„Welt verlor den herzlichsten Querulanten“

Mit großer Anteilnahme gedenken die meisten Medien des Regisseurs und Künstlers Christoph Schlingensief. Mit ihm verlor "die Welt den vielleicht herzlichsten Querulanten", meint Till Briegleb in der SZ. Die Taz rühmt die "berührende Kraft der Kunst" und die Welt erinnert daran, dass der Regisseur oftmals als "Medienclown" missverstanden wurde. In seinem letzten Blogeintrag schrieb Schlingensief selbst: "Die Bilder verschwinden automatisch und übermalen sich so oder so!"

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Michael Althen, F.A.Z:
"Man hoffte für ihn. So wie alle mit ihm gehofft haben, die sein öffentliches Sterben berührt hat. Selbst das geriet ihm noch zum Kunstwerk, das Ringen um Hoffnung, das Hadern mit dem Sterben, der paradoxe Versuch, gerade im Schreiben und Reden darüber das Eigene zu bewahren. Um der Angst, dem Schweigen, der Verlegenheit keine Macht zu geben über das, was vom Leben übrig blieb. Natürlich war das eine Gratwanderung, natürlich konnte das schiefgehen, aber schließlich war das bei Schlingensief von jeher Programm: Scheitern als Chance. Da sagt sich so dahin, weil es gut klingt, aber es unterschlägt, dass man das erst einmal aushalten muss. Dass man das nur sagen kann, wenn man auch bereit ist, den Preis dafür zu zahlen. Denn Scheitern ist im heutigen Kulturbetrieb weniger denn je eine Option. Das Gelungene, das Verträgliche, das Verständliche sind die Norm, und dass im Scheitern ein Gewinn läge, ist nur noch graue Theorie."
Till Briegleb, Sueddeutsche.de:
"Als Christoph Schlingensief dann 2008 die Diagnose erhielt, er habe Lungenkrebs, fühlten alle, die ihn kannten, dass sich diese Krankheit nie so geirrt hat, wie mit dieser Strafe. Wie er bald damit begann, schonungslos seine Angst vor dem Tod zum Zentrum seiner Arbeit zu machen, aber vor allem, wie er dabei weder seinen Humor, noch seine Aufrichtigkeit und Poesie verlor, das machte diese Selbstbetrachtung zu einer der intensivsten und fruchtbarsten Auseinandersetzungen mit dem Sterben, die je unternommen wurden. Dass am Ende dieses Streits der Tod auf ihn warten würde, war sicher. Dass er so bald kommen würde, wollte sich niemand vorstellen. Heute verlor die Kunst ihren tollsten Jungen. Und die Welt den vielleicht herzlichsten Querulanten, den es je gab."
Katrin Bettina Müller, Taz.de:
"Als Kind malt man sich manchmal aus, wie wohl die eigene Beerdigung wäre; wie traurig dann alle die wären, die einem im Leben immer unrecht tun. Und man tröstet sich so ein wenig über das eigene Unglücklichsein hinweg. Sich etwas von diesem geträumten Trost noch in sein reales Leben hineinzuholen, ist Christoph Schlingensief mit jenen drei Inszenierungen gelungen, in denen er seine Angst vor dem Tod und die Wut über die Ungerechtigkeit der Krankheit Krebs verhandelte: "Der Zwischenstand der Dinge", "Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" und "Mea Culpa". Er gab seinem Publikum und dem Theater damit den Glauben an eine berührende Kraft der Kunst zurück, und verwandelte das Unglück der Krankheit öffentlich in eine Erfahrung des Glücks, von allen geliebt zu werden. Das war vor zwei Jahren. Am Samstag ist er mit 49 Jahren seiner Krankheit erlegen.
Das Theater hat mit ihm einen seiner produktivsten Zweifler verloren und Deutschland womöglich einen seiner unterhaltsamsten Intellektuellen. Er war sich nie zu fein, zu allem Gefragten Stellung zu beziehen, in jedes Mikrofon zu sprechen und den Provokateur zu geben, wo immer man den Provokateur von ihm wollte. Auch wenn er wusste, wie er in einem Gespräch bekannte, dass er sich damit auch verbrauchte."
Andreas Rosenfelder, Welt.de:
"Man hat Christoph Schlingensief Aktionismus vorgeworfen, ihn als Medienclown missverstanden. Dabei erinnerte er die zutiefst abgeklärte Kulturszene einfach nur daran, dass Handeln möglich ist, ohne jeden Sinn für Widersprüche über Bord zu werfen. Einmal, das war in Köln nach einer etwas verkrampften Podiumsdiskussion über "Die Kraft der Negation", ahmte Schlingensief abends in einer Cocktailbar eine Aktion von Joseph Beuys nach, die ihn für sein Leben geprägt hat: "Ja ja ja ja ja", seufzte er immer wieder mit geschlossenen Augen, und im Wechsel dazu: "Nee nee nee nee nee." Niemand hat mehr Zweifel, mehr nackte Angst in seine Kunst eingebracht als Schlingensief."
Peter Michalzik, Fr-online.de:
"Am Ende stand doch die Krankheit, der Krebs. Nun hat sie gesiegt. Christoph Schlingensief ist tot. Aber ein Stückchen, das niemand mehr ungeschehen machen kann, so wie niemand ungeschehen machen kann, wer und was Christoph Schlingensief gewesen ist, ein kleines Stückchen hat er diesen Krebs doch besiegt. Indem er geblieben ist, wie er war, indem er ihn öffentlich gemacht hat, mit ihm gelebt hat, uns an seiner Krankheit hat teilnehmen lassen und indem er seine letzten Inszenierungen aus dieser Krankheit heraus gemacht hat. Diese Inszenierungen waren – wenngleich auch lustig, grell und blasphemisch – von einer Inbrunst, die ganz ungeniert gezeigt werden konnte. Irgendwie hat Schlingensief den verfluchten Krebs, diese schreckliche ungreifbare Krankheit, auch benutzt, er hat sich in ihm eingenistet wie der sich in ihm. Aber am Ende musste er natürlich doch sterben."
Franz Josef Wagner, Bild.de:
"Am Wochenende sind Sie mit 49 an Lungenkrebs gestorben. Sie waren Deutschlands Pop-Kulturstar. Wieso versagt die Klugheit, der Verstand der Menschheit vor dem Krebs? Warum ist der Mensch wie ein Tier in der Falle, aus der er sich nicht befreien kann? Geben wir genügend Geld für die Krebsforschung aus? Fördern wir begabte Ärzte, Wissenschaftler? Der Kampf gegen Krebs muss wichtiger sein als Flüge zum Mars oder Mond. Es ist wichtiger, Millionen Menschen vor Krebs zu retten als zum Mars zu fliegen. Ich habe Angst vor Krebs, dem Gift der Chemotherapie. Meine Haare fallen aus, ich magere ab zu einem Skelett. Es ist furchtbar, dass einen niemand rettet."
Christoph Schlingensief, in seinem letzten Blogpost am 7. August:
"Die Bilder verschwinden automatisch und übermalen sich so oder so! – ‚Erinnern heißt: vergessen!‘ (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)"

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