Sarrazin “ist zweifellos ein Rassist”

Publishing Sein Buch ist seit dem heutigen Montag im Handel, doch schon vor dem Verkaufsstart von "Deutschland schafft sich ab" sorgt Thilo Sarrazin mit seinen Thesen für Aufruhr. Die taz kommentiert den Fall als einen "heilsamen Schock für Deutschland" und bezeichnet Sarrazin "zweifellos" als "Rassist". Die Sueddeutsche tut das "Gutmenschentum" des Autoren als "Gegenteil von gut" ab. Auch der Tagesspiegel sieht bei der "Skandalnudel" Sarrazin ein "Wunschdenken", das "stärker ist als die Liebe zur Wahrheit".

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taz.de:
"Wird Deutschland immer dümmer? Zumindest was Thilo Sarrazin betrifft, muss man diese Aussage wohl bejahen. Statt klug zu werden aus dem Schaden, der ihm vor fast einem Jahr durch ein umstrittenes Lettre-Interview entstand, legt er jetzt noch einmal nach. Mit seinem Buch gibt er nicht nur seinen Gegnern, sondern auch bisher Wohlmeinenden rund 450 Seiten Argumente an die Hand, seinen Ausschluss aus der SPD und seine Abberufung als Bundesbank-Vorstand zu fordern. Fast muss man Sarrazin dankbar sein, dass er so für Klarheit sorgt. Nein, seine bisherigen Ausfälle waren keine Ausrutscher, sondern hatten System: Er ist zweifellos ein Rassist.
Für Deutschland ist der Fall Sarrazin ein heilsamer Schock. Es ist höchste Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, rassistische Überzeugungen würden stets in Bomberjacke und Springerstiefeln daherkommen. Wie man sieht, können sie auch in Bankiersanzügen und in Chefetagen prächtig gedeihen."
Fr-Online.de:
"Was die intellektuelle Beurteilung Sarrazins betrifft, treffen sie ins Schwarze. Doch das dürften sie nicht auf sich beruhen lassen. Andernfalls muss man sich ernsthaft Sorgen über den Zustand des krisengeschüttelten Finanzsystems machen. Immerhin ist der Hobbyautor Sarrazin im Vorstand der wichtigsten Notenbank der Eurozone für das Risikocontrolling zuständig. Ein solches Amt kann doch nicht ernsthaft jemand bekleiden, den in der Finanzbranche niemand mehr ernst nimmt.
In der Krise hat die Gesellschaft die Banken mit Steuermilliarden gerettet. In Euro und Cent werden die Finanzinstitute das vermutlich nie zurückzahlen können. Und jetzt lassen sie die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, zumindest moralisch etwas an die Gesellschaft zurückzugeben."
Sueddeutsche.de:
"Aber das ist gar nicht das Problem, Fehler gibt es in jedem Buch. Auch nicht das Missverhältnis von der Größe der Aufgabe (Rettung Deutschlands) zur Begrenztheit der Rezepte (Sozialhilfekürzung). Das Problem ist die Grundeinstellung des Autors, die Pseudo-Objektivität, der gnostische Selbsterlösungsglaube: Man muss nur die richtigen Schrauben drehen und Knöpfe drücken, und der Niedergang ist gestoppt. "Mit den Worten einer untergegangenen Sprache rufe ich der Politik zu: Hic Rhodus, hic salta!" – so endet Sarrazins Buch. Mit einem Heilsversprechen: Mit ein bisschen Härte und ein paar Patentrezepten wird sich die Lage schon zum Guten werden. Das ist Sarrazins Gutmenschentum. Es ist das Gegenteil von gut."
Tagesspiegel.de
"In einem Punkt möchte ich den Sarrazinkritikern widersprechen, auch wenn ich mir den Vorwurf der menschenverachtenden Diskriminierung einhandele. Der Satz ‘Kein Mensch wird dumm geboren’ ist Unsinn, Gefasel und Politfolklore. Es gibt durchaus intelligente und unintelligente Menschen. In so manchem Oberstübchen lässt sich auch mit noch so viel Mühe kein Lichtlein entzünden, einige dieser Fälle sind mir sogar persönlich bekannt. Das Problem besteht nicht darin, zu sagen: „Ein dummer Mensch.“ Die Probleme beginnen erst dort, wo man ganze Menschengruppen zu geborenen Dummköpfen oder Intelligenzbestien erklärt. Wenn aber offensichtliche Wahrheiten einfach bestritten werden – es gibt nun mal Intelligenzunterschiede, sie sind zum Teil angeboren, nicht jeder kann, auch mit noch so viel Förderung, ein Einstein werden – , wo also das Wunschdenken stärker ist als die Liebe zur Wahrheit, da öffnen sich natürlich alle Türen für Skandalnudeln wie Thilo Sarrazin. Was aber die dummen Menschen betrifft: Es gibt Schlimmeres, zum Beispiel die bösen, die ignoranten oder die lästigen Menschen."

Financial Times Deutschland
"Wenn sich die Aufregung um die verbalen Irrläufer aus dem Wortschatz des Thilo Sarrazin wieder gelegt hat, wird eines bleiben: die Gewissheit, dass Deutschland ein Problem mit seinen Zuwanderern hat. Und die Neigung von immer mehr Menschen, diesem Problem mit schlichter Ablehnung zu begegnen. Doch diese Reaktion ist gefährlich, menschlich wie ökonomisch. Und es ist an der Politik, aber auch an der Wirtschaft, das unmissverständlich klarzustellen. Die Wirtschaftsverbände drängen schon lange darauf, die Zuwanderung Hochqualifizierter zu verbessern. Genauso sollten sie Bund und Länder drängen, das Abdriften von Migranten der zweiten und dritten Generation in Parallelgesellschaften zu bremsen."
Neue Osnabrücker Zeitung
"Querdenker sind gut. Sie rütteln am Konsens. Sie werfen Lichter auf Probleme, die die Mehrheit als gegeben akzeptiert oder bis dahin gar nicht mal gesehen hat. Thilo Sarrazin allerdings denkt längst nicht mehr quer – sondern verquer. Der Unterschied dazwischen ist größer, als die drei Buchstaben es vermuten lassen. Aus einem ungewöhnlichen, aber intelligenten Einwurf wird so im besten Fall dummes Gerede, im schlimmsten Fall noch mehr. Dann nämlich, wenn jemand wie Sarrazin sich ein märtyrerisches Mäntelchen umhängt und dabei von manchen noch beklatscht wird.
In diesem Fall geht es nicht nur um die Peinlichkeit, der Sarrazin sich aussetzt. Er nimmt eine gesellschaftliche Rolle für sich in Anspruch, die ihm in keiner Weise zusteht. Wer in Sachen Juden mit Genetik argumentiert, bewegt sich nicht nur wissenschaftlich auf denkbar dünnstem Eis. Er tut dies auch historisch und moralisch, und, fast schlimmer noch, er weiß das genau."
Haz.de
"Wenn die Behauptung von Sarrazin stimmt, dann wird mit einem Schlag einiges klar: Dass sich Menschen zu Glaubensgemeinschaften zusammenschließen, muss an einem gemeinsamen Gen liegen: Alle Christen teilen ein bestimmtes Gen, alle Anhänger des FC Bayern München teilen ein bestimmtes Gen, alle Ferraristi teilen ein bestimmtes Gen. Wenn der Christ vom Christentum abfällt, verliert er dann sein Gen, wie der Bayern-Fan, der plötzlich für Werder schwärmt? Man muss sich nur mal solche Fragen stellen, dann kommt die Frage, ob das, was Sarrazin da erzählt, nicht vielleicht doch spinnertes Zeug ist, von ganz alleine."
Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Bluemcron im Interview mit der taz:
"Dieser Text ist leider ein Abbild der Art und Weise, wie in vielen Teilen dieses Landes über Integration geredet wird. Damit muss man sich auseinandersetzen, das kann man nicht verdrängen. Sarrazin provoziert, aber das allein spricht nicht dagegen, diesen Text zu drucken."

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