktführern im Digitalgeschäft.
Substanz statt Glanz: Mit seiner unternehmerischen Philosophie der Nachhaltigkeit hat Hartmut Ostrowski die Gesellschafter offensichtlich überzeugt. Er selbst beschreibt die konjunkturelle Achterbahnfahrt der vergangenen Monate nüchtern: „Nach dem steilen Abstieg kam der steile Aufstieg.“ Und natürlich will er sich auf eine langfristige Prognose trotz angehobener Gewinnerwartung nicht festlegen. Für die konjunkturelle Entwicklung fehle ihm „die Visibility“, sagt er.
Da hat auch er hinzulernen müssen. Seine Aussage zum Amtsantritt, Bertelsmann werde bis 2015 den Umsatz auf 30 Milliarden Euro bei einem Gewinn von drei Milliarden Euro steigern, erwies sich in der Krise als größte PR-Hypothek. Aber auch wenn die Prognose trotz der aktuellen Halbjahresbilanz angesichts der Wirtschaftslage unrealistisch bleibt, so ist sie weiter Ausdruck der Willenskraft, mit der der Ostwestfale Ostrowski den Herausforderungen der Weltmärkte begegnet. Die Krise hat der Konzern unter seiner Führung – vorerst – eindrucksvoll besiegt, ebenso die hier und da geäußerten Zweifel an seiner Effizienz als Topmanager widerlegt. Die Zeit als Troubleshooter scheint vorbei, jetzt kann sich Hartmut Ostrowski den Visionen widmen.

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