Tabloid: Das überschätzte Kleinformat

Lange Zeit galt das Tabloid-Format als Wunderwaffe im Kampf der Tageszeitungen gegen Auflagenschwund. Erfolgreiche Gratiszeitungen und ermutigende Signale von der Tabloid-Umstellung der Londoner Times machten deutschen Verlegern Hoffnung. Billiger, flexibler und moderner sollte das kleine Format sein. Mittlerweile macht sich Ernüchterung breit. Die meisten jungen Tabloid-Titel sind eingestellt. Bei den Tabloid-Umstellungen der Frankfurter Rundschau und dem Handelsblatt bleiben positive Effekte bislang aus.

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Am 30. Mai 2007 stellte die Frankfurter Rundschau ihr Format in einem radikalen Relaunch vom großen Nordischen Format auf das handliche Tabloid-Format um. Anfangs experimentierte die Redaktion mit einem extrem magazinigen Ansatz, die Titelseite wurde mit einem einzigen, großen Foto aufgemacht. Mittlerweile ist die FR auf dem Titel wieder zu einer traditionelleren Zeitungsoptik mit Bild, Aufmachertext und mehreren kleinen Texten zurückgekehrt. Die Hoffnungen, die mit dem Neustart verbunden waren, haben sich bisher aber nicht erfüllt. Die Frankfurter Rundschau gilt trotz aller Spar-Anstrengungen und Radikal-Relaunch immer noch als defizitär.

Auch für die Auflage brachte die Umstellung keine Impulse. Im Fünf-Jahres-Trend legt der Einzelverkauf der FR um fünf Prozent zu, im Zwölf-Monats-Trend geht der Einzelverkauf dagegen wieder um drei Prozent zurück. Gerade wurde bekannt, dass DuMont Schauberg weitere 30 bis 50 Mitarbeiter vor allem aus der Redaktion abbauen will. Positive Effekte durch die Formatumstellung sind nicht zu erkennen.

Das Handelsblatt hat Anfang November 2009 auf das Tabloid-Format umgestellt. Die Wirtschaftszeitung wollte sich damit einen moderneren Anstrich geben und inhaltlich flexibler werden. Dass man intern die Umstellung als nicht ganz unproblematisch erkannt hat, sieht man aber schon daran, dass der Verlag das neue Format als "Business-Format" propagierte und nicht als Tabloid. Mit dem Wort Tabloid verbindet man eben immer noch krawallige Boulevardzeitungen oder Gratis-Titel wie "20 Minuten", die als Pendler-Zeitungen traditionell auf das kleine Format setzen.

Auch beim Handelsblatt brachte die Umstellung keine positiven Auflagen-Effekte. Der Kioskverkauf sinkt im Zwölf-Monats-Trend um 17 Prozent, der Gesamtverkauf um ein Prozent. Allein die weichen sonstigen Verkäufe steigen im Zwölf-Monats-Vergleich um sechs Prozent. Im langfristigen Fünf-Jahres-Trend geht der Einzelverkauf sogar um 34 Prozent zurück und die sonstigen Verkäufe steigen um 20 Prozent. Holtzbrinck, der Mutterkonzern des Handelsblatts, hat schon vorher schlechte Erfahrungen mit dem Format gemacht. Die jungen Billigtitel 20 Cent und News, die beide ebenfalls als Tabloid erschienen, wurden wegen Erfolglosigkeit recht schnell wieder vom Markt genommen.

Neben den klassischen Boulevardzeitungen, wie der Hamburger Morgenpost oder der B.Z. in Berlin, gibt es als junges Tabloid nur noch die Welt Kompakt am Markt. Diese wird aber mit 70 Cent deutlich billiger verkauft als die große Welt und Axel Springer weist die eigene Auflage der Welt Kompakt nicht aus. Die Welt Kompakt ist also weniger eine eigenständige Tabloid-Zeitung sondern vielmehr ein preisgünstiges Anhängsel der Welt in etwas modernerer Anmutung. Mit der FR oder dem Handelsblatt lässt sich die kleine Welt nicht vergleichen.

Alles in allem sind die hohen Erwartungen an das Tabloid-Format nicht erfüllt worden. Handlicher sollte es sein, eine flexiblere Gestaltung der Zeitung ermöglichen, die Zeitung magaziniger machen und nicht zuletzt Papier- und Druckkosten sparen. Womöglich sind Zeitungsleser aber strukturkonservativer als man in den Verlags-Chefetagen hoffte. Eine große Zeitung ist einfach ein gelerntes Kulturgut. Eine kleinformatige Zeitung steht dagegen für den schnellen Konsum unterwegs. Die Vorteile beider Welten zusammenzubringen ist offenbar schwieriger als viele dachten.

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