Anzeige

„TV-Serien sind der neue Pop“

Musikfans gelten als strukturkonservativ. Es ist also nicht einfach die Lieblingszeitung von sturen Dylan- oder Springsteen-Anhängern umzubauen. Genau das versucht der neue Rolling Stone-Chefredakteur Rainer Schmidt. Im MEEDIA-Interview erklärt er, wie und warum er das Springer-Magazin umbaut, dass die Prince-Ausgabe ausverkauft ist und warum aufgeklebte CDs kein Allheilmittel für die Musikpresse ist. Zudem verrät Schmidt, dass in wenigen Wochen der Web-Auftritt komplett umgebaut wird.

Anzeige

Elvis Costello soll gesagt haben: Über Musik zu schreiben, ist wie zu Architektur zu tanzen. Kann man überhaupt so über Musik schreiben, dass man nur annähernd fühlt, um was es in der besprochenen Musik geht?
Musik in Worte zu fassen, das zu verbalisieren, was andere fühlen, ist die vornehmste und schwierigste Aufgabe von Musikjournalisten. Mit Kollegen wie Maik Brüggemeyer und Arne Willander aber auch vielen anderen haben wir wahre Meister dieser Disziplin in der Rolling Stone-Redaktion.
       
Gefährdet das Internet das Handwerk dieser Meister? Dort gibt es doch zu jedem Album mittlerweile unzählige Rezensionen.
Eine Gefährdung sehe ich trotzdem nicht. Die Kernkompetenz des Rolling Stone sind Kritiken und Rezensionen auf höchstem Niveau. Unsere Qualitätsstandards sind hoch, und genau das suchen und schätzen unsere Leser. Sie wissen, dass sie unserem Urteil vertrauen können.  

Wie hat sich der Rolling Stone im vergangenen halben Jahr verändert?
Stark. Wir haben viele neue Ideen, Rubriken und Kolumnen umgesetzt und gleichzeitig ein wenig aufgeräumt. Nur ein paar Beispiele: In der Rubrik Cover-Stories erzählen Schauspieler und Künstler über ihre Lieblingsplatten. Joachim Hentschel schreibt in jeder Ausgabe über Jugendtrends, Arne Willander über TV-Ereignisse, insbesondere über Serien. Denn wir wissen ja alle: TV-Serien sind der neue Pop…
        
Das sind viele kleine Neuerungen. Aber auch im Großen bauen sie doch gerade massiv den Rolling Stone um.
Richtig ist, dass wir bewusst die thematische Öffnung des Rolling Stone vorantreiben und uns entsprechend weiterentwickeln. Mir ist es wichtig, dass bei uns interessante Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen über Musik, Kultur oder Politik sprechen. Bei uns kamen deshalb schon so unterschiedliche Leute zu Wort wie Maxim Biller, Frank Schirrmacher, Neo Rauch, Tim Renner, Jürgen Trittin oder Gregor Gysi.

Ist die US-Ausgabe thematisch noch weiter geöffnet als die Deutsche?
Ich würde sagen ja, allerdings ist die Ausgangslage auch eine andere. In den USA ist der Rolling Stone schon seit Jahrzehnten eine gesellschaftliche Institution und blickt auf eine ganz andere Tradition zurück. Die gibt es in dieser Form in Deutschland nicht, auch wenn der Rolling Stone hierzulande ein scharfes, starkes und politisches Profil hat.
        
Wie sieht das politische Profil des Rolling Stone aus dem Hause Springer aus?
Wir sind streng liberal im angelsächsischen Sinne.
       
Schlagen sich die Änderungen auch positiv in der Auflage wieder? In den ersten zwei Quartalen stagnierte noch der Verkauf.
Derzeit sind wir sehr zufrieden. Nicht nur die Leserreaktionen sind positiv, auch die Auflage steigt kontinuierlich. Und unser Prince-Heft ist komplett ausverkauft.
       
Kurze Erklärung: Auf das Magazin war die aktuelle Prince-CD aufgeklebt. Zugleich gab es die Platte nicht im Verkauf und im Heft gab es noch eine große Story über den Star.
Absolut richtig – wir hatten Prince exklusiv in Deutschland im Rolling Stone.

Warum verschenkt ein Mann wie Prince sein Album?
Prince bindet sich schon seit Langem nicht mehr an eine Plattenfirma, sondern sucht immer nach neuen Wegen, seine Musik zu vermarkten. So hat er vor rund drei Jahren bereits ein Album in England über die "Mail on Sunday" vermarktet. Zudem wurde die Platte nicht verschenkt. Das Heft war moderate 1,49 Euro teurer und damit natürlich auch wirtschaftlich erfolgreich.
       
Sie hatten also nicht das Gefühl, dass die Ausgabe eine Prince-Promo-Nummer war?
Nein, für uns hat das journalistische Gesamtpaket gestimmt. Wir hatten einen exklusiven Termin bei Prince und waren schreiberisch und in der redaktionellen Gestaltung völlig frei. Dass der Künstler von der Berichterstattung eventuell profitiert, liegt in der Natur der Dinge, nicht nur im Musikjournalismus – das ist beim aktuellen Time-Titel mit Jonathan Franzen nicht anders als bei einem Spiegel-Titel über Bernd Eichingers "Der Untergang".   
        
Hat Springer für die Prince-CD gezahlt?
Ich freue mich darüber, dass sich Prince für den Vertrieb seiner neuen Platte in Deutschland exklusiv für den Rolling Stone entschieden hat. Für die vertraglichen und verlagsseitigen Einzelheiten bin ich als Chefredakteur nicht zuständig.
       
Werden sich Musikzeitschriften langfristig ändern, so dass immer öfter komplette Alben aufgeklebt werden?
Das glaube ich eher nicht. So oft gibt es schließlich auch keine Künstler von absolutem Weltrang, die bereit und in der Lage sind, so etwas in dieser Konsequenz auszuprobieren. Darüber hinaus muss eine solche Aktion immer auch zum Rolling Stone passen.

Neben dem Rolling Stone sind Sie auch noch Chefredakteur des Musikexpress. Werden beide Hefte in einer Gemeinschaftsredaktion erstellt?
Nein. Es gibt zwei getrennte Redaktionsteams. Alles andere würde keinen Sinn ergeben. Beide Magazine sind inhaltlich sehr unterschiedlich.
       
Wie unterscheiden sie sich?
Der Rolling Stone ist der moderne Klassiker, der sich aus dieser Haltung heraus mit allen musikalischen und ganz selbstverständlich auch mit gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Der Musikexpress orientiert sich stärker an aktuellen Zeitströmungen und Trends. Um es etwas anschaulicher zu machen: Prince gehörte natürlich auf das Stone-Cover, die Abschiedsgeschichte des Bloggers Airen über Deutschlands berühmtesten Club Berghain stand natürlich im Musikexpress.  
        
Neben dem Rolling Stone und dem Musikexpress gibt Springer auch den Metal Hammer heraus. Ist es für den Verlag sinnvoll, drei Musikmagazine mit jeweils doch bescheidenen Auflagen zu verlegen?
Ich bin kein Verlagsmanager, aber aus meiner persönlichen Sicht definitiv ja. Alle drei Titel sind erfolgreich und Marktführer in ihrem Segment. Hinzu kommt, dass es in diesem Haus einfach eine große Leidenschaft für Musik gibt.
       
Trotzdem kann der Status-Quo nicht das Ziel sein. Woran arbeiten Sie gerade?
Wir arbeiten mit Hochdruck an einem Relaunch der Rolling Stone-Webseite, um künftig noch aktueller arbeiten zu können.  
       
Stellen sie dann endlich auch alle Platten-Rezensionen online?
Lassen Sie uns zur redaktionellen Aufmachung unseres Online-Angebotes nochmal sprechen, wenn wir live sind.
       
Wann kommt denn die neue Homepage?
Ich gehe davon aus, dass wir sie noch im Herbst sehen werden. Parallel arbeiten wir aber auch an neuen Printangeboten. In den nächsten Wochen kommt die erste Ausgabe des Style-Sonderhefts vom Musikexpress –  me.style – mit einer 90-seitigen Modestrecke. Dafür sind zwei renommierte Fotografen durch Berlin gezogen und haben den Streetstyle der Metropole festgehalten. Das Heft wird ein Bildersturm, wie ich ihn lange nicht mehr gesehen habe.
        
Im Rolling Stone dürfen jetzt Politiker über Popmusik schreiben und Maler wie Neo Rauch das Titelbild gestalten. Was glauben Sie: Wie weit können sie die experimentelle Öffnung dieser traditionellen Musikmarke noch vorantreiben?
Das werden wir sehen. Durch solche Geschichten und die Veränderungen wird dem Rolling Stone eindeutig mehr Aufmerksamkeit zuteil, was uns natürlich freut. Gleichzeitig begleiten die Stammleser die Öffnung mit großem Interesse und – bei aller gelegentlichen Kritik – mit großem Wohlwollen. Das ist eine gute Ausgangslage für die Zukunft.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige